Frühlingsmelancholie im Duett: Dillon + Chris Garneau

[ezcol_1quarter] Frühlingsmelancholie, das ist wenn man die Reste der Wintertraurigkeit abschabt und noch nicht ganz glauben will, dass jetzt alles schöner und wärmer wird. Frühlingsmelancholie ist emotionale Dekadenz, weil man es sich leisten kann, ein bisschen Melancholisch zu sein. Die Sonne scheint schon auf den Bauch, aber man wischt sich noch mit erhabener Geste die im Winter nicht geweinten Tränen aus dem zusammengekniffenen Augenwinkel, die dann wegen der Sonnenstrahlen noch pathetischer Glitzern. Weil auch mir jetzt die überblumigen Bilder ausgehen, schnell zu der Gedanken-, Ideen- und Gefühlswelt von anderen: Chris Garneau und Dillon. Die aktuellen Alben der beiden Soloperformer sind durchsetzt von Synthesizern und Piano, mit Melodien, die im Ohr bleiben, in die man aber auch eine Loop hauen könnte, sodass sie ewig weitertänzeln – und dann abrupt enden, weil sie das einfach müssen. Zwei Alben, die sich anhören, wie postmoderne Autopoetologie. Musik für den Transit, Musik für die Spaziergänge unter ausschlagenden Bäumen. Zwei Alben, die sich gut zusammen, nacheinander und durcheinander hören lassen:[/ezcol_1quarter] [ezcol_3quarter_end]

Chris Garneau Winter Games COVER 2.0Chris Garneau – Winter Games

Warum kannte ich den Singer-Songwriter vorher noch nicht? Die Lücke in meinem queeren Popwissen ist geschlossen. Winter Games ist eine balladenlastiger Abgesang auf den Winter, auch metaphorisch. In Japan erzählt man sich traditionellerweise Gruselgeschichten im Sommer, weil der kalte Schauer gegen die Hitze wirken soll – warum also nicht im Frühling in Winterballaden schwelgen, die von der Vergangenheit erzählen. Aus der Sicht des Winters sind wir ja schon in der Zukunft.
„Oh God“ könnte so schön orchestral und ausladend sein, wären da nicht die Kinderstimmen im Hintergrund. „Winter Song #1“verspricht „Spring will come again“ (das können wir jetzt bezeugen) und tastet sich zaghaft an „Winter Song #2“ heran. Zwei Songs, die mit ihrer Melodie vom Transit erzählen, von Hoffnung und Sehnsucht nach einer Zeit nach dem Winter, ohne ihn überspringen zu wollen. „The Whore in Yourself“ appelliert an sexuelle Freiheit, die Hure in uns und die Spießer da draußen. Auf Wikipedia liest man, Garneau sei „offen schwul“ – bekennend wäre wohl noch schöner. „Winter Games“ ist jedenfalls kein Bekennerschreiben eines „offen Schwulen“, aber ein subtiles Ensemble von winterlichen Befindlichkeiten, die ihre Schönheit zu jeder Jahreszeit entfalten.
Chris Garneaus Stimme schmiegt sich an flächige Sounds, in die man sich manchmal erst hinein hören muss, aber der Frühlingsmelancholie tut genau das gut.

Dillon_TheUnknownDillon – The Unkown

Mit „Thirteen Thirty-Five“ oder „Tip Tapping“ im Hinterkopf ist Dillon auf ihrem neuen Album zu ihrer eigenen Referenz geworden. Ihre Stimme ist auf ihre ganz eigene Art und Weise, wie die von Garneau, schwer aus dem Kopf zu kriegen. Ihre Lyrics regnen auf die Songs herab, wie bei „Into the deep“, wo sprachliche und musikalische Semantiken eine Assemblage bilden, der man sich gerne anvertraut. Abgehakt? Nein, ihre Stimme kostet sich selbst aus, minimalistische Sounds begleiten sie auf Augenhöhe, treten dann wieder in den Vordergrund und machen Dillons Stimme Platz. Die Songs brechen ab, wenn man sich wünscht, sie gingen weiter und weiter und weiter.
Titeltrack und Opener „The Unknown“ rollt dramatisch nach vorne, um inne zu halten. Spannungen bauen sich auf und ab, geleiten durch leise orchestrierter Dramatik, die ganz ohne Kitsch auskommt – der würde Dillon auch nicht stehen. Gänsehaut gibt es trotzdem, oder gerade deswegen.
Die Single „A Matter of Time“ buchstabiert mit Dillons Stimme als Medium die Schönheit der Melancholie aus und bleibt im Ohr hängen. Weder selbstgefällig noch selbstmitleidig, aber tief berührt summt man mit und stimmt innerlich zu: alles eine Frage der Zeit. Mit nacktem Rücken doziert die brasilianische Sängerin vor roughen Animationen, man sieht die Greenbox fast schon durchscheinen. Die perfekte Visualisierung für einen Song, der dadurch auf allen Ebenen eine Autopoetologie von Pop an der Grenze in der Postmoderne aufstellt:

Chris Garneau. Winter Games (Clouds Hill) erschien im November 2013.
Dillon. The Unknown (Bpitch Control) erschien im März 2014.

 

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