Des Spießers neue Muster

Bin ich durch mein Lebensalter stärker sensibilisiert? Vor kurzem 25 geworden, hatte ich das Gefühl, ich müsste mein Leben einer Inventur unterziehen und Großreine machen.

Höre ich mich so in meinem Umfeld um, ist das wohl der typische Mittzwanziger-Rappel. Das ganze Verhaltens- und Entscheidungsrepertoire wird zum Appell gebeten und was nicht mehr in die Riege der (nach eigenem Ermessen) erwachsenen Momente gehörte, darf bitte gehen. Adieu Ablenkung, war schön mit dir Gejammer, bis hoffentlich nicht allzu bald Exzess.

Was andere aber aus ihrem Leben verabschieden, macht mir Bauchschmerzen. Progressive Lebenseinstellungen werden über Board geworfen und weichen konservativen Haltungen, aufgetüncht und entstellt in hipper Pose. Der Spießer ist zurück und trägt ein Beanie auf dem Kopf. Der Spießer ist zurück und trägt Humana. Der Spießer ist zurück und macht jetzt nicht nur Projekte, sondern wählt FDP!

Ein bisschen globaler gesehen, sind wir auf einer neuen Stufe des Kapitalismus angekommen, bei der viele Konsumentscheidungen sich wie politische Mandate tarnen. Slavoj Zizek nennt das Ideologie in Form von Bio-Produkten, die sich aber als unideologisch Tarnen, weil der Kapitalismus sich selbst das Schafsgewand des Post-Ideologischen anzieht, nur um darunter die Zähne zu fletschen, sobald jemand den Mantel lüpft. Das Individuum trägt alle Lasten auf seinen schmalen Schultern. Kollektive Verantwortung ist die Entscheidung der Einzelnen in Summe, das schlechte Gewissen, die Versagensängste, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Das bio-bürgerliche Gewissen, die selbstauferlegte Verantwortung als Konsument, lastet auf unseren Schultern. Und das sind wir primär: Konsumenten. Wandelnde Geldbeutel, die sich fragen, wie sie ihr Geld am sinnvollsten investieren. Dass es am System liegt, kommt uns nicht in den vom Gewissen zerfleischten Sinn.

Gentrifzierung ist nicht mehr nur Veränderung von Stadtteilen, wie Neukölln, das für tatsächlich Alteingesessene schon viele Gesichter hatte, sondern die Anpassung an die Vorstellungen eines bestimmen Milleus, das sich aus vielen Klassen speist, aber in seinem Differenzierungsgestus, dem aufstrebenden Bürgertum gleich, alle anderen Klassen abwertet. Leider habe ich kein besseres Wort als Hipster zur Hand. Und der Hipster ist tief innen drin ein kleiner Spießer, der sich, jetzt wo er Kinder bekommt, sein Leben in festere Bahnen lenkt, Soulfood im Atelier-Concept-Store-Café-Galerie-Space um die Ecke genießt, wieder in die Altbauwohnung zurückkehrt, aus der eine alte Frau vertrieben wurde, damit er dort durch höhere Mieten mehr Geld in die Kassen der Hausverwaltung spült.

Die These ist: so hip sich viele Geben, so progressiv und differenzierungsgeil es zugeht, so im Kern doch spießig und muffig sind viele. Der Spießer hat neue Kleider, eine neue Hood und isst anders, aber er ist und bleibt ein kleiner Spießer. Neue Verhaltensweisen, neue Normen, legt er sich zu, aber wenn man genau hinschaut, affirmieren seine kulturellen Praxen weiterhin hetero- und homonormative und kapitalismusbejahende Muster. Welche Zukunft steht uns bevor, wenn die Menschen zwischen 20 und 40 sich so wenig einfallen lassen? Sind wir nicht an einem Punkt der Geschichte, an dem wir uns intensiv um Alternativen kümmern müssten? Wo sind die intellektuellen Würfe? Wo die neuen Visionen? Nicht nur für Schuhe, Café-Konzepte und Essgewohnheiten, sondern für die reale politische Zukunft? Schaut man genauer auf die Schuhe, in die Cafés und auf das Essen sieht man: auch hier nichts Neues. Altes wird neu gesampelt, nicht wie in einem guten Techno-Set, um etwas Neues zu basteln, sondern nur tautologische Derivate, die Konsumanreize schaffen sollen. Irgendwie hat man doch das Gefühl am Ende der Geschichte zu sein. Ich bin kein Fan von Post-Historismus, der schmiert nur Honig um das Maul der Befürworter eines Status quo, aber die Innovationskraft beschränkt sich auf immer weitere Teilbereiche, einfach weil Innovation als Dogma besteht. Alles nur Make-Overs von alt Bekanntem, intelligente Zitate, aber an ihnen klebt noch immer der Muff von überholt geglaubten Werten und Moralvorstellungen. Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt und damit neu, aber der Widerspruch zwischen Haltung und politischem Gehalt ist so groß, dass ich Bauchschmerzen und ja, Angst, bekomme. Wir sehen gerade, was passiert, wenn der Kapitalismus sich den Sekt aus dem eigenen Bauchnabel trinkt: prickelt zwar schön, aber auf Dauer ist das nur besoffene Nabelschau.

Die Neue Spießigkeit, sie ist da. Die Neue Spießigkeit, sie ist hip und trendbewusst, lebt gesund, isst gut, weiß zu leben, arbeitet von zu Hause oder doch mal im Büro, aber den großen Wurf traut sich keiner. Das kritische Denken ist verlernt, nur noch als Attitüde da, aber wenn es hart auf hart kommt, wenn man in die teuflischen Details schaut, merkt man, mit zugekniffenen Augen: alles nur Make-Up. Alles nur Haltung, aber keine Handlung. Was tun? Die Augen ganz verschließen? Sind wir Spießer? Bist du Spießer? Bin ich Spießer?

Vielleicht gab es mal einen progressiven Anspruch, der aber durch die Vermainstreamung und Maßentauglichkeit der Hyperindividualität in der Tautologie (ich bin so individuell aber sehe aus wie alle meine Freunde) einfach weggefegt wurde? Ist alles schonmal passiert? Leben wir in einem kreativen Meta-Horror vacui, weil sich alles aus post-modernem Hyperreferentialitätskitsch speist? Leben wir einem Zeitalter barocker Beliebigkeit? Haben wir Angst davor die Vanitas unserer der Transzendenz beraubten hippen Existenz anzuerkennen? Ist Differenzierungsgeilheit eigentlich nur Differenzierungsnotgeilheit, aus der Not heraus, anders zu sein? Alles nur Ersatzreligion, weil Opium braucht das Volk ja immer? Sind die Modetrends der letzten Jahre, die Konsequenzen der Gentrifizierung, das Konsumverhalten immer schon spießig?
Viele Fragen, die man an die Neue Spießigkeit stellen kann. Zu viele Fragen für diesen Post.

Bild via Flickr (Ey Lou Finn).

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