#procrastiselfierevolution

Ich hab eben ein Selfie gepostet. #procrastiselfie Dabei drücke ich mir genervt eine Kaffeetasse in die Fresse und starre in meinem Pyjama auf den Bildschirm. So sieht die Realität des Prekariats aus. Aber weil ich so gut vernetzt bin, soziale Medien und so, ist es nicht nur auf Instagram, sondern auch auf Facebook und diesem Twitter gelandet. Ich hab einfach keinen Bock mehr ich unterbezahlt durch die Mini-Aufträge zu wühlen oder eine sinnlose Erwerbsarbeit zu suchen. Ich will einfach mein Leben den wichtigen Dingen widmen: Aktivismus. Wir wissen doch alle, dass die Welt im Sterben liegt – warum sollen wir uns dann auch noch abrackern? Damit wir uns am Wochenende ein paar Gramm Drogen leisten können, mit denen wir den Weltschmerz vergessen? Ha, aber das Ding ist, dass wir dann doch die ein oder andere transzendentale Erfahrung gemacht haben und ich sag jetzt einfach wir, weil wenn du nicht Teil davon sein willst, lass es halt. Das Wir kann dich ein oder ausschließen, aber du musst dich dazu verhalten. Jetzt lass uns doch verdammt nochmals eine Revolution starten. Lass uns einfach alle auf die Straße gehen. Wer ist wir? Alle, die das Foto geliked haben. Alle, die das hier gerade lesen. Verlassen wir die Glasbildschirme und treffen uns irgendwo. Kommt, wir treffen uns am Rosa-Luxemburg-Platz, wäre das nicht symbolisch und poetisch? Ist doch schon März, so kalt ist es draußen nicht mehr. Wie auch? Wir haben das verkackte 2-Grad-Ziel verfehlt. Es ist alles außer Kontrolle, nur wir selbst nicht. Wir kontrollieren uns selbst.

Fucking FSK in meinem Kopf wegen allem.

Ich will auf die Straße rennen und alle anschreien und sagen: WARUM HÖREN WIR NICHT ENDLICH AUF. Womit? Damit. Das ganze zusehen und so tun als wäre nix. Dabei ist was und wir müssen das doch merken. Da ist AfD und der verdammte dritte Weltkrieg und so viele Menschen, die versuchen dieses verrottete Stück Scheiße bürokratische Europa zu erreichen. Und weil ich schreibe, mach ich mir andauernd nen Kopp wie ich das ausdrücken soll und dann schäme ich mich, weil ich mit der Interpunktion nicht klar komme. Aber scheiß auf Interpunktion, es geht um die Nachricht, nicht den Inhalt. ich kann auch einfach die großkleinschriebungweglassen und die Leerzeichen durch!Ausrufezeichen!ersetzen, aber das macht auch keinen Sinn. Es muss was passieren und bitte lasst es keine Atombombe sein. Ich kann mich jetzt den ganzen Nachmittag mit einer Diagnose meiner Persönlichkeit herumschlagen oder mich selbst kasteien und kontrollieren, oder ich kann in die Tasten hauen. Was wäre, wenn alle jetzt einfach aufhören würden? Wenn alle, wie oben gesagt, sich treffen, im März, fast Frühling, die das Bild geliked haben? Das ist doch wie bei Pop-Musik: jemand geht auf die Bühne und bringt den Weltschmerz in einfache Worte und schreit das in ein Mikrofon. Jemand bietet sich an, so als Identifikationsfigur.

#procastiselfie! #selfierevolution #thereisnorevolutionwithoutselfierevolution!

Und das ist, was Selfies sind. Angebote zur Identifikation. Genauso wie Magazine, ach quatsch, Medien, die ganze visuelle Kultur, solche Angebote macht. Nur dass das Angebot dich verarscht und sagt: oh hey, sorry, du bist nicht so hot wie das Photoshop-Monster hier. Und dann ist doch auch egal ob Lena Dunham sich photoshoppen lässt oder nicht, die Debatte passt so verdammt gut zu ihrer Performance. Ich weiß nicht was ich von ihr halten soll und führ das jetzt auch nicht weiter aus, weil sie mich nervt, wenn ich ehrlich sein soll. Irgendwie kommt die mir zu privilegiert vor.  Also, das Angebot macht dich fertig, du machst dich fertig, damit du dich nicht mehr ok fühlst. Und wer sich nicht fühlt, der will sich ok fühlen, in dem er konsumiert. Die beste Waffe gegen den Kapitalismus ist innere Ausgeglichenheit, weil dann der ganze Konsumdrang sich auf ein Mindestmaß reduziert. Wer kauft sich denn unnötigen Schrott, wenn er mit sich selbst – shanti – im Einklang ist? Braucht man nicht. Ich kaufe also bin ich. Ist nicht. Drauf geschissen. Und wenn Leute, die eben nicht perfekt sind, ein Selfie von sich machen, dann marschieren sie in die visuelle Kultur und empowern sich und empowern andere. Filter drüber, fertig. Halt kein Kinn wegretuschiert. Überzogene Selfies, her damit. Ich muss an die übergewichtige, schwarze Yogalehrerin denken, die ich im Internet gesehen habe. Die hatte halt keinen Yoga-Body und war keine blonde, white chick. Die war richtig cool, einfach weil sie zeigt: Yoga ist eine Praxis für alle und auch wenn du deinen Körper damit in Form bringen kannst, Form ist nicht gleich Klon. Also, macht Selfies. Penetriert die visuelle Kultur. Machen wir halt noch so weiter. Aber den Generalstreik, den Aufstand, die Revolution, den heben wir uns dann halt noch auf, oder? Der Kapitalismus ist nämlich wie Fußpilz: geht nicht weg, wenn man sich nicht ordentlich drum kümmert. ???!

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