Hallo Leinestraße!

Viel zu spätes, ungebetenes Grußwort zur Eröffnung der U Leinestraße

Keiner hat mich darum gebeten und wenn, dann hätte ich es verkackt. Die Eröffnung der U Leinestraße ist schon länger her. Gab’s Feierlichkeiten? Keiner hat mich eingeladen. Dabei habe ich so viel zur Geschichte dieser Station zu sagen. Nicht zur Geschichte der Station als solche, aber die Station war die Bühne vieler Ereignisse in meinem Leben.

Mit dem Umbau der Leinestraße wurde auch ein Ort für immer verändert, der Zeuge einiger wichtiger Veränderungen in meiner Biographie war. Als ich nach Neukölln zog, war die Leinstraße meine erste Station. Meine Heimat. Der Ort, an dem ich von der Oberfläche in den Untergrund switchte, wo die unterirdische Welt der Transporte durch das Gefäßsystem der Stadt mich wie einen Botenstoff durch den Körper Berlins pumpte, damit ich irgendwo anders aktiv wurde.

Leinestraße war zum ersten Mal besoffen in Berlin nach Hause kommen. Zum ersten Mal nach einer chemisch aufgemöbelten Party wieder ins Tageslicht torkeln. Auf dem Weg in die Uni, auf dem Weg nach Hause vom Abschluss, auf dem Weg zum Einschreiben für den Master, auf dem Weg zum ersten Vorstellungsgespräch, auf den Weg hat mir die Leinstraße viel mitgegeben. Hier hielt ich inne, vier Minuten tagsüber, wochenends auch mal acht Minuten, während ich auf die Bahn wartete, machte mir Gedanken über – was auch immer man sich Gedanken macht, wenn man auf die Bahn wartet. Wahrscheinlich dachte ich öfter, als mir lieb ist einfach über die Bahn nach.

In einer Stadt, die so groß ist wie Berlin, verteilen sich die Erinnerungsorte anders, als in einer Kleinstadt, dachte ich mit Anfang zwanzig. Ich dachte: wenn es so viel Platz gibt, dann verteilen sich die Ecken, die mich an etwas erinnern, die mir von alten Erlebnissen flüstern, viel mehr im Raum der Stadt. Naiv kommt mir das jetzt vor, Jahre später, in die Hohe Kunst des Kiezes eingeweiht, den man nur verlässt, wenn es notwendig ist – also nie.

Wie klein die Stadt ist, wie eng sie zusammenrückt, wenn sie nur als Bühne für das persönliche Drama herhalten muss, wenn man sich ganz als Nabel der Welt gebiert und man als Zentralgestirn durch die Straßen läuft, wurde mir erst bewusst, als die Leinstraße schloss. Ich lebte im Prenzlauer Berg, las es auf Facebook und dachte: Oh fuck, jetzt kannst du da nicht mehr hin.

Warum sollte ich da hin wollen? Warum sollte ich da aussteigen? Warum ist Leinstraße ein da mit so viel Gravitation?
Weil es nicht reicht, mich einfach zu erinnern. Ich brauche das schummrige Stationenlicht, das sich flackernd seinen Weg in die Poren der Gesichter sucht. Ich brauche die Treppen, die ich hinuntergehe, die Zwischenebene, auf der es noch natürliches Licht gibt, das es aber nicht nach unten schafft, auf die Gleise. Ich will mich auf die graue Bank setzen, die Ratten beobachten, wie sie die Kacheln emporklettern, als wären sie Spiderman. Ich muss wissen, dass ich in dieser bestimmten Station sitze, die einzigartig ist, weil sie einen Namen hat, auch wenn sie von innen aussieht wie so viele andere.

Die Leinstraße ist historisch für mich. Sie ist die Keimzelle meiner U-Bahnfahrten durch Berlin.
Sie ist meine erste Station. Mein erste Anlaufstelle.
Hier habe ich beschlossen mich von einem Exfreund zu trennen. Ich hatte die Wahl: nach Norden gehen, zu meinem Freund, ins gemeinsame Bett, oder in südlicher Richtung jemandem folgen, in ein fremdes Bett.
Hier beendete ich eine Beziehung, auf den Gleisen, in eine gelbe Bahn steigend, weg von der Leinstraße, weg von dem Leben, wie ich es damals kannte.

Ich verließ die Leinstraße. Ich ging ins Ausland. Als ich wiederkam, konnte ich nicht mehr an die Leinstraße ziehen, auch wenn ich sie vermisste. Jetzt war nicht ich, sondern der Kiez aufgemöbelt. U Leinestraße war eine gute Station, eine unterschätzte Station, durch die viele nur durchfahren, aber nicht aussteigen. Alle kennen sie jetzt, als die verlorene Station, manche kamen in ein Berlin ohne Leinstraße. Die Zeit, als die Leinstraße noch offen war, war graue Vorzeit.

Die Leinstraße hat doch keinen interessiert, bis sie umgebaut wurde! KEINEN! Schande!

Die Leinestraße ist jetzt wieder offen. Sie ist frisch, neu. Es klebt kein Exfreund-Blut mehr an ihren Wänden. Nur in meiner Erinnerung ist sie Schauplatz persönlicher Gemetzel.
Und wen interessiert schon meine Geschichte: die Hauptsache ist doch, dass die U8 wieder durchfährt.

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