Elektronischer Oktober: Boyola

Musikgenres sind ja alle irgendwie miteinander verwandt und wer sich mal einen Stammbaum angeschaut hat, der sieht gerade bei elektronischer Musik, dass kreuz und quer viel Befruchtung passiert und eigentlich niemand so genau die Trennlinien ziehen kann. Jetzt ist detailliertes Festnageln eher was für nerdige Musikjournalisten, während DJs die Freiheit genießen, eklektisch zu mischen, weil solange alle tanzen, sind sie glücklich. Dennoch müssen sie sich mit Musik auskennen, wenn sie mischen wollen.

Mauro Feola bringt die Leute gerne zum Tanzen, sehr gerne sogar. Das Gespür für Musik hat er, auch wenn er das selbst am Anfang so nicht sah. „Ein paar Freunde sagten mir, du hast einen tollen Musikgeschmack – warum legst du nicht mal selbst auf?“ So wurde der gebürtige Brasilianer vom Connaisseur zum „Schamanen“, eine Metapher, die er gerne bemüht, wenn er über das Auflegen spricht.
Angesprochen auf den Einfluss von aktuell erfolgreichen Parties in der queeren Clubkultur Berlins, erklärt er seinen Zugang zum Auflegen: „Diese Parties beliefern uns mit in den Sets verschlüsselten Kunstwerken, die wie Narrative eines „kollektiven“ Spirits funktionieren. Was ein DJ uns mit der Musik mitteilt geht über sich selbst hinaus, weil wir es sind, die decodieren was und wie er über die Musik kommuniziert. Es ist ein Moment zwischen dem Schamanen und der Crowd.“
Wer die Berliner Clubkultur kennt, der weiß wovon Mauro Feola spricht: die Masse, egal wo an den üblich verdächtigen Orten, die vereint in einer Soundscape schwimmt, ist eine Erfahrung, die auf ganz bestimmte Parameter angewiesen ist. Musik, Menschen, Stimmung – sie alle müssen zusammenkommen und sich amalgamieren wollen, damit dieser magische Clubmoment entsteht.
Die Ansprüche an die vor über einem Jahr gegründete Party-Reihe BEITOLA waren nicht so hoch. Es ging nicht um das bewusste Produzieren von magischen Momenten, sondern einfach darum, wie so oft, eine Party zu schmeißen, um den eigenen Musikgeschmack mit Freuden und Bekannten zu teilen. BEITOLA (das brasilianische Wort für „Schwuchtel“) will sich nicht festlegen, aber wenn es um Genres geht, verbindet es zwei Nachbarn, die sich in Berlin schon länger nicht mehr gegenseitig besucht haben. House und alles was man irgendwie unter Indie zusammenfassen kann, kommen hier auf die Plattenteller, heiß serviert und mit Garantie auf hypnotisierend eingefädelte Höhepunkte. Electronica, Nu Disco und Deep House harmonieren nebeneinander und wo der House vielleicht allzu tief sein will, darf er wieder tropisch und lustig sein, ohne dabei an Melancholie einbüßen zu müssen. Eine Stimmung, die ganz ohne die tacky Tech-House Momente auskennt und sich darauf besinnt, was House kann.
BOYOLA, der Ableger von BEITOLA, dagegen ist ein weniger experimenteller. Die Party, die Teil des Elektronischen Donnerstags im neuen SchwuZ ist, erlaubt sich auch mal ein Disco-lastigeres Booking. Zwar gibt es eine BEITOLA Stammcrowd, aber BOYOLA ist eine eigenständige Party, die es schafft auch andere Ausgeher in den Bann von elektronischer Musik zu ziehen.
„Das SchwuZ hat eine einzigartige Mischung zu bieten“, sagt Samuel Gieben, der kommenden Donnerstag beim BOYOLA-Special auflegen wird. „Natürlich sehe ich hier Leute, die man aus dem Berghain oder der Homopatik kennt, aber auch andere Leute, außerhalb der etablierten Szene, kommen so mit House-Musik in Kontakt.“
Ob das Publikum zu schätzen wissen wird, was Samuel Gieben (Mitgründer des MYHAUS-Kollektivs) in seinem Set auspacken wird, um die Crowd für einen in Berlin schmerzlich vermissten House-Meister vorzuköcheln? Niemand geringeres als Prosumer, ehemaliger Panorama Bar-Resident, kommt aus Großbritannien eingeflogen und beehrt seine alte Wahlheimat mit einem Set. Hoffentlich hat sich auch bis zu den letzen Panne-Raver rumgesprochen, dass man im SchwuZ jetzt auch ein Booking sieht, für das man allen anderen Freizeitstress getrost bei Seite schieben kann. Ja, Prosumer im SchwuZ diesen Donnerstag. Der andere große Name, der auf dem Flyer den Mund wässrig macht ist Daniel Wang, der seine Disco-Diven kennt wie kein Zweiter.
Namedropping ist allerdings nicht das, worauf die BOYOLA-Macher aus sind. Egal ob groß oder unbekannt, solange die Musik stimmt, werden die DJ-Schamanen eingeladen ihre Wundertätigkeit four-to-the-floor aufzunehmen. Fragt man Mauro Feola die Standardfrage nach seinem Musikgeschmack und dem warum, bekommt man eine erfreulich unstandardisierte Antwort: „Ich lege House auf, weil ich mich in diese Musik verliebt habe und danach erst in die Idee selbst einer dieser Schamane zu sein.“

Das Spezial zum Auftakt des Elektronischen Oktobers im SchwuZ ist definitiv sein Garant für magische Momente, den die von BOYOLA präsentierten Schamanen (u.a. Prosumer, Daniel Wang, Samuel Gieben und natürlich Mauro Feola) werden auf zwei Floors zeigen, wie gut man in der Rollbergstraße im Jahr 2014 so tanzen kann.

 

MAURO FEOLA
Geboren in Brasilien, lebt seit 2009 in Berlin und veranstaltet zusammen mit Wellinton Almeida die Party-Reihe BEITOLA und den Ableger BOYOLA.

PROSUMER
Der gebürtige Saarbrücker lebt mittlerweile in Edinburgh, hat sich aber seine musikalischen Sporen maßgeblich in Berlin verdient. Als ehemaliger Musikjournalist, vereint Achim Brandenburg Expertise, Leidenschaft und historische Tiefe in seinen Sets und Produktionen. Langjähriger Panorama Bar-Resient, scheidete er leider 2012 aus dem Berliner Clubtreiben aus. Sein Set im SchwuZ ist eine der wenigen Möglichkeiten seit langem einen der aktuell wichtigsten Produzenten und DJs spielen zu sehen.
ELEKTRONISCHER OKTOBER
Dieser Text ist ein Feature zum Elektronischen Oktober im
SchwuZ. Special Guests: Prosumer, Ellen Allien, Peaches, Lauren Flax.

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