Gastbeitrag: Digitale Selbstvergewisserung

Selfies sind Kulturtechnik, ästhetische Operation, neues (altes) Medium und damit letztlich Alltag geworden. Wir sind mitten in der Massenproduktion und es ist schwer die richtigen Fragen zu stellen, weil die Logik, die die Selfies hervorbringt, die uns ansozialisierte ist. Doch gilt das für alle? Ein Gastbeiträg eine_r anonymen Autor_in über die Sozialisation in einer nach Westdeutschland geflüchteten Familie und ihre ganz eigenes Verhältnis zu digitalen Selbstporträts, die vielleicht gar keine Selfies sind.

Meine Selfie-Passion begann damals mit dem Kauf meines ersten MacBooks Pro, vor sechs oder sieben Jahren und mit dem vor-installierten Programm Photo Booth.

Von da an nahm ich öfters schnell mal ein Bild von mir selbst auf, wenn ich am Laptop saß. Erst war es die Faszination für das Programm, das es ermöglichte spontan und einfach schnelle Bilder von mir und von diversen Situationen zu machen. Später dann ging es über in Gewohnheit. Wirklich hinterfragt warum ich es tat, habe ich mich damals nicht. Es gab ein paar Momente in denen ich mir schon auch dachte was das eigentlich soll oder, dass es ja vielleicht auch schon ein bisschen selbstbezogen schien, sich die ganze Zeit selbst zu fotografieren. Damals rechtfertigte ich es vor mir und auch vor ein paar wenigen anderen, die zufällig von der Sache Wind bekamen, damit, dass ich irgendwann vielleicht mal etwas aus diesen Bildern machen wollte. Irgendwie damit arbeiten. So sagte ich. Und machte weiter.Nie war es so, dass ich dachte: Lass jetzt mal ein Selfie von dir machen.  Ich tat es einfach.

Die Anfänge meiner Selfie-Aufnahmen fielen damals in etwa in die Zeit in der ich von meinen Eltern weg, nach Berlin zog. Ich erinnere mich noch, welchen krassen Bruch dieser Umzug für mich bedeutete. Raus aus meinem bisherigen Leben auf dem Land, rein in eine Stadt mit 3.419.623 Einwohnern. Die Geschwindigkeit und die Dichte in Berlin faszinierte, euphorisierte und begeisterte mich, aber sie überforderten mich gleichzeitig. Die Aufwartung der unterschiedlichsten, schier unzähligen Lebensentwürfe in dieser Stadt überforderten mich. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich durch die U-Bahn-Gleise des Alexanderplatz schlich und mir die Augen in meinem Kopf schmerzten aus dem Bedürfnis heraus, alle Menschen anschauen und beobachten zu müssen. Gleichzeitig versuchte ich mich unter diesen ganzen Menschen einzuordnen, mir einen Platz zu suchen. Ich fühlte mich wie eine leere Hülle, die so gerne befüllt werden wollte, mit dem bestmöglichen Inhalt natürlich. Aber ich fand ihn nicht, ich konnte mich nicht entscheiden. Ich fühlte mich komplett unfähig und überfordert.
An meinem Praktikumsplatz, damals in einer kleinen Designagentur auf der Kastanienallee, war meine Antwort auf vieles ein freundliches Lächeln. Ich tat mich schwer Stellung zu beziehen, geschweige denn mich mit den Kollegen und Vorgesetzten dort – obwohl die Hierarchien wirklich flach waren – auf einen Ebene zu begeben. Somit blieb mir nichts anderes übrig, als freundlich unterwürfig zu lächeln. Und ich hasste es. Ich wollte doch so viel mehr. Ich wollte mich beweisen. Schaffte es aber nicht.
Vor kurzem erst musst ich an diese Zeit zurückdenken als ich mir eine Fernseh-Reportage über die mächtigsten und reichsten Männer der Welt ansah. Denn fast all diesen Menschen war eine Eigenschaft gemein: Sie waren egoistische, intolerante Egomanen. Einige mehr, andere weniger. Reichtum und Besitz ziehen die Menschen an wie die Fliegen. Diese reichen Männer hatten es also nicht mehr nötig, ihre Mitmenschen von sich selbst zu überzeugen, im Gegenteil, sie mussten sich derer schon fast erwehren. Das konnte ich damals nun nicht von mir behaupten. Die Währung meiner sozialen Kontakte war also meine Freundlichkeit. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich dachte auch gar nicht darüber nach, es war einfach so, ich konnte nicht aus meiner Haut. Aber ich erinnere mich noch wie ich mich oft – kurz nach einem erneuten Anfall von Freundlichkeit – am liebsten selbst geohrfeigt hätte.
Diese Freundlichkeit war schon seit jeher, was mich quälte. Immer schon hatte ich einen Drang nach vorne, Selbstbehauptung und Frontalangriffe schlugen sich in meinem Auftreten immer wieder gerne durch, jedoch erstickte ich sie, kaum spürbar, schon wieder mit einem schwammigen, entschuldigendem Griff zum alles-relativierenden SMILE. Das machte mich in meiner Grundschulzeit oft zum Opfer der Jungs aus den Klassenstufen über mir. Da kam es auch vor, dass ich mich in den Pausen nicht aus der Toilette traute weil eine Gang stumpfer Proleten, auf mich wartete. Ich war das perfekte Opfer, ein gefundenes Fressen für alle Halbstarken, die an mir ihre Kräfte messen wollten. Sie konnten nur gewinnen, ihr Triumph war stets mein Untergang. Woher kam diese zerstörende, passiv entschuldigende Art?
Man kann sie zu Teilen wohl auf meine Herkunft und die damit verknüpfte Erziehung zurückführen. Geboren im Osten Deutschlands, in Sachsen, am Rande zu Thüringen, verbrachte ich die ersten drei Jahre meine Lebens im Gefüge eines sozialistisch geprägten Umfelds. Meine Eltern, damals beide noch sehr jung, führten ihren eigenen Kampf in und mit dem damaligen System. Besonders meine Vater war es, der sich mit dem Druck von oben und von den Seiten schwer tat und sich damit nicht abfinden konnte. Öfters kam er mit dem Staat in Konflikt. Einem Staat, in dem sich der Einzelne dem Gefüge der Gesellschaft unterzuordnen hatte, in der es verpönt war die eigenen Belange über die der anderen zu stellen, in der die Studierenden mit dem Vorurteil zu kämpfen hatten, dass man sie sich für etwas besseres hielten. Meine Eltern haben nie studiert. Mein Vater begann damals eine Ausbildung zum Zimmermann und meine Mutter musste nach ihrer Ausbildung zur Handweberin ihr Fernstudium zur Textiltechnologin abbrechen als wir später umzogen. Sie wuchs zusammen mit zwei Schwestern und einem Bruder auf und wenn sie aus alten Zeiten berichtet, dann erzählt sie oft davon, wie sie als Kinder parieren mussten sobald sie Besuch bekamen. Ob es die Tante, Freunde oder ein Arbeitskollege des Vaters war. Die Kinder mussten sich rausputzen und folgsam, sittsam, freundlich dem Bild der wohlerzogenen Kinder entsprechen.

In der Familie meines Vaters verhielt es sich ähnlich. Besonders bezeichnend empfinde ich eine Geschichte von ihm: er sagt, ihm wurde damals in der Kindergrippe stundenlang damit gedroht, ihm im Krankenhaus den Magen auspumpen zu lassen weil er aus der Küche – ohne mit den anderen zu teilen –  genascht hatte. Das war damals für alle Beteiligten in Ordnung, auch für die Eltern. Das Kind war aus der Reihe getanzt und diesen Frevel galt es zu bestrafen. Disziplinierungsmaßnahmen, die mir fremd erscheinen.
Später dann sammelte mein Vater Zigarettenpackungen und tapezierte damit die Wände seines Jugendzimmers. Er fand sie schön und wahrscheinlich war es auch der Link zum Helden des Ostens, dem amerikanischen Cowboy, der nach Abenteuer und nach Freiheit schmeckte – oder eben nach einer Zigarette – leider nicht der Marke Marlboro.Konsumartikel in der DDR entsprachen alle dem gleichen optischen Schema. Es gab unter den einzelnen Artikeln kaum Auswahlmöglichkeiten. Es kam nicht darauf an, für welche Marke sich der Konsument entscheiden wollte, denn es gab meist nur eine Option. Die gleiche Magarine, die gleiche Schuhwichse, die gleiche Zahnpaste, in fast allen Läden. Konsumartikel waren reine Gebrauchsgegenstände und der Staat gab vor, was gut war. Das bedeutete Beschränkung und Erleichterung zugleich. Wie oft wünschen wir uns heute einfach mal schnell einkaufen zu gehen. Und wie oft finden wir uns dann wieder, vor einer Armada der Duschgele in den Regalen stehend, die uns eine mindestens mehrminütige Auswahlzeit abverlangen. Was will ich, was passt zu mir, was tut mir gut? Diese Fragen mussten sich meine Eltern damals deutlich seltener stellen als wir es heute tun.

Als wir dann nach der Republikflucht meines Vaters zur Wendezeit in den Westen Deutschlands zogen, änderten sich die Umstände. Meine Eltern waren von einem auf den anderen Tag aus der fesselnden Umarmung des ostdeutschen, sozialistischen Menschenbilds entflohen und nun mit einer Individuen-bejahenden Freiheit konfrontiert. Sich in diesem neuen System zurecht zu finden fiel meinen Eltern, wie auch tausenden anderen Ostdeutschen, die nach der Maueröffnung umsiedelten, nicht leicht.
Von den Bewohnern des Dorfes in das meine Eltern damals zu Beginn zogen, fremdisch beäugt, taten sich meine Eltern schwer sich in die Gemeinde zu integrieren. Während meine Mutter nach und nach recht schnell soziale Kontakte aufbaute, zog mein Vater sich in die Arbeitswelt zurück. Er konnte es nicht verstehen wie manche in seinem Umfeld ihr Geld, das sie unter der Woche erarbeitet hatten, an den Wochenenden bei Feiern und in Kneipen wieder zum Fenster hinausschmissen.Meine Mutter begann währenddessen erneut eine Ausbildung und ich ging nach dem Kindergarten zu einer Tagesmutter, die auf mich aufpasste, bis meine Mutter mich nach ihrer Arbeit dort abholte.

Nach zwei weiteren Umzügen und später zwei aufeinanderfolgenden Schulwechseln war meine Kindheit relativ stark von einem „sich neu orientieren“ geprägt. Die dauernde Neuorientierung gab uns wenig Zeit, uns mit uns selbst zu beschäftigen oder gar anzukommen. Es ging viel mehr um ein Vorankommen und sich etwas aufbauen im Leben.Emotionale Befindlichkeiten oder Gefühlslagen zu thematisieren war nicht von Belang und galten eher als unwichtig oder sogar als peinlich. Wichtiger war es, das Familienkonstrukt nach vorne zu treiben und innerhalb dieser Einheit einen funktionierenden Platz einzunehmen.Dabei war mein Vater die federführende und meine Mutter die ausführende, alles im Lot haltende Kraft. Doch irgendwann reichte diese Kraft nicht mehr aus und meine Mutter erkrankte an Depressionen.

Für meine Mutter und mich brachten die Depressionen, so schlimm sie waren auch ein gutes mit sich: Wir führten viele schöne und intensive Gespräche über uns und die Welt und ich begann zeitgleich mich stark mit mir selbst auseinander zu setzen.Kurz vor dem Abschluss meines Abiturs 2006 beendete ich meine damals erste Beziehung. Das stürzte mich in ein unerwartet tiefes Loch aus dem ich fast drei Jahre nicht mehr heraus kam. Mir wurde mein wichtigster Bezugspunkt, meine Quelle aller Selbstreflektion und mein mich einordnendes Medium genommen. Ich wusste es musste irgendetwas passieren, ich musste mir äußeren Umstände schaffen, die mich motivieren würden, weil ich es selbst nicht konnte. Und diese Umstände schaffte ich mir mit einem Umzug nach Berlin.

Im Nachhinein glaube ich, dass die Selfies, die ich damals bis vor nicht all zu langer Zeit von mir selbst machte, ein Ausdruck meiner sowieso schon vorhanden Gedanken zu und über mich selbst sind. Quasi als Hilfsmittel sich über sich selbst klarer zu werden. Das passiert hier natürlich allein über meine Äußerlichkeit, aber trotzdem verorte ich mich damit in meiner aktuellen Situation, im Hier und Jetzt. Die Selfies bilden eine Brücke zu mir zurück: Damit nehme ich mich selbst aus der Situation heraus und betrachte mich aus der Perspektive eines Beobachters. Oft werde ich mir dabei auch bewusst, wie lächerlich und selbstsüchtig ich dabei eigentlich erscheine und muss über mich selbst lachen. Aber im besten Falle denke ich mir: Hey, gut schaust du heute aus. – und stecke beglückt das iPhone (das mittlerweile das MacBook abgelöst hat) in die Tasche.
Fast niemand, oder nur sehr wenige kennen meine Selfies, ich habe sie, bis auf ein, zwei Ausnahmen, nie öffentlich gezeigt oder ins Netz gestellt. Warum auch? Mich interessieren die Selfies anderer Personen zumeist auch nicht. Ich schmunzle zuweilen auch gerne, begleitet von einem Anflug bemitleidender Mimik, darüber hinweg. Vielleicht war es dann doch meine (für mich) gute Kinderstube, bzw. die mich prägenden sozialistischen Vorstellungen, in der Selbstdarstellung gänzlich verpönt war, die mir bei der Vorstellung der Veröffentlichung dieser Bilder die Schamröte ins Gesicht trieben. Trotzdem habe ich Bilder von mir gemacht, trotzdem habe diese Technik genutzt – nur für mich. Sind das überhaupt Selfies?, frage ich mich. Sind das vielleicht nur Selbstrporträts? Was macht das Selfie zum Selfie? Ich bin ein Kind der Wende, ein Kind der Widersprüche, die ich produktiv auszuleben gelernt habe. Irgendwie schützt mich meine Erziehung von vielen Fallen, die der Kapitalismus uns stellt. Irgendwie hält mich meine Erziehung aber auch davor zurück, ganz einzusteigen, in diese Welt der Selbstdarstellung für andere. Ich habe das Selfie als ästhetische Operation verstanden, aber ich muss es nicht beweisen, in dem ich auf Facebook den Likes hinterherjage. Meine Bilder von mir sind vielleicht Eitelkeit geschuldet, aber ich bin wenigstens so demütig das nicht allen auf die digitale Nase binden zu müssen. Beim Ego versauten Hyper-Individualismus unserer Postmodern habe ich einfach nicht mitgemischt. Bis jetzt.

 

Kommentar verfassen