Von vornherein gebrochene Herzen

Der Gedanke, dass sich die Beziehungen zwischen zwei Menschen je nach der geschlechtlichen Kombination grundsätzlich unterscheiden, geht mir eigentlich gehörig gegen den Strich. Bedenkt man aber, wie sehr sich die individuell erlebte Sozialisierung je nach Geschlecht und sexueller Orientierung von einem straighten Großwerden unterscheidet, muss das in Kombination mit persönlicher Lebensgeschichte und so vielen anderen Faktoren auf unsere persönlichen Beziehungsmuster einwirken. Einfach gesagt: wir sind alle Wundertüten und wenn wir uns für eine Beziehung öffnen, geht‘s rund mit den kleinen Überraschungen, die in uns stecken.

Ein Problem, das sich Menschen, die in die heteronormative Matrix passen, nicht ergibt, ist der anerzogene Selbsthass. Internalisierte Homophobie, das dauernde gedankenpolizeiliche innere Verhör, das Hadern mit dem Widerspruch zwischen anerzogenen Normen und gefühlter Realität, ist ein oft uneingestandener Klotz am Bein, der viele daran hindert, aufrecht durchs Leben zu gehen. Wenn die eigene Gefühlswelt bestenfalls toleriert wird (mittlerweile), schlimmstenfalls abgestraft und verurteilt, ist es schwierig, eine gute Beziehung zu sich selbst, dem eigenen Körper, der eigenen Sexualität, den eigenen Gefühlen aufzubauen.

Unbewusst wabert sie immer irgendwo herum. Es müssen nicht gleich Schuldgefühle sein, die sich beim Sex einstellen. Internalisierte Homophobie ist perfider. Ganz subtil schwingt sie mit, wie ein roter Faden zieht sie sich durch die Gefühle. Eingestehen will sich das kaum jemand, natürlich ist man out und proud (oder tief tief tief im Schrank versteckt). Aber nur weil alle wissen, mit wem man gerne schläft und man das selbst auch noch ostentativ gut findet, ist man nicht frei vom eingeschriebenen Schuldspruch.

Es macht einen Unterschied, ob man sich früh oder später im Leben (oder vielleicht niemals) outet. Eigentlich ein beschissener Begriff: warum überhaupt outen? Warum überhaupt der Welt mitteilen, explizit, mit wem man gerne schlafen will, in wen man sich verliebt?
Weil wir alle unter heterosexuellem Generalverdacht stehen. Der Status quo, die gesetzte Norm, erst einmal durchbrochen, tut meistens weh.
Das Problem liegt in den Spuren, die der Prozess hinterlässt, den jemand durch macht, der eine deviante Sexualität erlebt. Während man erst sich selbst, dann anderen klar machen muss, dass man nicht in gängige Rollenvorstellungen passt, dabei vielleicht in die Klischeefalle tappt, holt man sich die ein oder andere Schürfwunde. Narben bleiben, doch sie akzeptieren, darauf stolz zu sein, fällt schwer. Noch schlimmer: ignoriert man die Wunden, infizieren sie sich und suppen vor sich hin.

Das Trauma, das ein Outing hinterlässt, egal wie glimpflich es vielleicht verläuft, wiegt schwer. So schwer, dass es in die Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich zusammentun, die miteinander schlafen, entgegen dem Generalverdacht das tun worauf sie Lust haben, sich das Leben, das Lieben und den Sex schwer machen können. Es tut weh zu sehen, dass man jemandem nicht helfen kann, der mehr damit beschäftigt ist, sich uneingestanden selbst zu hassen, als Liebe zu geben. Es ist beinahe ein Vorwurf jemandem zu sagen, dass er vielleicht nicht mit sich selbst im reinen ist. Dass da vielleicht noch letzte Reste von Selbstzweifel und Selbsthass sind, die man angehen kann. Auch wenn man sich vom Coming Out erzählt, über ein Bier beim Kennenlernen Kriegsgeschichten über Eltern, Schule, Umfeld auspackt und dabei heftigst bondet – irgendwo, tief unten, ist vielleicht noch ein ungekitteter Riss, der Handeln und Empfinden voneinander trennt. Ein Haarriss vielleicht, aber ein Riss. Die suppende, entzündete Wunde. Die schlecht verheilte Narbe.

Dabei sind es doch die Narben, die uns interessant machen. Wie jemanden lieben, wenn man sich selbst nicht lieben kann? Beschissenes Dilemma, wenn man noch vor der ersten Liebe ein gebrochenes Herz hat.

Vielen ist klar, dass die Frage „Wer ist denn bei euch der Mann und wer die Frau?“ nur ein Volldepp stellt. Dazu sind wir doch alle viel zu aufgeklärt. Aber wer gesteht sich schon gerne ein, dass bei aller Freiheit, bei allem (falschen) Stolz, wir alle den verunsicherten und überforderten Teenager in uns haben, der nicht weiß, warum die Welt nicht versteht, wie er liebt. Ich glaube wir unterschätzen internalisierte Homophobie. Sie ist um und in uns. Eine abgefuckte Dynamik aus Scham vor dem Hass und eingeschriebenen, aber uneingestandenen, Selbstkasteiungsmustern behindert das, was man vor Jahren noch Emanzipation nannte, aber heute als gegeben hingenommen wird.

Bei aller Liebe, wir sollten aufhören uns selbst zu hassen. Endgültig.

Kommentare (2)

  1. Vielen Dank für den tollen Artikel. Ich möchte auch etwas über internalisierte Homophobie schreiben. Da hilft mir dein Artikel sehr weiter

  2. heavy Pete

    Sehr schöner Text über das Thema. Was mich an meinen Schwulen Freunden und Bekannten frustriert, das der eine Teil gerade seine weiche und weibliche Seite an sich verleugnet und der andere Teil die Szene meidet weil sie so unsolidarisch ist. Das die einzelnen Gruppen der Subkultur sich gegenseitig nicht mögen und im schlimmsten Falle sogar hassen. Wir sind so verschieden. Es gibt nicht eine Art der Homosexualität es gibt verschiedene Arten. Und es gibt eine Hackordnung in der Szene. Das hat auch mit internalisierter Homophobie zu tun. Man will mit den anderen nicht in einen Topf geworfen werden. Ich als femininier schwuler Mann stehe ganz unten in dieser Hackordnung. Vielleicht stehen die Ephebophilen noch tiefer das weiss ich nicht, obwohl ich diese Gruppe auch nicht so sonderlich mag. Dennoch sollten wir alle solidarischer sein untereinander. Das hat auch mit gelernten Normen zu tun und mit Abgrenzungstendenzen. Gerade veraltete Rollenvorstellungen machen uns es wirklich schwer. Was machen die Männer die gerne die passive Rolle einnehmen. die gerne der „weiblichere“ Part sind. Bottom Shaming ist auch so ein Problem das viele angeht. Und ich finde es manchmal auch hrenwertig für eine Frau gehalten zu werden obwohl ich sehr androgyn bin. Sex und Gender sind einfach zu ernste Themen. Dabei sind andere Kulturen weltoffener. Wie etwa manche indigenen Kulturen Amerikas oder auch die buddhistischen Länder Asiens. Ich glaube weiblich sein ist das eigentlich Makel. Für lesbische Frauen die burschikos sind gibt es keine herabsetzenden Begriffe. Oder wenn dann sind sie eher harmlos wie kesser Vater oder Mannweib. Wobei das letztere noch am verletzendsten ist. Aber wer will schon eine Tucke oder Tunte oder weibisch sein. Das ist immer noch ein Makel.

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