Des Spießers neue Muster: Fußball als Spektakel

[ezcol_2third] Wenn man so durch Kreuzberg/-kölln läuft, eigentlich schon unterschichtsbefreite Zone, dann sitzen die ganzen Menschen in den schönen Cafés, die es zur letzten EM wahrscheinlich noch gar nicht gab, und schauen auf Flachbildschirmen Fußball, während ein paar Meter weiter das gleiche im Shisha-Café passiert, während ein paar Meter weiter in der Altberliner Eckkneipe, die noch überlebt hat, auch gegrölt wird. Die Wesertraße wird zur ewiglangen Fanmeile und ein bisschen sympathisieren kann ich schon mit dem Grundbedürfnis sich zu identifizieren. Es ist tatsächlich schön, wenn viele Menschen sich für etwas begeistern, es ist tatsächlich schön, wenn mal etwas in einer Gruppe passiert – ohne, dass man gleich die Faschismuskeule schwängen muss (was wäre denn die alternative? Existenzialistischer, einsamer Individualismus?)

Aber muss es denn Fußball sein? Ein inhaltsleerer, korrupter Mannschaftssport, Onkel Adorno klopft an, räuspert sich und sagt: nein. Wegen der gesellschaftlichen Verhältnisse und Missstände bildet sich ein kollektiver Narzissmus, der die verletzte Selbstliebe durch die Identifikation mit der Nation wieder herstellt.

Sogar Freunden, die sagen, sie hätten Fußball immer gehasst, knackt es langsam im Gebälk. „Ich hab Fußball so lange so stark gehasst, dass ich das jetzt irgendwie gut finde.“ Na hat denn da die linke Gehirnhälfte resigniert?!
Es geht mir gar nicht so arg um den neuen deutschen Nationalismus, wie ich dachte. Leute, die aus dem Ausland kommen und in der Eckkneipe das Team ihrer Heimat (sic!) anfeuern sind genauso suspekt. Nationalismus ist mir suspekt, egal welcher Farbgebung. Mich ekelt einfach auch die Vorstellung an, dass kreative, gut ausgebildete Menschen mit einer halbwegs linken Einstellung zu vielem und dem Leben so an sich, ganz plötzlich Fußball schauen.

Bevor ich jetzt hier weiter wettere: als Kind saß ich tatsächlich im Fußballstadion, weil ich im Einzugsgebiet des 1. FC Kaiserslautern groß wurde. Meine Großmutter saß jubelnd und grölend neben mir und ich hatte tatsächlich Gänsehaut (und einen Crush auf Olaf Marschall, mit dem heißen Vokuhila und dem 90er-Schnäuzer). Es gibt für mich also Erinnerungen an das Gruppenerlebnis Fußball. Je älter ich wurde, desto absurder schien mir aber die Vorstellung, so ein inhaltsleeres Ereignis mitzufeiern.

Etwas stimmt am Fußball nicht. Zu viel Geld, zu viel Korruption, zu viel Menschenverachtung, zu viel Gier steigt da durch, nur damit ein paar Männer (!) vor Millionenpublikum Mannschaftsport vollführen. Noch mehr pervertiert der ganze Fußballkult, wenn Mutti „ihre Jungs“ in der Kabine besucht, die dann da oberkörperfrei rumposen. Oder Kommentatoren, die in agitierter Stimme das Fußballspiel mit affektiv besetzten Wörter kommentieren, die ihnen sonst in ihrer Männlichkeitsperformance niemals unterkommen dürften.

Beide Beispiele führen mich zu einem Gedanken, der ein abstrakt formuliert, so lautet: der Fußball als Spektakel und im speziellen die großen Meisterschaften funktionieren als Negativ all dessen, was gesellschaftlich sonst nicht möglich ist und kann gleichzeitig als Gradmesser gesamtgesellschaftlicher Tendenzen gelesen werden. Fußball ist damit eine ambige Angelegenheit, weil er als Massenphänomen zugleich Einfluss und Messlatte für aktuelle Diskurse ist. Um die These zu unterfüttern, ein paar Beispiele:

Alltag
Der Arbeitstag ist streng geregelt, auch wenn er immer weiter zerfällt (und die Arbeitszeit eigentlich immer ist), ist die Notwendigkeit von Klammern, die uns Freizeit diktieren, immer größer. Welcher Freelancer nimmt sich den sonst mal mit mehreren Freunden zeit, sich gemütlich auf ein Bier auf die Straße zu setzen und einen Fernseher anzustarren? Weil alle kollektiv aussetzen, ist quasi Dauerfeiertag, häppchenweise. Wer durch Unterschichtsmechanismen arm gehalten wird, der hat endlich mal was zu feiern. Der Alltag ist ausgehebelt, und das wissen wir seit Weihnachten, ist eine willkommene Abwechslung.

Männer als Objekt (mit Gefühlen)

Männlichkeit ist seit den 1990ern Jahren vom Subjekt- immer stärker in den Objektstatus gewechselt. Auch heteronormative Kontexte nehmen den männlichen Körper jetzt als zu pflegendes, sexuelles und wünschenswertes Objekt war (bei der Muschimieze gibt’s einen Artikel dazu). Diese Tendenz ist zum einen aktuell im Fußball abzulesen, z.B. Listen heißer Fußballer bei Buzzfeed oder Angela Merkel in der Kabine und die Medienpräsenz dieses Bildes, gleichzeitig wurde dieser Entwicklung aus dem Fußball heraus maßgeblich Vorschub geleistet: David Beckham war der erste Mann der medienwirksam unter der Genderperformance „metrosexuell“ firmieren durfte, nach dem der Begriffe bereits zehn Jahre bestand.
Außerdem ist Fußball wahrscheinlich der größte Bildpool für homosoziales Bonding in der Mainstream-Bildkultur, wo sonst sieht man so viele Männer mit Körperkontakt? Und wo sonst „dürfen“ „Männer“ „auch“ „mal“ „Gefühle“ „zeigen“ „?“

Homophobie
Fußballstadien sind kein Ort, an dem ich rumknutschen wollen würde, obwohl ich schon seit Jahren in Neukölln Händchen halte. Durch das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger kam ein bisschen Schwung in eine obsolete Diskussion, deren bourgeoise Ausmaße sich im mediendiskurs zeigten. Auch hier ist Fußball wieder Gradmesser für den Stand der Homophonie bzw. der Akzeptanz (sic!) von Homosexualität in der Gesellschaft und ist gleichzeitig die vielleicht diskursmächtigste Baustelle für queren Aktivismus.

Nationalstolz/Gruppengefühl
WM! Zeit Adorno zu zitieren! Der sagt nämlich (siehe oben), dass der Nationalstolz durch kollektiven Narzissmus zustande kommt, der wiederum in der individuellen Frustration jedes einzelnen liegt die wiederum durch die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse begründet sind. Einfach gesagt: die Welt ist scheiße, der Kapitalismus verlangt uns zuviel ab, beim Fußball kann man sich wenigstens mal wieder zusammentun und freuen, das ist Opium für unser aller geschundene Seele.

Damit ist der Fußall die Müllhalde der diskursiven Praktiken, die außerhalb der während der WM anders laufenden Zeit nicht aufkommen dürfen. Er ist Projektionsfläche für gesamtgesellschaftliche Bedürfnisse, die nicht per se gerechtfertigt sind (nein, man wird nicht doch einfach mal stolz sein dürfen), sondern kritisch hinterfragt werden müssen. Fußball lässt sich zwar analytisch instrumentalisieren, aber die Antworten auf die Fragen, die er aufwirft, sollten nicht im Fußball liegen. Gruppendynamiken und positive Identifikation muss nicht über die Nation laufen, sondern kann in anderen gemeinschaftlichen Logiken funktionieren (wie ein Gay Pride bspw.), Genderdiskurse sollten auch an anderen Baustellen dekonstruiert werden, damit „Männer“ auch mal emotional sein „dürfen“ und berufshomophobe Politiker_innen sollten ihre Image nicht mit verschwitzten Bauchmuskeln reinwaschen – oder ist das „Volk“ so einfach zu kriegen?! Es gibt kein Volk, nur Medien, es gibt keinen Fußball, nur Spektakel, es gibt keine Nation, nur Fahnen.

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Bild via flickr.

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