Surfverhalten: Intellektuelles Masturbieren

[ezcol_1fifth]Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bist du durch Facebook auf diesem Post gelandet.[/ezcol_1fifth] [ezcol_3fifth] Das Problem vieler Blogger und Contentmalocher ist folgende Gleichung: Internet = Facebook = Traffic. Wenn ich mir so anschaue, was auf Facebook so gepostet wird (neben den Bildern von Park-Orgien, den Joint galant versteckt oder aktuellen Nachrichten, möglichst galant kommentiert) und womit ich bzw. meine Texte um eure Aufmerksamkeit ringen, dann lässt sich das vor allem mit einem Begriff zusammenfassen: Selbstvergewisserungsrituale. Oder ganz platt: intellektuelles Masturbieren.

Nehmen wir zum Beispiel die ganzen Texte zu Kreativität oder Intelligenz. Die Huffington Post Deutschland hat eine Studie aus dem Esquire ins Deutsche übertragen, die davon erzählt, dass intelligente Menschen mehr trinken (bzw. kiffen), weniger Schlaf in Anspruch nehmen und besseren Sex haben. Mehr braucht es nicht, um Sharen und Liken in die Höhe zu treiben. Das Interesse am Text sagt dabei mehr über die soziale Funktion sozialer Medien aus, als über das tatsächliche Verhältnis von Intelligenz zu gutem Sex, gutem Suff und Ausgeschlafenheit. Unser Surfverhalten und damit unser Konsum von Texten ist immer mehr auf die Selbstvergewisserung einer intelligenten, kreativen, digital nativen Masse ausgelegt. Das Internet hat damit eine Funktion übernommen, die Medien schon immer inne hatten, aber auch die Kunst: soziale Realitäten widerspiegeln. Das auf eine symbolische Ebene heben, was sozial verhandelt wird.

Durch die Messbarkeit des Erfolgs von Artikeln im Onlinesektor im Gegensatz zu Printerzeugnissen wird klar, was die Menschen bewegt: genau das, was ihnen das Gefühl gibt, Teil einer Gesellschaft zu sein, die die individuellen Probleme anerkennt, teilt und versteht. Intersubjektivität durch Internet. Während eine Zeitung oder ein Magazin kein Google Analytics oder Facebook-Counter kennt, Tools, mit denen man genau nachvollziehen kann, wie viele Menschen wie lange einen Artikel lesen oder wie viele Menschen einen Artikel so gut fanden, dass er weitergereicht wird (und dann wieder messbar gelesen), funktioniert das Messen im Onlinebereich relativ genau (fast schon gruselig genau). Die Gefahr dabei besteht darin nur noch Content zu produzieren, der den Messtools entsprechend gut funktioniert aber keinen Informationsgehalt mehr hat. Billige Wichsvorlagen für das intellektuelle Masturbieren also. Damit bläht man zwar den Traffic auf, aber der der Diskurs besteht am Ende nur noch aus heißer Luft. Texte für den kleinen Wichs zwischendurch machen auf Dauer auch nicht satt. Und als Online-Journalist will ich nicht nur Texte schreiben, die ich verkaufen kann, weil sie maximale Klickzahlen versprechen und dabei die guten, tiefen Themen außen vor lasse – oder nur auf dem Blog poste, womit ich bei meiner eigenen Leserschaft bleibe, der ich zutraue, 3 Minuten Konzentration an den Tag zu legen, um einen Text wie diesen zu lesen. Mir ist es lieber, weniger Klickzahlen zu verzeichnen, weil ich ohnehin keine Werbung schalte, und dafür das zu schreiben, worauf ich Lust habe. Leider sehen es viele Online-Redaktionen anders und so fällt mit Sicherheit ein Gros an guten Texten durch das Raster, was auf Dauer dem Online-Journalismus schadet.

Es ist überhaupt nicht schlimm, so einen Artikel zu teilen oder zu lesen oder auf jemandes Wall zu posten. Natürlich freut man sich, dass man guten Sex hat, trinken darf und auch mal auf einen Rhyhthmus pfeift, den man sich während der Schulzeit nur in den Sommerferien erlauben durfte. Trotzdem ist spannend zu sehen, welche Trigger man pushen muss, um die Leute zum Lesen zu bringen. Gerne geteilt werden auch Texte, die beschreiben, wie „Genies“ aus der Geschichte ihren kreativen Arbeitsalltag strukturiert haben. Wir haben alle das Bedürfnis zu lernen, unsere Energien zu kanalisieren und dazu zu lernen.

Ich schreibe diesen Blogpost nach Mitternacht, habe zwar davor keine Drogen konsumiert, aber einen Kaffee getrunken – einen Kommentar zum Sex spare ich mir, aber grinse debil vor mich hin. Wer sagt mir, wann ich arbeiten soll? Wer sagt mir, dass ich mit dem Bloggen das richtige tue? Wer sagt mir, dass diese immaterielle Form, diese geistige Art von Arbeit, gerechtfertigt ist? All diese Selbstzweifel, zu später Stunde, die ganze Unsicherheit in einer Arbeitswelt, in der der Arbeitsbegriff sich ändert, wird von weniger gehaltvollen aber lustigen Studien wie der oben erwähnten besänftigt. Am Ende lesen wir das, was wir zu verdienen glauben und das ist keine schlechte Art der Gratifikation. Es gibt halt zwei Arten von Texten: die, die uns sagen, was wir schon wissen und die, die uns Neues eröffnen. Beides ist Bauchpinseln, aber nimmt die Selbstvergewisserung überhand, wird man zum langweiligen Arschloch, das zwar guten Sex zu haben glaubt, sich wegballert und spät ins Bett geht – aber nichts mehr gebacken kriegt. Wir lesen, was wir zu verdienen glauben, nur zu Ernst nehmen dürfen wir uns nicht. Sich immer nur auf sich selbst einen runterholen macht auch nicht glücklich.

Header via flickr

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Kommentar (1)

  1. Vom anderem Ufer aus gesehen

    Mit sehr hoher wahrscheinlichkeit bin ich hier via Facebook hier gelandet. Ich hab gesehen, dass es hier ein neuer post wartet darauf konsumiert zu werden und hier bin ich. Unterhalte mich! Die Vorschau war vielversprechend, nun will ich unterhalten werden. Also?! Nicht mal n Katzenbild – ich glaub ich geb dir kein Like.

    Mittlerweile ist FB zu meinem Newsreader geworden.Dort sehe ich wo was auf meinen Lieblingsblogs passiert und wo ich zu klicken habe. Egal ob Bild mit galant verstecktem Joint, die lustige Katzenbildparade oder auch „nur“ etwas gehaltvolles mit vielen Textzeichen.was meine Aufmerksamkeit mehr als 3 Minuten fordert. Klicken kostet mich nichts ausser Lebenszeit -und die will gut investiert werden. Gefällt es mir nicht schließt sich „schwuppsdiwupps“ der Tab wieder. Nimmst du die Herausforderung an?!?. Das Jointbild bekommt eventuell ein sakastisches Kommentar („höhö“), die Katzenbildparade ein imaginäres nicken – wird aber geschlossen bevor jemand es merkt- und der Blogpost bekommt vielleicht ein Kommentar…. aber auch nicht immer. Streng dich gefälligst an, ich hab dich schließlich angeklickt. Internet – oh du gefälliges Instrument zur Zeitverdrängung. Alles kann so schnellzu mir kommen und niemand (NSA BND etc mal abgesehn) bekommt es mit. Selbst für den Post über die Disneyprinzessinen kann ich unlikend schmunzeln, aber wenn ich im Bahnhofszeitschriftenladen mit dem Disney-Prinzessinen-Magazin stehe käm ich mir echt blöd vor. Das Internet ist eine tabufreie Zone.Klickschlampen an jeder Ecke.

    Ich schreibe diesen Blogpost nach Mitternacht, habe unzählige Biere getrunken und am Kiosk um die Ecke meinen Flaschenpfand bereits in eine süße Tüte umgetauscht.Jetzt lieg ich im Bett, klicke nochmal betrunken herum, lieke dies und das, lande letzendlich hier und kann sagen: mit Masturbation/Sex verhält es sich wie mit dem Zähneputzen – ohne fülht sich das schlafen gehen falsch an….

    …manchmal kurz vor dem einschlafen,überleg ich mir, was mich an dem Tag glücklich gemacht hat -und ich glaube heute war es mal nicht von einer Katzenbildparade befriedigt zu werden…. Nadann: Gute Nacht.

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