Rezension: Von der Stadt als Zauberwürfel: „Berlin liebt dich“

Es muss nicht immer schöne Literatur sein, vor allem wenn das Wetter gut ist. Was man Germanisten im ersten Semester meistens vorenthält ist: auch jenseits des Höhenkamms kann man sich literarisch austoben. Also warum nicht mal wieder einen Liebesroman in die Hand nehmen? Während man sich dann so von Seite zu Seite liest, merkt man: oh, stimmt. Das Genre hat bestimmte Anforderungen, bestimmte Modi – da sind erwartbare Formulierungen und stilistische Blüten, die man wohl mit einkauft, begibt man sich auf dieses Terrain.

Clara Otts „Berlin liebt dich“ ist ein Liebesroman, herausgegeben von Schwarzkopf & Schwarzkopf in der hauseigenen Reihe „Amélie“, die laut Website nur von Frauen geschriebene Romane beherbergt und ein „sinnliches Vergnügen“ verspricht. Freie Journalistin und Autorin, die seit zwei Jahren in Berlin liebt, davor einige Jahre in Hamburg. Soweit die Eckdaten, auf die es eigentlich gar nicht ankommen soll, die man aber für alles weitere im Hinterkopf behalten darf.

Clara Otts „Berlin liebt dich“ ist ein Liebesroman, ja, über Berlin, ohje. Die Erwartungshaltung, die man ein solches Buch stellt, sollte nicht zu Voreingenommenheit führen. Es wird Klischees regnen, es wird kitschig, es wird schnulzig, es wird Sätze geben, die mehr das Outfit beschreiben, als dass sie eine Aussage treffen – nicht wie in einem Bret Easton Ellis Roman, sondern wie in einem Liebesroman, der dann wirkt als sei man in einer Collage von Modezeitschriftsartikeln aus einer Publikation Pocketsizeformat hängen geblieben. Gäbe es das nicht, wäre ich, ehrlich gesagt, enttäuscht. Wenn Liebesroman, dann richtig. Und als Literaturwissenschaftler weiß man auch in der Zeit nach der Akademia: unterschätze die Populärkultur nicht, alle Zeichen verweisen auf etwas. Der vermeintlichen Banalität eines Romans auf den Leim zu gehen ist der eigentliche banale Zug, der das Lesevergnügen und noch mehr den Erkenntnisgewinn Schachmatt setzt.

Liest man also in Lottes (natürlich nennt niemand die Romanheldin beim vollen Namen, außer ihrer Mutter, die sie Charlotte nennt) Abenteuer in der Großstadt hinein, soll man die Nase nicht rümpfen, sondern das Genre respektieren, vor allem wenn man eine Blog-gerechte Rezension schreiben will. Die gebürtige Hamburgerin hat es nach über 30 Jahren in der Hansestadt an die Spree verschlagen. Mit dem neuen Job bei einer Plattenfirma gibt Lotte sich und der neuen Wahlheimat eine Probezeit. Ein Jahr will sie es durchhalten, Bulette statt Fischbrötchen, aber immer in Sneakern, Jeans und T-Shirt. Neben der Probezeit hat der Vertrag bei der großen Plattenfirma noch einen Haken: bei einem Verhältnis mit einem Künstler wird gekündigt. Arbeitsrechtlich ist das vielleicht nicht wasserdicht, aber für die Romanhandlung – Überraschung – von großer Bedeutung. „I fancy the lead singer“ krakelt eines von Lottes Shirts und so heißt auch eines der Kapitel, denn Lotte hat sich in Ari verliebt, den schönen Israeli, der ehemalige Leadsinger einer fiktiven Band, der es jetzt als Solokünstler versucht. Liebe auf den ersten Blick ist es, Liebe die dank Rühreiern mit Lachs und Feta tatsächlich durch den Magen geht und Sexszenen, die es erst gar nicht darauf anlegen und damit auch nicht scheitern müssen. Regeln sind da um gebrochen zu werden, das Verhältnis zwischen Ari und Lotte bekommt aber auch eine Probezeit: bis zum Albumrelease wollen die beiden zusammenbleiben und danach, Ende des Sommers, wollen sie entscheiden, wie es weitergehen soll. Natürlich kommt es vorher zum Bruch, weil die Affäre auffliegt und Lotte sich zurückzieht. Weil sie selbst kein Freund von Facebook ist, füttert ihre in Hamburg lebende beste Freundin sie mit Neuigkeiten aus den sozialen Medien, die von einer Praktikantin eingepflegt werden. Zweifel wird gesät, es wird vermisst, aber Erstzmann und ehemalige Affäre Benjamin ist zur Hand, mit dem es sich wunderbar Pärchen spielen lässt, weil er seine Verlobte verlassen hat. Die Verlobte, die aus Eifersucht und im Versehen ausplauderte, dass Lottes Lover Ari Liebmann, der, wie man immer wieder hören darf, berühmte Rockstar, ist. Was Lotte den Job kostet, kostet die Verlobte bald ihren Gatten in spe.

Weil Lotte die Romanheldin ist und auch gleichzeitig ein Glückspilz und Charmebolzen geht der Roman von der Millieustudie „Arbeiten im Musikbusiness“ über in die Feldforschung „Kunstmarkt“, weil Lotte einen Job in einer Galerie bekommt. Samt neuen Klamotten, jetzt gibt es Designer statt Spruchshirts, Bob statt Dutt und aus dem Groupie wird eine Galerista.
Lotte und Benjamins Zeit geht auch irgendwann tragisch zu Ende und… Mehr wird hier nicht verraten, aber die Wendung ist denkbar: jemand taucht wieder in ihrem Leben auf. Zufällig. Unerwartet. Und doch zum richtigen Zeitpunkt.

Die Handlung ist vertrackt genug, um nicht zu vorhersehbar zu sein und vorhersehbar genug, um die Unterhaltungslust zu befriedigen. Während man bei einem Krimi den Mörder errätselt, errätselt man hier die Schicksalsschläge und zufälligen Wendungen, die nur Verliebte kennen. Ein durchaus genrekonformes Stück Literatur also, mit den erwartbaren selbststilierenden Momenten, den immer gut aussehenden Menschen, der Privilegiertheit der Protagonisten und einer meistens verdaulichen Sprache, die sich auch mal ein Leitmotiv traut: den Zauberwürfel. Die Stadt als Zauberwürfel. Das zu lösende Rätsel.
Die eigentliche Stärke von Clara Otts zweitem Roman ist, dass er sich nicht ernst nimmt – und damit auch seine Protagonisten nicht. Er ist noch ironischer zu seinen Statisten und da die sich aus dem Pool der Berliner Medien-Kunst-Club-Ecke speisen, durchaus ein satirischer Spaß. Berlin liebt Lotte vielleicht und tut ihr gut, aber den größten Spaß hat man an den bissigen Kommentaren und zotigen Beobachtungen, die im Erzählfluss immer wieder nach oben schwimmen und lächeln lassen. „Authentisch“ sagt der Verlag und hat dem Roman damit tatsächlich zurecht ein überstrapaziertes Label aufgedrückt.

Ein Liebesroman über das heutige Berlin der Ü-30-Hipster-Suppe hätte nach hinten losgehen können, aber weil er Selbstironie hat, ist er gute Literatur, auch für schlechtes Wetter.

Clara Ott: “Berlin liebt dich” Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 2014

 

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