Der Glitch in der Platte.

Auch wenn ich immer wieder in großen Medien Interviews mit Intellektuellen lese, die mir erzählen wollen, dass der Kapitalismus sich gerade zu einer besseren Gesellschaft transformiert, in meinem Alltag aber trotzdem Geld gegen alles und zu viel eintauschbar ist, oder mir jemand an den Kopf knallt, solange ich noch Schuhe an den Füßen habe, bin ich nicht arm, ich mich aber trotzdem Fragen muss, wie ich mir etwas zu essen kaufen soll, oder mir jemand drückt, dass Depressionen nur Luxus seien, morgens nicht aufstehen können aber das Gegenteil von Freiheit ist; trotz all dieser Konflikte mentale Projektion vs. Realität (0:1, btw), oder gerade wegen ihnen, sind es die Kleinigkeiten im Alltag, die kleinen Fetzen des Versprechens auf eine bessere Zukunft, die mir das Gefühl geben in einer doch schon trotz allem guten Gegenwart zu leben.
Orte der Gemeinschaft, Orte des Teilens, Orte der gemeinsamen Erfahrung – das ist, wonach ich gerade suche. Aber wie mit so vielem – Haustürschlüssel, Liebe, eine öffentliche Toilette – wenn man zu angestrengt sucht, findet man es nicht. Ist man dagegen offen für Momente der Überraschung, mit einer niedrigen Erwartungshaltung und dafür umso größerer Frustrationstoleranz und daraus resultierender Begeisterungsfähigkeit, wird man fündig.
Es war ein Dienstagabend, ich wollte ins Bett, um eine ausklingende Erkältung nicht zu provozieren, als mich eine Freundin anrief und mit mir auf ein Konzert gehen wollte. Ich war die dritte Wahl, nach ihrer Schwester, gerade zu Besuch, und einem Bekannten, der die Veranstaltung auf Facebook gepostet hatte. Billig zu haben, war ich, aber froh um die Einladung.
Wir wussten nicht was uns erwartete, als wir im Hinterhof eines Plattenbaus in der Köpenicker Straße über die längst vergangene, in ihrer dritten Inkarnation wieder auferstandene, Bar 25 lästerten (nur Buffy kam öfter von den Toten zurück) und einen Joint rauchten. Typen in schwarzen Bomberjacken, drei an der Zahl, drei Bomberjacken, tigerten erst hinter und dann vor uns umher, bis sie im Plattenbau verschwanden. Wir folgten ihnen eine Joint-Ewigkeit später in die Platte, hörten Musik und gingen eine Treppe hinunter, auf deren Zwischenebene mit Gaffertape das Akronym der Party auf die Wand geklebt war und ein Typ an einer Art Kasse saß. Der Preis war mit 0-3€ moderat, wir sammelten rote Münzen und ließen die Porzellanschlüssel über Gebühr klingeln.
Der Kassenwart lächelte uns an. Es ging also um die Geste, die Anzahl der Münzen, die wir opferten, mehr als um den numerischen Wert dieser Münzen.
Weil es Dienstagabend war, blieben wir bei einer Limo, die noch warm war, wobei genauso warmes Bier definitiv für Bauchschmerzen gesorgt hätte und wir alkoholfrei die bessere Wahl machten, bemerkenswert, weil unsere Intuition heute eingenordet war.
Ohne jemanden wirklich zu kennen, standen wir im Kellerraum eines Plattenbaus, der halb vom aufgebauten DJ-Pult und einer im Verhältnis zum Raum viel zu großen Anlage eingenommen wurde. In der Mitte des Raums war ein Korridor, weil niemand sich dorthin stellen wollte, niemand den ersten Schritt machen. Die Musik war live, suppig, süffig aber zu unkomplex, also zogen wir uns wieder zurück. Irgendwann saßen wir aber auf der Treppe, der Korridor war jetzt ausgefüllt, die Musik wechselte zu Bass-schwerem Techno, der die Treppe hinauf flutete. Aus dem dronigen Ambiente wurde eine komplexe Soundlandschaft, die nicht mehr mit Loops hypnotisierte, sondern komplexe Rezeption forderte und auf eine Reise mitnahm. Wir traten hervor in eine der ersten Reihen, wo Leute bereits tanzten, entspannt und verloren, in halbförmigen Kreisbewegungen oder mit stampfenden Moves, gerade so energisch, dass sie zu einer kleinen Party passten, die man Dienstags besuchte, die um 21.00 Uhr anfing, die keine Facebook-Ankündigung hatte, die unregelmäßig stattfand, auf der Leute eines New Yorker Labels spielten, die unter anderem „Outsider House“ machten, was mit Sicherheit eine der lustigsten Genre-Bezeichungen ist, weil die Semantik hier einem so hart um die Ohren fliegt, dass man FUCK GENRES denken muss. So tanzt man nicht mehr oft. So verloren, so verträumt, so sicher und so schön.
Heiliges hatte dieser Moment der gemeinsamen Rezeption von Musik, von Leuten, die während sie spielten, von einer Person im Hintergrund begleitet wurden, die fast Performance-artig die Lichtsituation änderte, weil sie mit Stoffbahnen und Gaffer das Licht abklebt. Es war jetzt egal, ob der Typ, der uns eben beide begrüßte, jemand war, den man kennen musste, es war egal, ob der Typ in der Ecke dahinten vielleicht doch irgendwie mal auf dem sozialen Radar war. Die Kartographierung des sozialen Terrains war zweitrangig.
Der Techno bohrte sich immer tiefer in den Keller. Eben saßen wir noch auf den kalten Treppen, den ganzen kleinen Raum im Blick, wo die Tänzer und der DJ ein Gesamtkunstwerk bilden, dessen Statisten wir waren, jetzt aber in Hauptrollen gecastet, mit solipsistisch geschlossenen Augen. Wir tanzen im Halbkreis, halbwach und in einer Trance, die wir kennen, die wir gelernt haben, die wir vermissen, vergaßen, verloren. Diese Trance wurde in den uns lieben Clubflächen weggentrifiziert von Fashion Goths, Techno-Kids, Berghain-Girls, Hobby-Darksen, Laufsteg-Tänzern und Posern. Unsere Liebe zur Musik findet jetzt im Keller einer Bar in einem Plattenbau in der guten alten Köpenicker inmitten der schönen neuen Welt, an die wir bereits gewöhnt sind, unweit vom schönen, neuen Tresor, ihre Erfüllung. Wir glauben wieder an das geravte Manifest einer besseren Zukunft. Wir brauchen keine Worte, keine Bilder um unsere Affekte zu erwärmen.
Wir kommen ohne Zielgruppenaktivierung aus, weil wir über die sozial-mediale Mundpropaganda hierher gelockt wurden.
Wir brauchten kein zielgruppenorientiertes Flyerdesign.
Wir brauchten keine Gästeliste.
Wir brauchten nichts.
Wir bekamen diesen zeremoniellen Moment, an dem wir die Augen schließen, die Ohren öffnen, das Gehirn in diesen abstrakten Modus schaltet, der nur Techno kann. Wenn die Geräusche zu Flächen werden, sich Ebenen auftun und mir dann doch die Worte fehlen, um zu beschreiben, was die Musik mit meinen Gefühlen macht. Es sind keine Gefühle, die ich benennen kann, weil wenn ich das tue, breche ich die Affekte auf sprachlich codierte Bilder herunter, aber es wäre mir lieber, du hättest gehört, was wir gehört haben. Es war keine geile Party, wir haben nicht fett getanzt, aber wir haben uns diesem Arrangement verkettet, dieser intelligent gestrickten Soundgirlande, die wir entlang tanzten, als gäbe es kein morgen, weil das eine temporale Kategorie ist, eine Schicht der Raumzeit, mehr nicht.
Techno spendet dann Hoffnung auf eine bessere Welt, in der wir Konvivalisten sind, die miteinander Leben, weil wir unsere Aggressionen und dunklen Gelüste in dreckigen Plattenbaukellern austanzen, zu Techno, als wäre er Tango, der Tanz auf dem Vulkan, nach dem wir alle suchten, zu dem wir pilgerten, wie Propheten auf den Berg, der hoffentlich auch bald wie heimlich gehofft explodiert, damit wir den Alltag aushalten, der nicht mehr hält was er verspricht, denn trotz verlängerter Garantie und Haftpflichtversicherung ist die Dissonanz, der Krawall, der Konflikt ontologisches Basiswissen, das wir mit dem künstlichen Geschmäckern der Sicherheit nur übertünchen können. Warum zusammenhassen was alles kacke ist, wenn man zusammen tanzen kann? Tanz ist emotionaler Auslauf unsere ästhetische Bildung ist unsere Revolution.
Manchmal, an einem Dienstagabend, gibt es diese Momente, die beweisen, dass man heimlich doch auf der Suche nach Alternativen ist, und die anderen auch, und dann kommen wir zusammen und tanzen konspirativ, weil es ein Morgen gibt, das uns gehört.

// Bild via flickr.

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Comment (1)

  1. Grüße aus der Provinz

    Wunderschön geschrieben.

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