Sag mal, hast du ein Hobby?

Hast du ein Hobby? Ich hab keins, glaube ich. Also so ein richtiges Hobby, so eine Tätigkeit neben den Sachen, die ich so tagsüber mache, die mich irgendwie auch ausfüllt, so ein abgegrenzter Bereich jenseits von Alltag, Erledigungen, Beruf. So‘n Hobby halt. Wie mein Vater, der hat früher Fische gezüchtet oder Modellautos zusammengebaut, jede halbe Dekade abwechselnd. Bastelkeller zu Fischkeller zu Bastelkeller zu Fischkeller. Hauptsache im Keller, fernab der selbstgeschaffenen bürgerlichen Realität (= Familie) hatte der da seinen Rückzugsort.

Vielleicht kann ich gar kein Hobby haben, so wie ich auch keinen richtigen Beruf habe, der mich ausfüllt. Mein Leben ist ein Flickenteppich aus prekären Beschäftigungen und Selbstausbeutung – wo soll da Zeit für ein Hobby sein, nach der Arbeit ist vor der Arbeit ist während der Arbeit. Ich arbeite eigentlich immer, durchgehend, oder nie. Immer sitzt mir das schlechte Gewissen im Nacken: war da nicht eine Textidee? War da nicht eine Mail zu beantworten? Schon wieder eine Woche lang nichts gepostet, weil zu oft hinterm Tresen gestanden?

Ist Sport vielleicht mein Hobby? Auch nicht so richtig, ich gehe gerne zum Sport, aber das hat andere Gründe. Körpernormen, so ein bisschen, aber auch geistige Leistungsfähigkeit und Ausgeglichenheit. Ach ist halt gesund und man fühlt sich besser.

Ist der Hund vielleicht mein Hobby? Nee, der ist eher mein Lebenspartner. Wir sind dicke Buddies, ziehen durch Neukölln, machen die Hood unsicher, scheißen die Wände an (Papa sammelts ja auf, meistens).

Ist Feiern mein Hobby? Puh, vielleicht die Tätigkeit, die ich am konstantesten durchziehe. Aber Feiern als Hobby? Ernsthaft? Semantisch klickt‘s da nicht so richtig. Ich geh halt gerne Feiern, aber das ist nicht mein Hobby.

Ist Lesen jetzt vielleicht mein Hobby? Da kommt der Beruf wieder ins Spiel, ich muss viel lesen, so als Autor – und wenn es nur um‘s Ideen kriegen, Input bekommen, Intellekt aufpolieren oder rezensieren geht. Aber lesen tu ich schon gerne.

Das Hobby ist obsolet. Ein Hobby kann ich mir gar nicht suchen, weil die abgegrenzten Bereiche, die die Lebenswelt meiner Eltern noch definierten, bei mir nicht mehr greifen. Wenn es keine Freizeit mehr gibt, die ich genau eingrenzen kann, gibt es auch keinen Raum für ein Hobby, eine Tätigkeit, die mich erfüllt, da wo es die Berufung nicht tut. Dabei fühle ich mich wohl berufener zu den Tätigkeiten, aus denen sich mein Alltag zusammensetzt, als jemand mit Beruf, der zu festen Arbeitszeiten stattfindet.

Habe ich jetzt mein Hobby zum Beruf gemacht? Oh Phrasendrescher, halt die Klappe. Ich schreibe mit Erfolgsabsicht! Vielleicht leg ich mir doch einen Garten zu, oder fange an zu Stricken, oder oder oder… Aber wäre würde ich das dann Hobby nennen wollen? Nein. Das Wort käme mir nicht über die Lippen, wie zu lange gekauter Kaugummi, würde ich es lieber runterschlucken. Auch wenn‘s dann vielleicht Bauchschmerzen gibt. Hobby, igitt. Dafür haben wir im Prekariat keine Zeit mehr.

Jetzt hab ich so viel gequatscht, aber sag mal: Hast du jetzt ein Hobby?

Leave a Reply