Kleine Philosophie der Klammer

Es gibt Abschnitte im Leben, und es gibt Klammern. Gefährten können in einen Lebensabschnitt fallen, man kann Phasen entlang von außen bestimmten Faktoren festmachen (die Schulzeit, die Ausbildung, ein Kleidungsstil, Musikgeschmack), aber Klammern verhalten sich anders als der Rest der Zeit. Sie sind die Ausnahme – oder sollten sie sein.

[ezcol_1fifth]X[/ezcol_1fifth] [ezcol_3fifth] Das Leben in der Klammer funktioniert nicht, weil eine Klammer zu öffnen, bedeutet, sie auch implizit schließen zu müssen – und sie damit verlassen, will man, dass das Leben weitergeht: sonst erstickt man. Eine Phase hingegen ist organischer, sie kennt Transitmomente, kleine Zeitpixel, die Stück für Stück eine neue Phase einleiten. Phasen sind die organischen Bestandteile des Zeitstrangs, für das Bewusstsein leichter verdauliche Einheiten der Analyse, Klammern dagegen sind intensiver, kondensierter – und damit kein Dauerzustand. Sie sind die Ausnahme, die die Regel bestätigt, damit wir überleben, aber sie sind nicht unser Biotop.
Jeder Versuch in der Klammer zu überleben muss scheitern.
Jedes Leben, das die Klammer ignoriert, ist ein langweiliges Leben.
Langeweile ist Zeit, die schon zu lange vergeht, eine Weile, die sich auch noch in die Länge zieht.
Itteration und Wiederholung sind zwei wichtige Faktoren der Zeit, die zugleich absolut und doch teilbar ist. Denken wir die Zeit als absolutes, ist sie zugleich nichts – es macht keinen Unterschied, ob alles Zeit oder nichts Zeit ist. Ist die Zeit aber absolut und zugleich teilbar, wird sie erkennbar – und ist sie erkennbar, ist sie analysierbar und ist sie analysierbar, ist sie die Grundlage für Erinnerung (persönlich wie kollektiv) damit Identität und damit Politik und damit Kultur und damit Kunst und damit alles Diskursive.
Alles ist durchdrungen von Zeit und Zeit ist mehr als die Summe von Ereignissen, mehr als die Summe ihrer Einheiten, weil sie keine Einheit ist – sondern kulturelles Produkt, mechanisch diszipliniert, mechanisiert und disziplinarisch.
Sie ist eine Art der Reflektion, eine Spiegelung, ein Trick unseres Bewusstseins, wobei der Begriff Trick irreführend ist. Es ist der modus operandi und vivendi unseres Seins. Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Realität, sind der fruchtbare Boden für eine neue Realität und eine neue Sprache. Und weil auch die Zeit nicht absolut ist, um Teil unserer Wahrnehmung sein zu können, weil wir nur durch Differenz erkennen können, nur durch die Reflexion zu uns selbst finden können, wir, mit unseren narzisstischen Bewusstseinen, die wir tot wären, sendeten oder empfingen wir nichts mehr, wir, die wir die anderen brauchen, weil es nur dann gemütlich ist, die anderen, von denen wir uns abgrenzen, müssen wir auch die Zeit einteilen, damit sie Sinn für uns macht und damit unseren Leben hilft, die wir vom Tod zu unterscheiden suchen.
Deswegen gibt es Klammern. Damit wir wissen, dass wir leben. Und damit wir wissen, dass wir leben, müssen die Klammern auch gefährlich sein, denn wären sie sicher, wären sie dem Tod näher als die Gefahr.
Manche Klammern sind schön, andere tun weh. Manche Klammern können wir bewusst betreten, in andere werden wir hineingeschubst. Manche Klammern existieren nur für uns, andere für mehrere oder sogar viele Menschen. Manche Klammern sind Diskurse, andere persönliche Emotionen. Die Klammer als Konzept ist ein ebenso pulsierendes Gebilde, wie die Zeit, aus der sie sich erhebt, aus der sie gebaut ist, in die sie wieder zerfällt.
Wann eine Phase anfängt und wann sie aufhört, weiß man oft nicht, auch wenn man es zu hoffen glaubt. Manche Phasen erkennt man erst vom Plateau einer anderen Phase aus. Eine Klammer dagegen ist leichter erkennbar. Macht man die Klammer zur Phase, handelt man kontraintutiv. Taucht man ganz in der Klammer ab, läuft man Gefahr zu ersticken. Taucht man nie in die Klammer ein, versteht man wohl nie die Schönheit jenseits des spießigen Horizonts, bleibt im konzentrieren Lager der disziplinarisch tickenden Zeit, die so gerne eine Bombe wäre, die nicht explodieren darf. Klammern sind spirituelle Reisen, transzendente Momente, vielleicht auch nur Augenblicke, manchmal lange wache Tage, manchmal nur die Zeit zwischen Kuss und Orgasmus, ein andermal mit 120 bpm, manche teilt man, anderen durchläuft man alleine. Man kann die Klammer leugnen, aber ihr entrinnen kann man nicht.
Und weil die bürgerliche Realität im 21. Jahrhundert langsam bröckelt, die Moderne als bürgerliches Missverständnis entlarvt werden kann und sich in ihrem Post-Stadium auf ihr Frühstadium zurückbesinnt, gibt es immer mehr Klammern im Kollektiv und in den Individuen. Die bürgerliche Realität hat das christliche Versprechen eines Lebens nach dem Tod vergessen und durch den Kapitalismus die wenigen befriedigen gelernt indem es viele ausnutzt, indem es die Klammern eliminiert, indem es das Leben selbst in eine große Klammer setzt, in die große Ausnahme, und die Klammer zugleich leugnet. Die Schizophrenie der Welt in die wir hineingeboren wurden bröckelt, die Stimmen, die das bürgerliche Gewissen in unserem Kopf selbst hört, die das Gewissen verrückt machen, verstummen langsam, und die Klammern kommen wieder, tauchen überall aus der zu lange weilenden Zeit auf, destabilisieren das System, destabilisieren den Wohlstand der Wenigen, destabilisieren ihre Klammer.
Die Klammer ist die zeitliche Natur der Revolution. 
Wenn wir die Revolution wollen, brauchen wir die Klammer.
Wir üben die Revolution, indem wir die Klammer üben.

Doch was sind Klammern? Der Versuch einer umfassenden Definition muss scheitern, weil auch er wieder Klammern setzten würde, die die Klammern selbst absterben ließen, weil sie atmen müssen, aber ich kann Beispiele geben. Klassische Klammern, gewissermaßen, die Klammern erkennen und bauen lassen. Letztlich ist die Klammer wie Magie: etwas, an das wir glauben wollen, aber nicht müssen, etwas, von dem wir uns gerne verführen lassen, wenn wir im Kino sind, oder ein Buch lesen, aber selbst in unserer Lebensrealität nicht verankert sehen. Und das ist der Punkt der Klammer: sie ist nicht unsere Lebensrealität. Aber sie ist das Leben. Und sie ist real.

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Bild via flickr.

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Kommentar (1)

  1. Leopold Stotch

    Bist du ganz sicher, dass dieser Text 52 Euro wert ist? 😉

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