Nachtrag zum Muttertag: Drauf geschissen ist auch mal schön

Illu_Mutter_Miguel_Jara

Am letzten Sonntag war Muttertag und ich habe meine Mutter nicht angerufen. Nicht, weil ich verkatert im Bett lag, das Datum nicht im Kopf hatte oder weil ich ihr eine Überraschung per Post geschickt habe, die für einen nicht getätigten Anruf wieder alles wettmachen könnte – sondern nicht angerufen, weil wir keinen Kontakt mehr haben.
Warum, das ist mir zu persönlich für einen Blogpost. Long story short: meine Familiengeschichte habe ich bereits öffentlich thematisiert.

Wenn ich das Drama bei Seite schiebe, dann hat es (so zynisch das klingt) auch Vorteile, von der Pflicht zum Muttertag anzurufen entbunden zu sein. Ich komme nicht in die Versuchung Blumen per Internet zu bestellen, die überteuert sind oder hole die Kindergarten-Skills raus und töpfere meiner Mutter einen Aschenbecher aus Fimo-Knete, der am Ende noch nichtmal in der Vitrine landen kann, weil die 1990er Jahre auch im Wohnzimmer meiner Eltern bereits Auszug gehalten haben.
Auf den Rest des Jahres gerechnet, spare ich mir wöchentliche Telefonate, die wahrscheinlich im Durchschnitt 10 Minuten dauern, mir danach aber ca. 20 weitere Minuten Kopf- und Bauschmerzen bereiten, weil ich mir Vorwürfe wegen meines Lebensentwurfs anhören muss. Das sind pro Jahr wahrscheinlich 1560 Minuten, die ich anders ausfüllen kann (zum Beispiel mit einem kurzen Blogpost mit einer Reflexion über den Muttertag oder ein bisschen mehr Facebook abhängen). Mein Über-Ich wird von der Mutti-Stimme befreit, die mir immer wieder einflüstert, ich würde Fehler machen. Niemand ist so vielleicht stolz auf mich, aber auch nicht enttäuscht. Die Lebensrealität und Anforderungen, denen ich mich stellen muss, konnte ich meiner Mutter ohnehin immer schwer klarmachen.
Wenn ich meine Mutter anrufe, sagt sie ohnehin immer es gehe ihr gut – also kann ich davon ausgehen, dass es ihr gut geht – auch wenn ich nicht anrufe. Noch ist sie nicht in einem gebrechlichen Alter (und bis sie das ist, ist der Streit bestimmt beigelegt).
Niemand kommt mich in Berlin besuchen, der ohnehin keine Lust auf die Großstadt hat. Dadurch komme ich zwar weniger in Museen oder den Zoo, aber das haben wir schon gemacht, als ich nach Berlin zog. Meine Mutter spart also auch das Geld für Ticket und Hotel, was sie sich damit kauft, weiß ich nicht – aber wir sparen beide. Ich muss auch nicht zu meinen Eltern fahren, spare Geld dafür und kann irgendwohin, wo ich noch nie zuvor war. An Weihnachten kann ich mich fühlen wie ein richtiger Berliner, weil ich die leere Stadt genießen kann – und mit den Leuten feiern, die mir lieb und nah, deren Familien aber hier oder so weit weg wohnen, dass sie in Berlin bleiben müssen.
Meine Mutter gibt offen zu, dass sie nicht gut kochen kann (stimmt auch leider), also vermisse ich auch kein Essen – die guten Rezepte habe ich ohnehin bei meiner Oma abgestaubt. Die besten Kuchen kann ich leider wegen einer Milchallergie nicht essen, aber der Rotweinkuchen fehlt mir manchmal schon, der Senseo-Kaffee mit den billigen Pads aus dem 100er-Pack aber wiederum nicht.
Wenn es mal hart auf hart kommt, kann ich niemanden um Geld bitten. Ich muss also endgültig auf eigenen Füßen stehen und Abstriche machen, wenn es mal knapp wird. Eine Lektion im Erwachsenwerden, die ich wohl oder übel annehmen muss.
Zwar kann ich jetzt nicht mehr den Kleiderschrank auf dem Dachboden nach Juwelen durchsuchen, die am Ende auf dem Flohmarkt oder Kleiderkreisel landen, aber die Vintage-Phase habe ich ohnehin schon durch und ich glaube den Dachboden schon vor Jahren gründlich durchsucht zu haben.

Zusammenfassend gesagt: ich spare Zeit, Geld und Nerven. Ob es das wert ist, kann ich nicht beantworten, trotzdem: manchmal muss man die positiven Dinge im Leben auch mal wertschätzen. So ein Stück Rotweinkuchen wäre schon mal wieder ganz nett, aber das ist ein anderes Thema…

Illustration: MJY

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