MUSCHIMIEZE: Die Angst vor der Frau im Mann

Die Muschimieze macht sich seit kurzem auf ihrem Blog Gedanken über Feminismus und Popkultur. Smart und charmant diskutiert sie hier „feminine“ Männer:

Sei schwul, aber keine Schwuchtel. Wir sind ja alle so furchtbar tolerant, aber sobald Gender-Normen in Frage gestellt werden, bekommen wir kalte Füße. Warum sich im Schubladen-Denken eine waschechte Identitätskrise manifestiert und weshalb “weibliche” Männer sexy sind.

Endlich Feierabend. Wir stehen noch ein wenig zusammen, ein Glas Sekt, ein paar oberflächliche Witzeleien. Ein Themenwechsel jagt den anderen, ich komme schon gar nicht mehr richtig mit, da lässt mich eine beiläufige Bemerkung aus meiner duseligen Lethargie aufschrecken. “Also ich könnte jedenfalls mit keinem Mann zusammen sein, der schonmal was mit einem Mann hatte!”
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell ein zunächst harmlos anmutendes Gespräch so schnell in den Stammtischdebatten-Modus rutschen kann.  Natürlich könnte ich jetzt die Gender-Keule schwingen und die entspannte Feierabendstimmung kurz und klein schlagen, aber ich verkneife es mir und nippe stattdessen betreten an meinem Glas. Natürlich muss ich nachhause. Jetzt. Ja, es war sehr schön mit euch.
Als ich auf dem Heimweg in der Bahn sitze, lässt mich das Gespräch nicht los. Was kann eine offensichtlich emanzipierte, tolerante und gebildete Frau an der Vorstellung so befremdlich und abstossend finden, dass ihr möglicher Zukünftiger sich und seine Sexualität kennengelernt und ausprobiert hat? Irgendwas an dieser Vorstellung scheint sie zu verunsichern. So sehr, dass sie sich mit so einer Situation gar nicht erst konfrontiert sehen möchte.
Wir alle definieren uns in erster Linie über das, was wir alles nicht sind. Wir suchen ähnliche Menschen, um uns mit ihnen verbunden zu fühlen und analysieren andere Menschen, um uns von ihnen unterscheiden zu können. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Welt voller sich bedingender Gegensätze steckt und sich unser ganzes Leben um diese eine Frage dreht: Wer bin ich? Das heteronormativ geprägte und sozial konstruierte Zwei-Geschlechter-System, das wir schon im Kleinkindalter als selbstverständlich kennenlernen, grenzt das Feld in dem wir uns einordnen können ein, es gibt uns Sicherheit und lindert dieses konfuse Gefühl der Orientierungslosigkeit.  Charaktereigenschaften sind plötzlich typisch “weiblich” oder “männlich”. Der rationale, ehrgeizige und starke Mann steht der emotionalen, bedürftigen und rezeptiv-empfangenden Frau gegenüber. Während weiblich konnotierte Verhaltensweisen in der Regel abwertend wahrgenommen werden (wie Passivität,  Unterwürfigkeit, Intuition), werden männlich assoziierte Attribute oft mit Anerkennung honoriert (wie Mut, Durchsetzungskraft, Logik). Wenn der heranwachsende Junge kein “Mädchen” sein will, muss er halt “die Eier haben” oder “seinen Mann stehen”. Unsere Sprache lässt nicht viel Spielraum sich gender- und wertneutral auszudrücken. Wir streben danach, nichts undefiniert zu lassen und zwängen damit  jede noch so individuelle menschliche Eigenschaft in ein generalisierbares Sprachkorsett.
Vor allem heterosexuell orientierte Männer laufen fortwährend Gefahr, durch vermeintlich typisch “weibliche” Gesten, Handlungen oder Eigenschaften soziale Abwertung zu erfahren und fühlen sich nicht selten dazu gezwungen, ihre “Männlichkeit” immer wieder neu unter Beweis zu stellen. Dieses Phänomen ist genauer betrachtet nicht nur schwer frauenfeindlich, indem es vermeintlich weibliche Attribute kategorisch entwertet, es nimmt auch Männern ihren Entfaltungsspielraum und setzt sie unter Druck. Gäbe es ein geläufiges Äquivalent zur gemeinhin bekannten “Win-Win-Situation”, würde ich es an dieser Stelle verwenden.
Was passiert nun also in unseren Köpfen, wenn ein mutmaßlich “heterosexueller” Mann sexuelle Erfahrungen mit anderen Männern gesammelt hat? Ein Mann, der möglicherweise “eingesteckt” hat, passiv war und von einem anderen Mann “genommen” worden ist – so wie er sich doch eigentlich nach gemeiner Auffassung nach die Frau “zu nehmen” hätte. Wir können ihn nicht mehr eindeutig zuordnen, er scheint die negativ geprägten weiblichen Attribute anzunehmen und wird durch sie diskreditiert. Nicht umsonst ist Homosexualität in einigen Kulturen zwar verpönt, aber Sex mit anderen Männern in Ordnung, wenn man als Mann den aktiven Part übernimmt. Solang die Vorstellung des aktiven, starken und dominierenden Mannes aufrecht erhalten werden kann, ist die Welt also noch in Ordnung. Wenn ein Mann seine Homosexualität in einem Gespräch mit heterosexuellen Teilnehmern thematisiert, folgt nicht selten die obligatorische Frage: “Bist du aktiv oder passiv!?”. Hier wird nicht nur deutlich, wie wichtig für die meisten Menschen die permanente Kategorisierung und Einordnung ins binäre Geschlechtersystem ist, sondern auch wie schnell dieser Vorgang über sexuelle Potenz hergeleitet wird. Hier lässt sich die Brücke zu politischen Machtverhältnissen schlagen, die sich über dieses Gleichnis ebenfalls auf die typischen sexualisierten Geschlechterrollen beziehen lassen (Sexuelle Potenz = Politische Potenz).

Du bist „zwar“ schwul, aber „immerhin“ aktiv? Na, da sind wir ja alle beruhigt. Dann ist bist du ja gar nicht so weiblich wie befürchtet!

Dass diese Frage Homosexualität einmal mehr von einer Lebensform zu einer sexuellen Praktik degradiert und sie genau genommen ziemlich übergriffig ist, da man den Befragten regelrecht dazu nötigt, sich öffentlich zu seiner intim gelebten Sexualität zu „bekennen“, scheint vielen gar nicht bewusst zu sein. Man muss an dieser Stelle ergänzend erwähnen, dass es zwar durchaus auch die typische Szene gibt, in der männliche Homosexuelle sehr offen und unbefangen mit ihren sexuellen Vorlieben umgehen, aber dieses Verhalten dient schliesslich der eigenen Lustgewinnung und nicht der Orientierung verunsicherter Heterosexueller. Daher legitimiert es meiner Meinung nach auch nicht das schamlose Ausfragen aller schwulen Männer in jeder Lebenssituation.
Wenn wir Abgrenzungen zu unserem Gegenüber dazu benutzen, uns selbst zu definieren, dann lehnen wir Menschen schnell ab, die wir nicht eindeutig zuordnen können. Wenn ich es als Frau also befremdlich finde, einen Mann zum Partner zu haben, der nicht lückenlos männlich-assoziierte Eigenschaften in sich trägt, dann fühle ich mich womöglich mit ihm an meiner Seite nicht weiblich genug. An diesem Punkt wird eine Identitätsfrage externalisiert und somit zum Beziehungsproblem.
Viele junge Menschen aus meiner Generation sagen von sich, dass sie Homosexualität zumindest tolerieren, sobald es jedoch um das überschreiten gewisser Gender-Normen geht, fühlen sie sich angeekelt oder gar bedroht. Sei schwul, aber bitte keine Schwuchtel. Die Möglichkeit, dass der Mann den vermeintlich femininen Part übernimmt erscheint oft befremdlich. Und das ist nicht nur beim Sex oder in Partnerschaften so. Junge Mädchen werden heutzutage glücklicherweise oft (wenn auch noch nicht ausreichend) dazu ermutigt, typisch männliche Berufe kennenzulernen und zu erschliessen. Als im Jahr 2002 der Aktionstag „Girls‘ Day“ ins Leben gerufen worden ist, um jungen Mädchen typisch männliche Berufszweige nahe zu bringen, wurden gleichaltrige Jungen zunächst außen vor gelassen. Was aus feministischer Sicht auf den ersten Blick wohl nach einer ganz guten Sache aussah, ignorierte einen wesentlichen Aspekt hingegen gänzlich: werden Mädchen dazu ermutigt sich einen „männlichen“ Bereich zu erschliessen, wertet der Vorgang diesen automatisch auf. Wenn jedoch im gleichen Atemzug Jungen nicht dazu animiert werden, weiblich dominierte Gebiete kennen zu lernen, markiert dies gleichsam deren gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit.
Männer die sich aus Interesse einen typischen „Mädchenberuf“ aussuchen, haben nicht nur mit Misstrauen und Unterschätzung zu kämpfen – sie laufen auch Gefahr ihre „Männlichkeit“ zu verlieren. Dieser Fakt wird jedoch in vielerlei Hinsicht medial nur unzureichend thematisiert. Schuld daran ist unter anderem die fehlende Sensibilität für männliche Bedürftigkeit, ein Problem, das ich mit großer Freude einmal mehr auf mein Lieblingssinnbild „Porno“ projiziere. Seit Jahren kritisieren Feministinnen das Frauenbild, das in typischer Pornografie angeblich vermittelt wird. Frauen seien unter Druck gesetzt, einem bestimmten körperlichen Idealbild zu entsprechen, gewisse sexuelle Handlungen wie selbstverständlich im Repertoire zu haben und für den Mann unermüdlich verfügbar zu sein. Doch abgesehen davon, dass sich einhergehend mit der Überschwemmung des Marktes von Amateurpornos auch die Bandbreite der weiblichen Darstellung in der Pornografie weiterentwickelt hat und ein typischer Stereotyp Frau zumindest optisch gar nicht mehr feststellbar ist, bleibt bei aller Pornokritik völlig unberücksichtigt, dass auch männliche Darstellungen zu übersteigerten Selbstansprüchen führen können. Der Mann selbst wird in pornografischen Darstellungen eigentlich als völlig irrelevant und geradezu programmiert funktionierend dargestellt, er ist austauschbar – aber dafür ausdauernd. Er „kann“ auf Knopfdruck, solange wie es eben von ihm gefordert wird. Die Frau ist – natürlich – hellauf begeistert von seinen „Liebhaber“-Qualitäten, bis er automatisiert in der richtigen Szene, im richtigen Moment zum Höhepunkt kommt. Dass es mittlerweile eine Reihe junger Männer gibt, die aufgrund solcher omnipräsenten Darstellungen aus lauter Druck an Potenzstörungen leiden, oder zumindest bezogen auf ihre sexuelle „Leistung“ verunsichert sind, wird öffentlich kaum thematisiert und wenn dann hämisch verspottet. Der Mann ist, im Gegensatz zur Frau, eben kein „Opfer“.
Gar nicht so einfach also, in unserer Gesellschaft Mann zu sein. Wenn ich als heterosexuelle Frau das Bedürfnis habe, homosexuelle Erfahrungen zu sammeln, ist dies gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Im besten Fall gelte ich sogar als besonders experimentierfreudig, aufregend und selbstbewusst. Als Mann muss ich mir drei Mal überlegen, ob ich mir den Stempel der verweichlichten „Schwuchtel“ geben lassen möchte. Wir finden es augenscheinlich bedrohlicher, wenn das mächtigere Konstrukt „Hetero-Mann“ ins wanken gerät, als wenn eine Frau die Konturen ihrer Geschlechterrolle verwischt. Was zwar einerseits aus der Abwertung der Frau resultiert, schenkt ihr auf der anderen Seite mehr Bewegungsspielraum zur Selbsterfahrung und Positionierung. Eine Frau im Anzug erfährt im Gegensatz zum Mann im Kleid kaum Ablehnung. Welch Ironie, dass die vermeintliche „Stärke“ des Mannes, ihn im Grunde genommen derart beschneidet und in vielerlei Hinsicht hemmt.
Manche Frauen fühlen sich von Männern, die Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht gesammelt haben, also abgestossen und bedroht. Wenn ich einen heterosexuellen Mann kennenlerne, der Berührungsängste gegenüber Homosexualität hat, verliert er in meinen Augen hingegen recht schnell seinen Glanz. Ein Mann, der seine „Männlichkeit“ immer wieder neu ausloten und vor anderen demonstrieren muss, ist für mich nicht bewundernswert, sondern einfach nur zutiefst verunsichert. Ich möchte ihn dann in meine starken Arme nehmen und ihm sagen, dass die Welt auch cool ist, wenn nicht jede seiner Verhaltensweisen ein Abbild seines Testosteronspiegels sind. Und dann geh ich vielleicht lieber mit dem Typen nachhause, den er vorhin noch innerlich „Schwuchtel“ genannt hat.

(Der Artikel erschien zuerst auf muschimieze.com)

Kommentar (1)

  1. Interpretierst Du nicht etwas viel in die Aussage der Frau hinein? Es war doch eine ganz persönliche Aussage über ihr persönliches „Beuteschema“. Manche Menschn fahren auf Mneschen mit viel Erfahrung (in was auch immer ab), andere wünschen sich Partner, die die gleiche Unbefangenheit und Naivität besitzen. Menschen wünschen sich Eindeutigkeit, gehen gern in einer Rolle auf, ob das der multisexuelle trendige Metrosexuelle ist oder der schlichte Macho. Wir werden immer in Kategorien denken, wahrscheinlich auch immer in Gegensatzpaaren. Das hat weniger etwas mit der Realität zu tun, sondern mit der Art, wie unser Denken diese Realität strukturiert. Solange die Kategorien männlich-weiblich nicht wertend eingesetzt werden, sondern eher neutral Pole markieren wie das abstraktere Yin und Yang, ist das nicht so schlimm. Problematisch wird es, wenn wir Menschen, weil sie z.B. physisch eindeutig Mann oder Frau sind, in allen Eigenschaften eindeutig einem Pol zuordnen und nicht verstehen, dass die Verteilung dieser Eigenschaften sehr unterschiedlich sein kann. Alle Menschen besitzen, so gesehen, in manchen Gebieten „männliche“, in anderen „weibliche“ Eigenschaften und wer Eindeutigkeit schätzt, versucht, sich auf einem Punkt der Skala zu verorten. Das gibt es doch auch innerhalb der schwulen Welt, z.B. der kräftige Kerl, der sich gern androgyn gibt oder der zarte, der sich einen Bart wachsen lässt, um kerliger rüberzukommen. Die Rollen sind aber nicht das Problem, so lange wir sie gern spielen, erst wenn sie zum von der Gesellschaft, aber auch zum uns selbst gemachten Gefängnis werden, sind sie schädlich, denke ich.

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