Alltagsästhetik: Kosmetikbeschreibungen – Kapitalistische Märchen

Bereits als Kind wollte ich schreiben und hämmerte auf die alte Tastatur meiner Großmutter ein, weil ich meine eigene Handschrift so schlecht lesen konnte, bis der Toner der Schreibmaschine leer war, um mir dann vom Taschengeld einen neuen zu kaufen. Leider brachte ich nichts Sinnvolles zustande und der Toner war schon ziemlich alt, aber ich wollte schreiben, weil ich las. Witzig ist:  Gemessen an den Titeln, rein quantitativ, war das Genre meiner Wahl, das Genre, das ich noch mehr konsumierte, als die Bücher aus der Bibliothek: die Beschreibung von Kosmetika.

Kleine literarische Miniaturen, die eine Geschichte erzählen müssen, sind die Texte, die man auf der Rückseite von Kosmetikprodukten findet. Sie erzählen von Inhaltsstoffen, so exotisch (oder chemisch), dass man ohnehin nichts damit anfangen kann. Aqua kennt man, Alcohol ist übersetzbar, aber was ist mit Cyclotetrasiloxan (das eventuell für hormonelle Störungen verantwortlich gemacht werden kann) oder Citronellol (einfach nur ein natürlicher Bestandteil bestimmter Öle). Die Texte der Beschreibungen bedienen sich eines bestimmten Vokabulars, das nichts anderes im Sinn hat als Verführung („ein Hauch von … erregt die Sinne“) oder die Ästhetisierung des Alltags („eine Note von …“), alles nachhaltig und durchweg beruhigend, ganz im Gegensatz zu den exotischen Chemikalien. Nicht nur die blumig umschriebenen Inhaltsstoffe erzählen Geschichten, auch das Produkt wird, meistens durch die olfaktorische Stimulierung, zum Träger eines Narrativs, das man sich auf die Haut schmieren kann, mit dem man sich die Haare weicher macht oder über Nacht das Gesicht verjüngt. Bei einem bekannten Drogeriemarkt gab es eine Bodylotion mit dem Namen „Stadtgeflüster“, die dank Bergamotte und Kaffee-Nuancen von den Cafés der Großstadt schwärmen lassen soll. Was im Laden noch lecker roch, riecht im Bad, als wäre ich in Keksteig gefallen.
Nicht nur die Sehnsucht nach urbanen Aktualisierungen unserer Persönlichkeit wird befriedigt, auch die Performanz unserer Geschlechtlichkeit wird geölt: Männerprodukte riechen anders, als die anderen, die damit automatisch als feminin lesbar festgesetzt werden. Die Absurdität von Geschlechtszuweisungen liegt hier offen vor mir, als Mann, der Männerprodukte hasst, weil die immer viel zu stark riechen und bei mir Ausschlag auslösen (meine biologische Reaktion auf gegenderte Produkte, weil da einfach zu viel Parfüm drin ist).
Die Absurdität der Globalisierung mit den global verfügbaren Ressourcen, den biologischen Extrakten, der Notwendigkeit von Fair-Trade, der Notwendigkeit von Tierversuch-freien, ethisch korrekten Produkten, neben denen, für die scheinbar Hühner mit Lippenstift vollgeschmiert werden.

Es gibt nicht nur verschiedene Ansprüche, die aus körperlicher Disposition heraus entstehen, die wir an Kosmetika stellen: sowas wie sensitiv, oder normal, Mischhaut oder trockene Kopfhaut – es ist  ein ganzer Reigen aus Möglichkeiten, die uns diese Texte bieten. Und immer werden wir eingestimmt durch eine Beschreibung, die durchweg mit positiven Assoziationen arbeiten muss, mit Verführungs- und Anbiederungsmechanismen, kleinen Geschichten, in winzig kleiner Schrift, die uns glauben machen, dass wir uns mit diesem Produkt nicht nur Pflege, sondern auch eine Stimmung, eine Situation, einen ganzen synästhetischen Komplex erkaufen, der uns im Alltag bereichert. Auf die Geschichte, das Mindset, den Überbau, die Theorie des Produkts, folgt immer seine Praxis: die Anwendung. Auch hier wieder „sanftes einmassieren“, „kreisende Bewegungen“, „gleichmäßiges Verteilen.“ Aber wer knallt sich schon die halbe Flasche Bodylotion auf den linken Oberschenkel und wartet, bis sie einzieht, ohne zumindest ein bisschen herumzuschmieren. Das beruhigende an diesen Texten liegt, wie bei einem Krimi oder einem Liebesroman, in ihrer Erwartbarkeit. Unser Gehirn dankt das Wohlgefühl des Vertrauten, die Vorhersagbarkeit der Anweisungen, die uns eine Expertise in Körperpflege vorgaukeln. Natürlich prügelt man sich die Nachtcreme nicht in die Fresse, sondern trägt sie höchsten mit den Fingern „leicht klopfend auf“. Mehr als einmal die Woche peelen schafft der Geldbeutel nicht. Man weiß vielleicht nicht, wie groß eine Erbse ist, aber welche Menge genügt.

Ich weiß nicht woher die Faszination für diese Texte kommt. Vielleicht weil ihre Lektüre in meinem Leben eine seltsame Brücke zwischen den verschiedensten Situationen schlägt: mit heruntergelassener Hose gelangweilt auf dem Klo, nackt unter der Dusche, verwirrt im Drogeriemarkt vor dem Regal.

Es sind Texte, die den vielen austauschbaren Produkten eine Seele, eine Geschichte, eine Persönlichkeit verleihen, die so offensichtlich künstlich, so offensichtlich erdacht, so kitschig, so camp, so drag ist, dass ich gegenüber ihnen nur Sympathie empfinden kann. Sie versuchen sich als einzigartig zu verkaufen, sind aber am Ende doch austauschbar. Konstruierte kleine Entitäten, wie wir alle.

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