Freitag halb elf in Deutschland

Schriebe man über andere kulturelle Institutionen so wie über die (Berliner) Clubkultur, käme vielleicht sowas bei rum. Parodierendes Korrektiv statt Zeigefinger oder der Vorwurf, nicht authentisch zu sein:

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Noch eine Mate auf dem Weg? Nee, lieber nicht, am Ende muss ich während der Aufführung noch auf’s Klo. Meine Begleitung schaut mich verschwörerisch an und verlässt den Spätkauf nur mit einer neuen Packung Tabak.
Als wir vor dem doppeltürigen Eingang stehen, sind wir umgeben von schnatternden und rauchenden Menschen. Meine Begleitung dreht sich eine Kippe und lässt sie sich von einer fremden Person, die neben ihr steht, Feuer geben. Ich glaube nicht, dass meine Begleitung lesbisch ist, aber sie hat sich von einer Frau Feuer geben lassen. Ist das normal hier? Ist das die neue deutsche Realität nach Feierabend?
Geduldig stehe ich neben meiner Begleitung, studiere die Plakate, die Vorführungen des Hauses ankündigen. Bunte Bilder, große Lettern – keins der gedruckten Gesichter kommen mir bekannt vor. Ich will mich bedanken, für die Reise in den Untergrund, aber sehe dann davon ab. Ich will nicht der sentimentale Kulturjournalist sein, der sich eines Themas bemächtigt, das er gar nicht bearbeiten kann. Ich sehe auch davon ab meine anthropologischen Studien in mein Notizbuch zu notieren (eins von diesen reisepassgroßen von einem japanischen Schreibwarengeschäft) – das käme mir affektiert vor.
Ganze Generationen von Journalisten sind schon daran gescheitert eine Gruppe rauchender Menschen zu beschreiben! Aber hier könnte man einen ganzen Taschen-Bildband über Berliner Gesichter fotografieren! Da stehen sie, die Ökos mit den Lederschuhen und dem veganen Space-Bar in der Hand, die Hipster in den weißen T-Shirts, die Kunstgeschichtsstudentinnen und ein Yoga-Lehrer, umgeben von sehnigen Jungs.

Die Kassiererin macht großes Tamtam: Was wollt ihr sehen? Seid ihr sicher, dass ihr da reinwollt? Einen Stempel gibt es nicht, nur ein Papierticket. Die Mate vom Späti drückt auf die Blase, als gehe ich auf die Toilette – du lieber Himmel: Vielleicht ist das schon der am besten gestaltete Raum Berlins. Ranzige Pissoirs, die riechen, als hätte hier niemand mehr geputzt, seit man noch Sex auf öffentlichen Toiletten hatte. Ich verlasse das Pissoir und gehe zurück in den Hauptraum. Das Verruchte wird durch den roten Teppich unterstrichen. Die Leute, verschiedene Altersklassen, gemischtes Berliner Publikum, schwer auszumachen, mit wem diese Leute gerne schlafen oder was sie wählen oder gerne essen. Viele bestellen sich an der Bar einen Softdrink und etwas, das man hier Popcorn nennt. Süßer, aufgepuffter Mais, soll sehr dick machen und ungesund sein.

Es geht weiter in einen riesenhaften Raum, in dem nichts ist außer gepolsterte Klappstühle und eine von Vorhängen verhangene Wand am Ende des Raums. Man könnte stundenlang in diesem menschenleeren Raum stehen und seinen Kopf ausleeren. Ist das noch Unterhaltung oder darf ich das über den Höhenkamm scheren? Ist das Feuilleton oder doch eher Magazin? Nachtleben – keine Hochkultur.

Dann geht es los, die schnatternden Stimmen verstummen, es gibt nur noch das knatschende Kauen des „Popcorns“ und die speckigen Hände, die im aufgepufften Mais wurschteln. Das Publikum, es ist so schwer zu beschreiben, sehr gemischt, schwer zu sagen, wer hier hingeht. Sekretärin? Freelancer? Jemand der ein Binnen-I gegen einen _ tauchen würde oder jemand der hier her kommt, um sich einfach wie eine „Frau“ fühlen zu dürfen? Oder ganz „Mann“ sein?
Ich sehe vor mir, wie ein Mann einem anderen Mann den Nacken grault.
Die Dunkelheit, die stickige Luft, die dicken Polster – es liegt Sex in der Luft.
In der Luft über meinem Kopf flackert ein Lichtstrahl. Die Vorhänge gehen auf, aber dahinter ist keine Bühne, sondern eine weiße Wand. Eine Projektion fällt auf die Wand, laute Musik ertönt.
Es drückt mir die Brust zusammen. Ich schaue zu meiner Begleitung, die gerade auf ihrem Popcorn herum knatscht und mir ihre Tüte hinhält. Ich lehne dankend ab – der Objektivität wegen.

Der Film fängt an. Das Publikum ist gezwungen auf den unteren Teil des Bildschirms zu starren, weil dort in Textzeilen steht, was die projizierten Menschen auf der Leinwand sagen. Nur Eingeweihte verstehen diese kryptische Sprache, die ich nicht zuordnen kann. Die meisten müssen die “Untertitel”, wie meine Begleitung sie nennt, lesen. Es hat etwas von einem Ritual, wie diese Menschen alle auf die unteren 10% der jetzt nicht mehr weißen Wand starren, versuchen Bilder und Worte zu einem ganzen zusammen zu setzen. Es ist pure Postmoderne, die Zerstückelung von Wort und Bild, es ist pure différance, totale Abfahrt right in your face.

Ich frage mich nach 60 Minuten, ob dieses Schauspiel mir jemals verständlich sein wird und wann es ein Ende hat. Ich verlasse als anderer Mensch diesen verruchten Ort und gehe nach Hause, um diesen Text niederzuschreiben. Meine Begleitung sitzt wohl noch in ihrem Sessel, in dem schon so viele andere vor ihr gesessen haben mussten, und schaut auf die bunten Bilder und den sich bewegenden Text. Ich habe ihr gesagt, ich wäre kurz irgendwo auf dem Klo. Vielleicht schaut man an wenigen Orten so tief nach Deutschland rein wie in einem Kino.

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