Welche Community? Diskussionsbeitrag: “Wanna Play? Eine Reflexion.”

Der folgende Text ist der Diskussionsbeitrag, den ich letzten Mittwoch auf Einladung des HAU, neben Martin Dannecker und Nathan Fain mit der Moderation von Martin Reichert bei der Veranstaltung “Wanna Play? Eine Reflexion.” beitragen durfte. Meine Meinung zur Debattenkultur und zu den Implikationen der Installation sind ebenfalls auf dem Blog zu finden.

Ich bin heute Abend dazu gebeten worden, ein Statement abzugeben, das Teil einer Reflexion ist – der Ästhet in mir findet das schön, weil ich an die Glasbildschirme denken muss, die Debatte um den Glascontainer, der uns seit geraumer Zeit beschäftigt, bestimmt haben. Reflexion erscheint mir aus intellektueller aber auch metaphorischer Sicht ein schöner Begriff. Die jüngsten Ereignisse um die Installation „Wanna Play?“ von Dries Verhoeven haben – vorsichtig ausgedrückt – eine zum Teil leider unreflektierte Debatte ausgelöst. Diese Debatte trug sich nun nur zum Teil im öffentlich-analogen Raum zu, zum anderen Teil aber im halbprivaten der Facebook-Profile, in Kommentaren und Nachrichten, die klassischen Medien hielten sich relativ zurück, aber auch sie äußerten sich auf Papier und online. Mit diesen Gegebenheiten arbeiten wir, doch jetzt, wo wir alle hier sitzen, ist es vielleicht gut, sich vom Bildschirm zu lösen.
Ich bin nun eingeladen als Journalist und Blogger, der irgendwie Teil einer Bubble, einer Gemeinschaft ist (wir sprachen in der Diskussion immer wieder gerne von „Community“) und damit kann ich vielleicht eine Perspektive einnehmen, die als korrektiv und Entschuldigung funktionieren kann. Im Zuge der Diskussion wurde mir viel vorgeworfen – akademische Unschärfe, unsolidarisches Verhalten gegenüber meinen schwulen Mitmenschen, mir wurde vorgeworfen ich agitiere gegen die „Community“, ich würde helfen zu zerfleischen, was ohnehin bereits vielen Diskriminierungen und Widerständen ausgesetzt ist. Wer bin ich also hier heute zu sprechen? Was qualifiziert mich? Ist es lediglich, dass ich einen Beitrag zu einer Debatten leisten wollte, ohne emotionalisierende und affektheischende Rhetorik?
Das Feld, das ich gerade Debatte nannte, ist weit: es ging um die alte Frage nach dem „wir“, um die Frage nach Privatsphäre, nach den Grenzen der Kunst und der institutionellen Verantwortung für Künstler, um die Notwendigkeit von digitalen Ghettos und deren Auflösung. Das Feld, das ich Debatte nenne ist meistens in einem ziemlich kleinen, serifenfreien Font gesetzt, den man nur schwer lange lesen kann und der sich nicht für längere Texte eignet. Facebook ist als Medium kein sehr nutzerfreundliches und leserfreundliches, will man dort in die Tiefe gehen. Zu wenig Aufmerksamkeit kann man diesen kleinen Buchstaben schenken. Ich will glauben, dass manche unreflektierten Momente in der vergangenen Debatte dem geschuldet sind, der technischen Unzulänglichkeit der Instrumente, die wir nutzen, deren Implikationen für eine Debatte wir noch gar nicht verstehen.
Das ist auch das, was Verhoevens mir als Rezipient seiner Arbeit anbot: den Röntgenblick und -effekt auf ein Instrument der sozialen Interaktion, das wir noch gar nicht verstehen. In meinen Augen ist es Verhoevens Verdienst gewesen, dass er ein schwules Beispiel nutzt und es in einem professionell produzierten Projekt zu einem Anliegen macht, das alle betrifft, die Zugang zu Smartphones haben, die wiederum mit diesem neuen Medium App den Zugriff auf virtuelles Flirten geben. Die Frage nach Grundbedürfnissen und emotionalem Austausch über das Internet hat Relevanz, egal welches Gender man mit welcher sexuellen Orientierung bekleidet.
Während Tinder vor allem für heterosexuell orientierte Menschen einen Fleischmarkt aufbaut, bei dem man durch einfache Daumenbewegungen simple Gebote (Ja oder Nein) abgeben kann, hat sich in den letzten Jahren unter schwulen Nutzern bereits eine Expertise und Verve im Umgang mit verschiedenen Dating-Apps aufgebaut. Wo, wenn nicht aus dieser Ecke von Usern, kann also reflektierte Kritik kommen? Wir sind es doch, die etwas zu sagen haben, für alle anderen, die jetzt sich selbst auf dem Fleischmarkt der Bildschirme feil bieten dürfen. Wir wissen um die Schönheit und das Potenzial, die Gefahr und die Hässlichkeit dieses Mediums.
Zweifelsohne ist die Welt der Glasbildschirme, auf der wir uns bewegen, eine Simulation. Nur weil wir sie taktil bearbeiten, sie anfassen, swipen und liebkosen, sind sie doch am Ende keine Haut, nur Glas, und wir damit gläserne Menschen, weil das Glas uns bestimmt.
Es liegt an uns diese Simulation so zu nutzen, dass sie unsere analoge Welt befruchtet.  Kulturell fruchtbar gemacht haben das HAU und Verhoeven die Simulation der Dating-Apps, haben offenzulegen versucht, wie das Begehren in digitale Bahnen gelenkt wird.
Es liegt an uns, anzuerkennen, dass diese Simulation auch nur die Logiken der analogen Welt abbildet, bevor sie neue Logiken aufbaut. Grindr ist die Idee des Cruising, Sex im öffentlichen Raum, übersetzt in die virtuelle Realität und die technischen Möglichkeiten der Smartphones.
Folgendes Zitat der belgischen Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe liest sich dann auch wie die Bedienungsanleitung für Wanna Play:
“Im derzeitigen postfordistischen Stadium des Kapitalismus kommt dem kulturellen Terrain eine strategische Position zu, weil die Produktion von Affekten eine immer wichtigere Rolle spielt. Da es für den Prozess der kapitalistischen Verwertung von entscheidender Bedeutung ist, sollte dieses Terrain ein zentraler Ort für Interventionen durch gegenhegemoniale Praktiken sein.”
Was, wenn nicht eine gegenhegemoinale Praktik, war die naive Frage „Wanna Play?“ mit der Bedingung, eben nicht dem Sex, sondern der Intimität ohne Sex, Raum zu verschaffen?
Loggt man sich bei Grindr ein, ist man überrascht davon, wie viele Menschen sich dort tummeln. Alle diese Menschen haben ein Smartphone, sie sind auf der Suche nach Sex mit Männern und müssen in der Nähe sein, sonst würden sie mir nicht angezeigt werden.
Das sind die Grundannahmen, die wir an diese kleinen Bildchen stellen.
Grundvertrauen, das wir in das digitale Konstrukt investieren.
Wie fragil dieses Vertrauen ist, hat die Erregungskurve der Debatte gezeigt. Ich möchte von einem Beispiel erzählen, das zeigt, wie fragil der Glasbildschirm wirklich ist und wie verschwendet dieses Grundvertrauen, wenn wir uns nicht eine Fehlertoleranz erlauben und das digitale Ghetto als klinisch-reinen Ort betrachten.
Ich kenne ein Mädchen, das ein Profil auf Grindr hatte. Bestückt mit Bildern eines Freundes, der ihr die Erlaubnis gab, bewegte sie sich im virtuellen Ghetto und schaute sich um. Sie chattete, flirtete und performte wie ein schwuler Mann, also ein „legitimer“ User, auf der Plattform. Alles was sie brauchte, war ein Smartphone und ein paar Bilder. Sie selbst sagte, es habe ihr die Augen geöffnet, die Möglichkeit gegeben, quasi als Drag in einen Raum einzudringen, der nicht für sie bestimmt ist. Es braucht also keine aufwendige Kulturproduktion, um diesen Ort zu entfremden. Es ist so einfach, die Hürde ins Ghetto zu überwinden.
Damit wurde sie Teil der Community, Teil der Männer, die auf Grindr surfen, wurde selbst ein Mann, wenn auch nur virtuell, wenn auch nur simuliert – aber wer konnte das wissen? Wer konnte wissen, wer sie „eigentlich“ war?
Niemand.
Wenn ich etwas aus der Debatte um Wanna Play? gelernt habe, dann ist es, dass die „Community“ nicht existiert, dass sie divers und widersprüchlich ist. Es gelingt uns nicht mit einer Stimme zu sprechen, weil wir viele sind, wir, die wir mit Männern schlafen, die wir Smartphones haben, die wir Dating-Apps nutzen.
Das digitale Ghetto ist eine Simulation und jede Simulation hat ihre Grenzen. Es liegt an uns diese Widersprüche auszuhalten und sie gegenhegemonial fruchtbar zu machen. Auch die „Community“ ist nur eine Simulation, ein Konstrukt, dass sich in seiner widersprüchlichen Diversität gezeigt hat. Wenn wir die digitale Simulation überbewerten, ihr zu viel Raum geben unsere Emotionen und Realitäten beeinflussen zu lassen, dann tun wir uns keinen Gefallen.