Jago St. Jago

„Ich ziehe, wenn du ziehst.“
Wie kann dumm sein was wir beide tun und wir beide zogen mit.
Wir öffnen die Tür nach drüben, wo ich nicht mehr hin will, wo er nie war, wovor er immer Angst hatte, wovon ich mich abgewendet habe.
Er sagt, er hätte Angst vor der Dunkelheit, die er gesehen hat.
Ich sage, irgendwann glaubt man am Ende der Dunkelheit Licht zu sehen, aber nur, weil man rückwärts läuft ohne es zu merken.
Er sagt, er hätte jetzt eine Ahnung von dem, was dort drüben lauern kann.
Ich sage, du hast keine keine Ahnung, wie weit man da noch gehen kann, so viele Level tiefer.
Er sagt, er kann verstehen, warum Leute auf der anderen Seite hängen bleiben.
Ich sage, das ist eine Reise, die ich mit dir nicht machen möchte.
Vielleicht die einzige Reise, die ich mit dir nicht machen möchte.
Eine Reise, bei der wir keine Kondensstreifen im Himmel hinterlassen, sondern Kondensstreifen vernichten, eine Reise rückwärts, eine Reise in eine andere Dimension.
„It basically fucks you up“ sagt James. St. James, das größte aller Clubkids mit Seth Greens Stimme in meinem Kopf.
Nie wieder, schwöre ich und er tätschelt mir den Kopf, vielleicht weil er stolz auf mich ist, vielleicht weil das im Repertoire unserer Bewegungen füreinander Zustimmung bedeutet.
Dann erzählt er von Santiago, Chile, Südamerika, wo er herkommt, wo wir hinwollen, wenn wir Geld haben, wo er gerade nicht leben will, wovor er nicht geflohen, aber willig ausgewandert, um in Berlin sein Glück zu versuchen, wo sich dann unsere Wege kreuzten.
Er erzählt und ich träume mit ihm, höre dem sonoren Ton seiner Stimme zu, die selten zu langen Monologen ausholt, lege den Kopf auf seine Schulter, in der Hoffnung, dass die Vibration aus seinem Brustkorb auch hier zu spüren ist und streichele seine Hand, die sich so weich in meine drückt. Ich höre zu, weil ich wissen will, wer er ist, wo er herkommt, wen ich da eigentlich liebe.
Er erzählt von der Zeit nach dem faschistischem Regime, dem Ende der Unterdrückung, dem Ende von Folter, von Mord, von Willkür. Er erzählt von einer Zeit der sexuellen Freiheit und von Parties, die bis Mittags dauerten, von leerstehenden Häusern, die zum Club umfunktioniert wurden. Er erzählt von New Wave und Electro Clash, von Sex und Drogen, von Aufbruchsstimmung und einer Szene, einer kleinen Szene, mit ihren Größen und Charakteren, ihren Clubkids und ihren Junkies.
Die ausgehenden 90er und die 00er Jahre entlang entwickelt sich die Party und nährte die Sehnsucht. Während hier noch Techno lief, war man da noch in den 80ern, aber als hier auch schon Miss Kittin in der Panne residierte, clashte drüben der Elektro.
Die Party-Geschichte, die ich kenne, schreibt man im Westen mit Detroit, Chicago, New York, Berlin (Ost und West, dann alles), London, Manchester. Niemand hat Santiago auf dem Radar.
Aber er erzählt mir von einer Szene, die ich mir plastisch vorstellen kann, mit Voguing, wie bei Paris is burning, mit besetzten Häusern und einem Theater, das besetzterweise zum Club wurde.
Ich nicke zustimmend auf seiner Schulter liegend, er nimmt die Geste als Aufforderung das Thema zu vertiefen, bohrt weiter in seinen Erinnerungen, ohne zu wissen, was er bei mir auslöst, welche Faktenlage er da gerade verdichtet.
Er sagt, es hätte viele Stockwerke gegeben, mit jedem Stockwerk wurde es dunkler und sexueller. Ganz oben wäre man hingegangen, um zu ziehen. Das weiße Pulver, das alle beherrschte, vor dem er sich scheute, das er nicht anfassen wollte.
Ich muss an Kleist denken.
„In St. Jago“ – das er St. J A G O schreibt „der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte und wollte sich erhenken.“
Der wurmige Satz formt sich neu in meinem Kopf, neu nach den Bedingungen, die knapp 400 Jahre später in Aktion treten:
„In St. Jago“ – die Schreibweise leihe ich mir aus „der Hauptstadt der Republik Chili, stand gerade in dem Augenblick der großen Party vom Jahre 2007, bei welcher viele hundert Menschen ihren Untergang fanden, ein junger Chilene an einem Pfeiler des Theaters in welches man ihn eingesperrt hatte und schaute den anderen beim ficken und ziehen zu.“
Hätte ich nicht selbst schon mein subkulturelles Gayfett weg, hätte ich mir nicht schon meine eigenen Sporen im Sex-Drogen-Sumpf verdient: ich wäre geschockt. Aber gerade, weil ich mir grob vorstellen kann, wovon er spricht, klickt es in meinem Kopf:
Noch ein Fleck auf der Landkarte, der in der Postmoderne in einem ganz bestimmten sozio-politischen Klima so funktioniert, wie so viele andere Punkte.
Sex. Freiheit. Drogen. Musik. Exzess. Und eine Droge ganz besonders. Kristalliner Zeitgeist.
James St. James. Santiago. Der Heilige Jakob. Schutzpatron der Apotheker und Krieger. Die Ironie der Faktenlage klatscht mir ins Gesicht. Aus der Apotheke bekommen sie ihr Elixier, backen es zu kleinen Kristallen, die sie zerstören, bevor sie in die Schlacht ziehen, die K-K-K-Krieger.
Er erzählt die Geschichte von Leuten, die er aus dieser Szene kannte, die mit ihm Kunst studierten, die in seinem Milieu, die um ihn herum waren, er erzählt wie er sie beobachten konnte – beim Verfall.
Geistig. Seelig. Körperlich.
Er erzählt von diesem Typen der ein Dealer war. Der das weiße Pulver verkaufte. Der sogar im Fernsehen war, in einer Show, als Schauspieler.
„High?“ frage ich und muss heimlich kichern, kichern, um nicht betroffen zu werden, oder zu moralinsauer. Kichern um der Distanz willen, die Distanz zwischen Chile und mir hier, die mir immer kleiner vorkommt, weil ich weiß, wovon er spricht, weiß, was er meint, wenn er von Verfall erzählt.
Geistig. Seelig. Körperlich.
Weil ich die leeren Augen kenne, die in meiner Vorstellung in die Kamera schauen, ihrem Glanz beraubt, weil das weiße Pulver stattdessen glitzert.
Ich kenne diese Augen. Aus dem Spiegel. Aus der Erinnerung. Ich kenne diese Augen aus meinem Umfeld. Wir alle kennen diese Augen, die sagen, ich bin schon hier, komm doch mit, folg mir, ich bin schon drüben, warum bist du noch nicht hier?
Ich hab dir einen Frankfurter Kranz gebacken.
Er antwortet nicht und erzählt einfach weiter, ich habe ihn noch nie so agitiert sprechen gehört, so betroffen, so in sich versunken, spricht er weiter, als erinnerte sich an etwas, das er erst jetzt versteht.
Er sagt der Dealer-Typ sei nach Barcelona gegangen, um dort zu studieren, aber hätte all sein Drogen-Geld verprasst und jetzt wüsste keiner, wo er ist. Ein gescheiterter Junkie, high vom Glamour, high vom weißen Glitzer-Pulver.
Und dann hält er kurz inne.
Er schluckt schwer, atmet ein und aus, mein Kopf auf seiner Schulter hebt und senkt sich, mein Nacken fühlt sich verspannt an und ich richte mich auf, schaue ihm in die Augen, die ein wenig feucht sind, die nachdenklich aussehen, deren warmes braun jetzt eine Tiefe hat, die ich so noch nie an ihm gesehen habe.
Ich weiß nicht, ob ich Mitleid höre, ob ich Mitleid hören will, wenn er davon erzählt, wie er die Stadt in der er geboren wurde satt hatte, auch, weil die Clubkids jetzt mit ihm ins Berufsleben einstiegen und ihren Lifestyle nicht mit den Anforderungen der erwachsenen Welt abgleichen konnten. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, weil ich die Geschichten aus dieser Stadt in diesem Land am Rand von Südamerika, das aus Strand und Bergen besteht, wo man Ketamin in Ampullen in Apotheken einfach bekommen kann, weil ich diese Geschichten höre als wären sie Märchen, die versuchen eine Aussage über meine Realität zu treffen.
Ironie des Schicksals – schon wieder – muss ich an ein Zitat von Party Monster denken, dieser Film mit den Clubkids, die immer auf Keta sind, dabei ist der Film im Vergleich zum Buch so langweilig, das Buch ist viel interessanter, es gibt so viel was man zitieren kann, so viel Ketamin wurde noch nie in einem Roman gezogen, ich sag‘s euch, aber in meinem Kopf sagt Seth Greens Stimme als James St. James als Heiler Jakob als Santiago als Schutzpatron der Apotheker und Krieger:
„No matter where you are in the world, there is always someone willing to help you get fucked up.“
Ich lege meinen Kopf wieder auf seine Schulter und schließe die Augen, drücke seine Hand fest und seufze. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Mehr will ich dazu nicht sagen. Dazu fehlt mir zwar nicht der Mut, aber die Lust. Zu tief der Schock dem heiligen Jakob und seiner Apotheke entkommen zu sein und nicht mehr einen verlorenen Kampf zu kämpfen, der mehr eine Zer- als eine tatsächliche Auseinandersetzung ist.
Schweigend stimmen wir überein: es gibt keine Opfer, nur Fehler im System. Dass Existenzen dabei draufgehen ist auf der Meta-Ebene, auf der Ebene der Faktenlage, auf der Ebene der Heiligen, der Clubkids, der Geschichte, des großen Ganzen egal, denn ihnen ist die Meta-Ebene, die Faktenlage, die Heiligen, die Clubkids, die Geschichte, das große Ganze, sie sind sich selbst doch auch egal.

Ketamin ist das Symptom eines Problems, als dessen Lösung es sich präsentiert.
Ketamin ist die Flucht vor einer Realität, die zu Ende kommen muss.
Ketamin ist die letzte Droge der Postmoderne.

 

Dieser Text war bisher unveröffentlicht und wurde zum ersten Mal bei 48h Neukölln (2014) gelesen.

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