Alltagsästhetik: Feuerzeuge – Kitsch, der brennt

Ich stehe im Späti und zeige mit dem Finger auf das organisierte Chaos aus Tabakprodukten und Zubehör.
 „Ich hätte gern ein Feuerzeug, das da hinten.“
„Das?
„Nee, ein bisschen weiter links. Nee, links.“
„Das?“
„Nee, das mit der Orange.“
„Das orangene?“
„Nee, das mit der… Bunten Orange.“
Schwer zu erklären, was ich will. Schwer zu definieren, was das Feuerzeug ziert. Eine Zitrone (keine Orange – vielleicht war’s deswegen so ein Drama), deren einzelne Spalten im Querschnitt zu sehen sind, jede Spalte schlecht eingefärbt, sodass ein runder Regenbogen entsteht, eingerahmt vom gelb der Zitrone. Zum Glück war der Späti-Verkäufer einer von den Netten, die nicht ausrasten, wenn man sie für länger als 5 Sekunden vom gelangweilt rumsitzen abhält.
Ist das jetzt Kitsch? So viel Bildinformation auf die abgerundete Form des elektronischen Feuerzeugs gepresst, in China Hergestellt, für eine holländische Firma deren Namen klingt wie ein professionelles Institut zum Geldwaschen, irgendwas mit „light“ im Namen. Wer genau sich den Kitsch ausgedacht hat, will ich gar nicht recherchieren. Das ist keine Absage an meinen Investigationswillen – denn es geht nicht darum, wer sich das ausgedacht, ob da jetzt ein Grafiker irgendwo auf der Welt innerhalb von wenigen Minuten eine Zitrone so manipuliert hat, dass sie zum Regenbogenrad wird. In der Photoshop-Postmoderne ist das Zeichen nicht nur radikal und frei, sondern auch unendlich verschiebbar in seiner Bedeutung, bis es über den Rand der Welt kippt und nichts mehr bedeutet.
Trotzdem kommt nicht alles auf ein Feuerzeug: der Kitsch folgt einer Logik. Er soll Konsumanreiz sein (zum Leidwesen des Späti-Verkäufers – und der Umwelt, die am Plastikmüll erstickt). Und um mich zum Kauf eines bestimmen Feuerzeugs zu bringen, muss das Feuerzeug eine bestimmte Nachricht ausstrahlen, die ich in meinen Alltag integrieren will. Wenn ich mir eine Zigarette anzünde, dann sehe ich das Feuerzeug, es begegnet mir immer wieder, ist aus dem Augenwinkel zu sehen, wenn ich ein Auge zukneife, damit ich Kippe und Flamme zusammenbringen kann.
Ich hab auch ein Feuerzeug mit Palmen darauf, Palmen, die irgendwie vage vor einem Meer mit Sonnenuntergang liegen und von einer imaginären Isla Bonita erzählen.

Die Alltagsästhetik des Feuerzeugs ist eine Ästhetik der Affektmodulation – Stimmungen, die eingefangen in generischen oder manipulierten Bildern auf mich einwirken. Es gibt auch Feuerzeuge mit Hunden darauf – oder Katzen, aber sowas würde ich mir nie kaufen. Es sagt viel über die Sehnsüchte einer Gesellschaft aus, was auf ihren Feuerzeugen abgedruckt wird. Kollektive Phantasmen aktualisieren sich auf Plastikfolie. Tiere geben uns ein positives Gefühl, Palmen erzählen von Exotik, eine bunte Zitrone erzählt von – ja was eigentlich? Ist sie vielleicht eine Allegorie auf die sexuelle Freiheit, die wir uns erkämpfen müssen, in dem wir in die Zitrone beißen? Es geht mit mir durch.
Aber politische Feuerzeuge gibt es auch: Im Star Wars-Font, Gelb auf Schwarz, die Letter „STOP WARS“. Die Kommodifizierung des Patriotismus für Raucher. Kauft man sich damit in ein politisch gutes Gewissen ein? Ist das eine Form des Protests?
Lustig oder selig, paradiesisch oder süß, schein-politisch oder gewollt komisch: es sind oberflächliche und dabei doch in der tiefe wirkende Bilder und Zeichen, die es auf die Feuerzeuge schaffen. Es ist Wellness für die Seele auf Plastik gepresst, auf Folie gebannt, die man abkratzen kann, aber damit zerstörte man nicht nur die Oberfläche, sondern die zarte Schein-Aura dieser kleinen Kunstwerke. Sie sind vielleicht technisch reproduzierbar, aber weil es mein Feuerzeug ist, mein Feuerzeug mit diesem Druck, kommt es mir vor, als gäbe es nur eins davon, ein einziges, originäres, das in meiner Hosentasche liegt.
In einer Ära, in der alles Bedruckbar, alles Werbefläche, alles Display werden kann, in der alles infiltriert ist von einer Bilderflut, bei der Walter Benjamin wahrscheinlich das Kotzen gekommen wäre, wütet der Kitsch-Kapitalismus.
Etwas beruhigendes geht von diesen mit unwichtigen Informationen überbordenden Feuerzeugen aus. Als in die Reizüberflutung hineingeborenes Subjekt gefällt es mir, mein Gehirn zu überlasten, anstatt mich zu beschweren. Ich begrüße den Überfluss an Bildern lieber, anstatt mich ihm zu entziehen. Nur weil ich die manipulative Natur der Feuerzeuge und ihrer Prints entlarven kann, heißt es nicht, dass ich sie nicht mögen darf. Mehr noch: ich will unseren kollektiven Phantsamen kuratieren, sammeln, zusammenbringen. Ich kaufe mir (oder klaue meinen Freunden) ab jetzt nur noch kitschige Feuerzeuge, damit aus der Notwendigkeit des Feuerzeugs ein kleiner Akt des Liebhabertums wird. Egal wie generisch, egal wie un-auratisch die Feuerzeuge und ihre Bilder sind, durch das Sammeln gebe ich ihrer Vergänglichkeit einen Aufschub und damit vielleicht wieder eine Aura.

Wer meine Sammelleidenschaft befriedigen will, dem biete ich folgenden Tausch an: Kitsch-Feuerzeug gegen Blogsticker. Schreibt mir an kevin (at) wolfauftausendplateaus.de oder postet ein Bild von eurem Kitschfeuerzeug auf Facebook in den Kommentaren. Je cooler das Feuerzeug, desto mehr Sticker rück‘ ich raus.

Header via flickr.

 

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