Schlussmachen nach Maß

Das soll jetzt nicht zynisch klingen, aber: Schluss machen nach Maß, das geht. Das ist sogar notwendig, würde ich behaupten.

Zu einer Beziehung gehören in der Regel immer zwei Menschen, bei der Trennung kann es allerdings einseitiger zugehen. Manchmal will nur einer einen Schlussstrich ziehen, während der andere weiter in Glückseligkeit schwelgt. Streicht einer aber die Segel, egal aus welchen Gründen, ist das oft ein langer Prozess. Gerade in Beziehungen, die man in Jahren und nicht in Monaten abrechnet, ist eine Trennung meistens ein langer, innerer Prozess – das eigentliche Schlussmachen aber nur Symptom dafür. Wie eine Blase, die unter Wasser entsteht, ploppt es kurz an der Oberfläche, aber die Blase hat einen langen Weg durch trübe Emotionsgewässer hinter sich, bevor sie platzt.
Es gibt auch Trennungen im gegenseitigen Einvernehmen, wenn beide merken: Ohje, bis einer weint haben wir schon durch, weil beide heulen und vielleicht sind wir ohne einander ja wirklich besser dran. Oder man versucht es mit einer Freundschaft. Oder man lässt‘s, auch wenn es wehtut, halt ganz. So viele Szenarien wie Beziehungen.

Man kann den feinen Weg nehmen und BILD-Schlagzeilen gerecht per SMS Schluss machen, aber das hat Naddel schon mit Ralf Siegel vor Jahren gemacht und die ist, sorry, hoffentlich kein Rolemodel mehr. Aber vielleicht ist eine SMS auch genau das richtige – wer weiß? Unwahrscheinlich ist‘s schon, aber es ist unter Umständen, die ich nicht nachvollziehen kann, aber theoretisch durchspielen, vielleicht wirklich der richtige Weg.

Jede Beziehung ist, abgesehen von den ganzen Normen und Ideen, die wir so eingetrichtert bekommen, vor allem ein Spiel nach Regeln, die zwei Menschen im Idealfall einander vorgeben. Es ist akute Interaktion, in die niemand reinreden kann, eigentlich, und ebenso sollte die Trennung verlaufen: nach den gemeinsam aufgestellten Regeln der Kunst und Kommunikation. Schlussmachen nach Maß, das heißt Schlussmachen auf eine Art und Weise, die hoffentlich die wenigsten Scherben hinterlässt und maßgeschneidert auf die Person passt, die man, so traurig es ist, verlassen will. Mehr noch: durch ein schönes Ende, ein ritualisiertes Ende, kann man vielleicht böses Blut vermeiden, kann vermeiden, dass man sich nie wieder in die Augen schauen kann.

Man ist verstrickt in Leben und Alltag des anderen, hat so viel gemeinsam, vielleicht gibt es auch materielle Verpflechtungen – alles egal, weil es wegen [GRUND HIER EINFÜGEN] nicht mehr geht. Ist halt so, das müssen wir, in der Theorie und ganz trocken, jetzt einfach mal hinnehmen und akzeptieren. Ist nicht schön, aber auch nicht selten. Bindungen auf Lebenszeit will ich jetzt nicht propagieren, genauso wenig bewusst gelebte serielle Monogamie, oder welche Beziehungsform auch immer. Sind doch alles nur bürgerliche Konzepte, von denen wir uns in der f#cking Postmoderne gelöst haben sollten. Wir wiederholen hier Muster, die gar nicht mehr mit unserer Lebensrealität zu tun haben, unverkaut, das muss doch sauer aufstoßen. Hier geht es schlicht um die schon getroffene Entscheidung die Zweisamkeit aufzulösen, in der Hoffnung keinen gordischen Knoten zu zerschlagen. Wie bei einem Paar Schuhe, bei dem sich die Schnürsenkel verheddert und scheinbar amalgamiert haben, ist Geduld und sachtes Vorgehen angesagt.
Man ist diese Bindung schließlich freiwillig eingegangen, also muss einem auch freistehen sie freiwillig wieder zu verlassen. Das klingt jetzt wieder zynisch und ist man emotional involviert, ist so ein klarer Cut keine feine Angelegenheit, aber mit ein bisschen Sensibilität (statt Panik) lassen sich vielleicht unnötige Komplikationen in der gegenseitigen Amputation vermeiden.

So eine Trennung kann auch im Affekt geschehen und im Streit und in Rage und dann gibt es nicht die Möglichkeit feinsäuberlich alles zu entheddern, dann müssen erstmal Scherben aufgekehrt werden. Mit einer wohlüberlegten und gut kommunizierten Trennung aber muss es gar nicht erst soweit kommen. Vielleicht hat man nichts gelernt, aber seinen Partner kennt man schon. In- und auswendig, zu gut vielleicht, aber immerhin so gut, dass man absehen kann, wie der Partner auf die Trennung reagiert. Der bevorstehenden Entfremdung voneinander wirkt das nicht entgegen, das ist kein Rezept gegen das schale Gefühl, das man hat, wenn man sich fragt: Wie konnten wir jemals ein Paar gewesen sein? Eine Trennung ist ein einschneidendes Erlebnis, die Phantomschmerzen kommen erst nach der Abnahme der besseren Hälfte. Schlussmachen nach Maß ist nur ein realistischer Dämpfer für Komplikationen, kein Garant für schmerzfreie Behandlung

Wie das in Praxis auszusehen hat?

Das muss jeder für sich selbst in die eigene Situation übersetzen. Vielleicht ist es notwendig, gar nicht auszusprechen, dass die Beziehung zu Ende ist – und den anderen einfach durch eine Pause selbst zum gleichen Schluss kommen zu lassen. Vielleicht solltet ihr zum Ort eures ersten Dates gehen und da alles Revue passieren lassen. Vielleicht solltest du anrufen. Vielleicht eine Karte schicken. Vielleicht während dem Sex. Nach dem Sex. Nach einer Reise. Während einer Reise. Jeder kennt seinen Partner am allerbesten und das wichtigste ist: Schlussmachen ist ein Ritual, eine Situation, die lange im Gedächtnis bleiben wird. Mehr Kitsch statt Streit, mehr an symbolischer statt destruktiver Handlung. Wenn das Ende nämlich unausweichlich ist, tut es ja doch vielleicht gut es zu zelebrieren.

Illustration: Frank Pingel

Dieser Text ist 47€ wert.

Leave a Reply