Blasentierchen auf Reise

Foto: Berghain-Touristen

Wir sind alle kleine Blasentierchen, mit unseren Gewohnheiten und Alltagen, im Rudel immer im Kreis, entlang der hauchdünnen Peripherie unserer Zone. Die Ränder der Blase schillern durchsichtig, aber verzerren auch die Sicht auf die Außenwelt. In Sicherheit wiegen wir uns vor Störfaktoren, denn unsere Lebensrealität haben wir uns mühsam aufgebaut. Selektive Wahrnehmung ist unser Lieblingsmove in der Blase, Prioritäten und Naturgesetze haben wir hier drin verschoben – glauben wir zumindest gerne.
Verlässt man die Blase (Neukölln? Den Ring? BERLIN? Etc.) sind unsere auf das Blasen-Biotop ausgerichteten Sinne verwirrt und justieren sich neu. Es tut mal gut sich mal nicht artgerecht zu halten.
Soweit zum Grundsätzlichen.

Verlässt man die Blase also, um, sagen wir, mit der besten Freundin in die alte Heimat zu fahren, die Heimat vor der Wahlheimat, glaubt man die Blase hinter sich zu lassen und alles neu zu justieren. Man sitzt noch betrunken von der Nacht davor im ICE (erste Klasse, weil man über einen Drittanbieter billige Tickets bekommen hat) und vergrault die bundesdeutsche Realität um einen herum mit lauten Gesprächen über die Realität der Blase, über die Vorfreude auf einen Abstecher in die alte Blase. Arroganzbefreit, ohne Beweisens- oder Leidensdruck, trifft man in der alten Blase alte Freunde, besucht die Abifeier des alten Gymnasiums und merkt: im Westen nichts neues, aber auch nicht alles beim alten.

Es gab sie, diese Zeit vor Berlin, und sie war auch schön, hier sind Kindheit und Pubertät, Erinnerungen und Vergangenheiten, längst vergangene Assoziationen und eine Fußgängerzone. Man erzählt den alten Freunden nicht, was in den Jahren, in denen man sich nicht gesehen hat, alles passiert ist – zuviel, auf beiden Seiten. Alle werden erwachsener, denkt man sich und freut sich über den Lauf der Dinge und nie einschlafende Freundschaften.

Doch dann ist da ein Club, mitten in der westdeutschen Provinz, gemacht von DJs, die schon zu den eigenen Abizeiten Partys gemacht haben, damals noch New Rave, jetzt erwachsener mit House und oh Samstags auch mal Techno. Und die haben sich nebendran ein kleines Berghain gebaut, so mit streetarty Papier auf ein Haus geklebt. Und das Mädchen an der Kasse sagt: Keine Bilder, keine Drogen. Und wenn man morgens aus dem Club torkelt haben die Menschen große Kulleraugen, von denen man keine Bilder machen will, aber das man mit den Drogen… Huch.
Diese Menschen ziehen nicht auf der Toilette, sie verlassen den Club und gehen auf einen Parkplatz, raus!, und legen sich die Bahnschienen ins Spaßland.

Da ist plötzlich Kongruenz zwischen der Berlin-Blase und der neuen Blase, die sich in der alten Heimat auftut. Überschneidungen, die man nicht erwartet hat. Hedonistische Samen gesät mitten in eine muffige Großstadt in den Weinbergen im Südwesten?

Trotz der Kongruenz gibt es auch Widersprüche. Die alte Blase, die nicht mehr existiert, die keiner mehr bewohnt, weil sie in der Vergangenheit liegt, abgeworfen wie ein alter Kokon, war geprägt von muffiger und latenter Homophobie, anderer Musik, überall Stöcke im Arsch. Jetzt haben die sich einen Club hierhin gebaut und ein Mini-Berghain nebendran aufgestellt – aber etwas fehlt. Etwas ist noch immer da.
Und dann zieht das Bärchen das T-Shirt aus und man merkt: Oh shit, die haben die Gleichung ohne sexuelle Freiheit, ohne Ironie, ohne gender bendende Faktoren aufgestellt. Die sind noch genauso spießig und internalisiert homophob wie früher. Die wollen noch immer nur Mädchen aufreißen, aber haben sich gleich einen ganzen Club dafür aufgezogen? Die machen einen auf Elite und einen auf DJ-Gott? Erzählen dir, dass sie dieses Jahr schon vier (!) mal in der Panoramabar waren? Bestätigt dir der Türsteher, dass es wirklich ein bisschen muffig ist, dass da wirklich ein bisschen Homophobie im Schwange sein könnte, dass da wirklich zu viele Aufreißervibes in der Luft sind, auch wenn hier viele wirklich wegen der Party kommen.

Dann fasst man sich an den Kopf. Man nimmt sich die alten Freunde zur Brust, redet über blaugemachte Stunden in der Abizeit und andere Schwänke aus der Jugend, um sich nicht weiter mit der neuen Blase zu konfrontieren. Die Großstadtarroganz ist zwar schon lange abgelegt, aber die Skepsis über den Versuch Feierkultur in die westdeutsche Provinz zu exportieren ist da, weil die Party zwar Spaß macht, aber man sich an den Kopf fasst und denkt: Irgendwie habt ihr‘s nicht gerafft.

Do it like ravers do, dachten wir uns noch, und dann hat die Provinz uns gezeigt wie man einen drauf macht. Zurückziehen wollen wir nicht. Man freut sich auf ein ruhiges Wochenende in Berlin. In der eigenen Blase kennt man alle Schleichwege und weiß wie man Herr seiner Sinne bleibt. Detox-Wochenenden sind in der alten Heimat von jetzt an eher unwahrscheinlich. Wer hätt‘s gedacht? Aber die Blasentierchen gehen gerne auf Reise. Das stärkt das Immunsystem – und die Freundschaft.

Kommentar verfassen