Warum (queer) Lesen? – Ein persönlicher Kommentar.

[ezcol_1fifth]Ich muss zugeben, es ist passiert immer seltener, dass ich die Zeit dazu finde Buch von vorne bis hinten in kurzer Zeit zu lesen. [/ezcol_1fifth] [ezcol_3fifth]Lesen ist auch nichts, was ich als ein Hobby bezeichnen würde, sondern es ist ein Bedürfnis, das ich befriedigen muss. Wie Essen oder Atmen, brauche ich die intellektuelle Stimulation und die Abenteuer anderer (fiktiver) Menschen, damit es mir gut geht. Wie bei der Ernährung, brauche ich Abwechslung. Manchmal steht mir der Kopf eher nach Junkfood und ich lese ein kurzes E-Book, manchmal will ich was exotisches und ich entstaube mein Französisch, ein andermal habe ich Lust auf was hausgemachtes und Lese einen Thomas Mann Roman (wieder).
Egal was ich lese, solange ich lese, geht es mir gut, weil ich zu jeder Jahreszeit an jedem Ort der Welt, woanders hin kann, in eine andere Zeit, an einen anderen Ort. Lesen ist für mich eine Notwendigkeit, ohne die mein Geist träge und faul wird.

In einer Zeit, in der ich in den meisten Medien oder in meinem Umfeld keine Identifikationsangebote für eine queere Genese fand, war Literatur der einzige Weg für mich, nach Rollenvorbildern und Modellen für die Existenz schwulen Lebens außerhalb meines kleinen Planeten zu finden. Ich fand Bestätigung meiner Bedürfnisse nach Identifikation, die Bestätigung meiner Theorie, dass ich nicht der einzige meiner Art sein konnte, in Büchern, und auch Mangas, in Sexromanen aus den 80ern, die ich alle entweder auf Amazon oder auf Porno-Shops fand. Erst das Internet machte es mir möglich, über den Tellerrand zu schauen. Meine literarische Früherziehung war auch entlang schwuler Klassiker, in denen ich mich wieder fand, in denen ich zumindest ein Deutungsangebot für meine eigenen Gefühle entdecken durfte.

Jetzt jährt sich dieses Jahr der Stonewall-Aufstand zum 45. mal, eine Sollbruchstelle der schwulen Kulturgeschichte. Ein Ereignis, das ein Vorher und Nachher generiert hat. Auf unserer Seite, dem Post-Stonewall, leben wir in einer Welt, in der homosexuelle Partnerschaften staatliche Anerkennung finden, homosexueller Sex nicht mehr strafbar ist – gleichzeitig aber in anderen Ländern, wie beispielsweise Russland, bestehende Gesetze verschärft werden oder wie in Uganda oder im Iran der Tod droht. Es gibt eine synchrone Gleichzeitigkeit von Gefährlichkeit mit hoher Akzeptanz auf der einen und hoher Intoleranz auf der anderen Seite der Skala, teilweise auch in Gesellschaften. Immer wieder müssen wir uns daran erinnern, dass Rechte, die uns zugestanden werden uns auch genauso schnell wieder genommen werden können.
Dieses historische Bewusstsein, das Bewusstsein für die Gegebenheiten de Status quo, ist nicht einfach aufrechtzuerhalten. Ein Weg die Intuition und Instinkte dafür zu schärfen, ist das Lesen. Das emphatische Sympathisieren und Identifizieren mit einer anderen Zeit, mit anderen Charakteren, schult unsere eigene Wahrnehmung im Hier und Jetzt.

Die Romane von Klaus Mann, beispielsweise „Der fromme Tanz“, entführen uns in das Berlin der 1920er Jahre. Wir sehen eine Welt von Strichern und Theaterschauspielern, die sich in schummrigen Kneipen Männer suchen, die ihnen Geld und Zuneigung geben, die sich ausnutzen lassen müssen und die in den Jahren der Weimarer Republik mehr Freiheit denn je genießen durften.
Oder Christopher Isherwood, der uns mit „Cabaret“ ins Berlin der Nazis entführt, ein Berlin vor dem Klaus Mann bereits geflüchtet war. Aus ganz anderer Sicht wird hier erzählt, vom gleichen Berliner Paradies aber, vom gleichen Ort, in einer ähnlichen Zeit – beide für uns historisch.
Der gleiche Autor erzählt von einem Colllege-Professor im Amerika nach dem Krieg („A Single Man“), erzählt von der Trauer eines Mannes um seinen verlorenen Partner und die Intensivität einer Beziehung, die gerade weil sie vorbei ist, nicht wiederzubringen ist, das Herz für immer bricht – noch schmerzhafter, weil die Umgebung die beiden verachtete.

Der Erfolg dieser Bücher, die es auch ins Kino schafften, zeigt, dass die Themen, die hier behandelt werden, nicht nur für queeres Publikum interessant sind, sondern dass Themen, die eine Minderheit betreffen, auch eine Mehrheit bewegen können. Letztlich sind es immer Einzelschicksale, die in der Literatur oder im Film erzählt werden, zu denen wir uns selbst in Verbindung setzen wollen müssen und die uns berühren. Mit wem wir uns identifizieren hängt von unserem Horizont ab, aber ich glaube, dass die Präsenz von Liebesgeschichten zwischen Menschen, die nicht ins heteronormative Formenschema passen, wichtig sind. Ich denke, dass LGBT-Literatur auch im Mainstream ihren Platz hat, weil eine gute Geschichte eine gute Geschichte ist – unabhängig von so nichtigen Kategorien wie Geschlecht und Sexualität. Wer liest, der schult seine Empathie, seine Toleranz und seine Weitsicht, weil er sich auf Schicksale anderer Menschen einlässt, durch ihre Augen eine Welt betrachtet, die vielleicht bereits historisch nicht mehr oder sozial nicht die eigene Realität ist, vielleicht auf einem anderen Kontinent spielt und erst durch Übersetzung zugänglich gemacht werden musste.

Lesen ist wichtig, damit wir nicht vergessen, wo wir stehen, wo wir herkommen, wie es anderen geht. Durch das Lesen trainieren wir unsere Gefühle und Wertungen, wie man einen Muskel trainiert (und können dabei auch noch faul auf der Couch fläzen). Die Szene aus dem Film zu „A Single Man“, in der die beiden auf der Couch sitzen, einander gegenüber und lesen, ist immer noch eines der schönsten Sinnbilder einer Beziehung für mich. Aber egal, ob mit dem Partner oder in trauter Einsamkeit: Lesen ist immer ein Gewinn und eine Kulturtechnik, die wir nicht verlernen (dürfen), wollen wir nicht vergessen, wo wir herkommen als queere Subjekte, Teil einer Familie ohne Blutsbande, aber auch als denkende und fühlende Wesen, unabhängig von Kategorien, die unsere Wahrnehmung beschneiden wollen.

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Bild via flickr.

Dieser Aritkel ist 50€ wert.

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Comments (2)

  1. Vielleicht sollte ich doch auch mal was von Klaus Mann lesen, ich kenne bisher nur seinen Vater, den ich seit vielen Jahren gern mag.
    Hast du mal die Erzählung “Verwirrung der Gefühle” von Stefan Zweig gelesen? Ist aus schwuler Sicht sehr interessant, aber nicht nur.
    Und ansonsten hast du mich gerade inspiriert, selbst mal was über die Bedeutung von queerer Literatur für mein Leben zu schreiben. Werde gleich anfangen, mir Notizen zu machen…

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