WHITE IS THE DARKEST COLOUR

[ezcol_1fifth]O[/ezcol_1fifth] [ezcol_3fifth]Mode ist keine Magie, aber eines hat sie mit ihr gemeinsam: Suggestive Gesten haben eine Wirkung auf die Umwelt. Magie ist, egal ob im Hollywood-Kino oder in Märchen, eine ästhetische Operation, die die Umwelt verändert. Ohne Geschmacksverstärker und Chemie gibt’s aber leider keine Instant-Lösungen, also auch keine Magie, also leider alles nur Imagination. Dennoch erfüllt sie eine psychohygienische Funktion, weil die innere, diskursive Reinigungskraft nichts wegschmeißt, sondern liebevoll wegräumt.
Magie ist faszinierend, weil sie alle Ausschreibungen der rational-christlichen Konjunktion , die unser denken bestimmt, zusammen bringt. Alles was nicht wahr sein darf, entweder aus rationalen, d.h. wissenschaftlichen, d.h. „wissenschaftlichen“, d.h. rationalen Gründen oder aus religiösen, d.h. „religiösen“ Gründen, ist nicht wahr. Das stabilisiert Machtsysteme, auch wenn sie sich doch dreht, merkt’s die breite Öffentlichkeit halt einige viele Jahre (= Drehungen der Erde um die Somme) später.
Weil Magie und das Okkulte und die Darkness und der ganze böse Rest die Leichen im Keller sind, findet jeder jugendliche Grabräuber auf der Suche nach provokativen Schätzen da unten mehr, als ihm lieb ist. Wer in den Keller unserer Vorstellungskraft geht, der zieht sich besser schwarz an. Oder zog sich besser schwarz an. Der Keller wurde nämlich gentrifiziert. Er ist jetzt salonfähig. Im dunklen Keller der Diskurse hat gerade eine hippe Bar aufgemacht, die nebenbei noch einen Concept Store betreibt. Vorbei sind die guten darken Zeiten, in denen es einen von der Masse abhob, irgendwie dunkel zu sein.

Von der Hausfrau, zum Hippie, vom Fashion-Opfer zur Kunstgeschichtsstudent_in, egal ob „Young, Hip & Gay“ oder Tourist, mit oder ohne Kopftuch, mit oder ohne Ballerinas, auch die Sneaker: alles schwarz. Die Tarnfarbe der Avantgarden, sie ist komplett in der Mitte der Gesellschaft angekommen (Rollkragenpullover allerdings nicht). Alle, alle, alle tragen Schwarz. Jeder Stil lässt sich, als ob man den eigenen Kleiderbestand mit Photoshop bearbeiten könnte, einfach auch in schwarz umsetzen. Es gibt alles in Schwarz, das zu allem passt, vor allem zu schwarz. Steht zwar nicht jedem, aber das ist der Punkt bei der Vermainstreamung von Trends: es sieht manchmal s… stümperhaft aus.

Woher die kollektive Darkness? Gab es nicht mal sowas wie „Grufties“? Gothics? Hat man die nicht auf dem Schulhof verschrien? Oder kommen wir nach der ganzen Buntheit jetzt kollektiv in eine Phase der Regeneration, waschen unsere Augen rein und tragen schwarz, um inne zu halten. Darks zu sein ist nicht einfach, das weiß auch Veronica Rodriguez de la Luz del Topo (Veronica Rodriguez vom Licht des Maulwurfs):

Auch Ende der 1990er gab es eine Periode, in der alles sich verdunkelte, aber das weiß ich ehrlich gesagt eher aus Popmusik-Videos. Ich komme nicht umhin: Madonna tanzt mit esoterischen Handbewegungen in meinem Kopf und mmmmmhmt vor sich hin.

Was man an Madonnas kitschigem Pop-Song über eine unmögliche Liebe ablesen kann, ist die psychohygienische Funktion der Darkness. Mit ihrem Star-Sein ist nicht nur die permanente Produktion von Bildern und Identifikationsangeboten verknüpft, sondern auch die Notwendigkeit, Trends zu erahnen, damit zu setzen, bevor es jemand anderes tut.  Madonna ist als Kunstfigur wiederum ein Produkt, der Name verweist nicht nur auf die Performerin, sondern auch auf eventuelle Berater (Gothics auf dem Marsch durch die Institutionen?). Madonna, die Pop-Erscheinung in ihrer ganzen Komplexität, hat gewissermaßen die Darkness erkannt und für uns alle gemmmmchannelt. Die Faszination mit dem Abtrünnigen, der heiße Tango-Tanz mit dem Teufel, ist so sexy, weil die Provokation als Haltung so einfach zu produzieren ist. Die Requisite dafür ist farblich nicht allzu divers und die Stilelemente sind für jeden einfach zu lesen. Provokation ist mit dem neo-liberalen Sieg über die Vernunft (wirtschaftswissenschaftlich als „Rational Choice“ etikettiert und damit irreführend für die Verbraucher) zu einem Produkt geworden. Don’t be stupid! Shoes are boring, wear sneakers! Je weiter die Kommodifizierung, das Ware-werden der Rebellion, voran geschritten ist, desto weniger wird sie wahr. Rebellion wirkt jetzt auch gar nicht mehr notwendig, weil sie verkaufbar ist, nur eine Haltung, und deswegen muss ja alles gut sein. Und trotzdem ist sie affektiv notwendig, aber weil Emotionen sich auch durch Simulationen befriedigen lassen, ist die Rebellion als Haltung mit umlangweiligen Sneakers leider genug.
Es gibt ohnehin keine Alternativen, alles ist erlaubt, weil man sich alles in schwarz kaufen kann.  Die Aktualisierung des Bedürfnisses nach Auflehnung lebt man durch einen kurzlebigen Trend aus, dessen ausgebleichte Reste in ein paar Jahren nur noch als Schlafanzug dienen werden („Ach damals hab ich immer schwarz getragen, jetzt ist die Phase vorbei.“ hören die unbekannten Partner jener fernen Zukunft.) Die Sehnsucht nach Transzendenz, die Sehnsucht nach Hilfe für das eigene Leben, ist vielleicht ein durch Konsum erregbarer Reiz, aber wird dadurch niemals vollständig befriedigt werden können.

Nur Schwarz zu tragen war in der jüngeren Vergangenheit eine ästhetische Operation der Abgrenzung, egal ob intellektuell oder ostentativ traurig oder okkult oder halt darks. Schwarz als Farbe für mehr als nur „klassische“ Kleidungsstücke ist grundsätzlich also salonfähig: unabhängig von irgendwelchen Kleiderordnungen lässt sich alles einfach schwarz umfärben. Ein Meta-Trend quasi, ein Trend, der die invididuelle Zugehörigkeit zu einem Kleidungs-Ideologie-Stamm vollkommen intakt lässt. Du kaufst nur Demeter-Produkte und futterst nachts heimlich Salami? Scheiß drauf, auch du kannst jetzt voll dark aussehen. Du hast gerade ein Kind bekommen und trägst gerne Birkenstock? Auch du kannst noch immer hip und dark sein!

Und was machen die, die sich vorher von oben bis unten in schwarz verhüllten? Die es ernst meinten und jetzt keine Gleichgesinnte, sondern nur Wohlgesinnte sehen? Die Mitglieder dieser Verschwörung gegen, oh weiß keiner so genau, aber ist halt so eine innere Einstellung, Überzeugungstäter der Alternative – sie weichen aus. Die Sonnenbrille mit den runden Gläsern behalten sie auf. Die schwarze Kappe drehen sie immer noch nach hinten. der Mantel ist vielleicht noch schwarz: aber immer weiter Waschen sie ihre vom Hedonismus verdreckte Weste rein. Immer weiter ziehen sie sich zurück aus der Verschwörung, sehen keinen anderen Ausweg, nicht mit dem Mainstream verwechselt zu werden als: weiß zu tragen. Der Joker ist gespielt!

Ist das die (drogenschwangere) Erleuchtung? Sind diese Menschen, die schon vorher wussten, dass Schwarz die kleidsamste aller Farben ist, während der Kapitalismus in seinen letzten Atemzügen siecht und das 21. Jahrhundert noch gar nicht angefangen hat richtig loszulegen, weiser als alle anderen? Oder ist das die simpelste und reduzierteste Form von antagonistischem Denken, die man sich vorstellen kann?

Mode ist ein Barometer für Stimmungen. Mode ist auch eine zyklische Maschine, die immer  irgendwo vorhersagbar ist. Bei aller abstrakten Kritik und bei allem, was man über die Meta-Implikationen sagen kann: Hip teens don’t wear black jeans.

Bild via desmotivaciones.

Video: Madonna – Frozen.

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