Back in the hood: Endlich wieder Neuköllner

Uwah, Melting Pot! So viele verschiedene Menschen! Problemkiez! Gentrifizierungsüberschuss! Nichts davon ging mir durch den Kopf, als ich letzte Woche zurück nach Neukölln zog. Stattdessen: Heimeligkeit und ein Hund an der Leine, der sich scheinbar denkt: WTF warum sind hier so viele Menschen und warum riecht es hier anders?

Als ich vor zwei Jahren nach einem Auslandssemester statt wieder nach Neukölln in den Prenzlauer Berg zog, geschah das aus Bequemlichkeit. Der Schillerzkiez, in den ich 2009 zog, hatte mittlerweile einen Burgerladen und war voller Cafés, aber Wohnungen in meinem Budgetrahmen gab es nicht und der Ansturm auf die Besichtigungen war mir zu anstrengend. Das war meiner Ankunft in Berlin noch anders: in der Flughafenstraße klackerten die Hornbrillen aneinander, aber weiter südlich interessierten sich nur Menschen mit vom Amt gedeckelter Miete und ein paar Studenten für die Wohnungen.

Die Frage „Wohnst du auch in Neukölln?“ kann ich jetzt endlich mit einem gewinnenden Lächeln beantworten und muss nicht zu einer Rede ausholen: „Nein, ich wohne im Prenzlauer Berg und es ist total gemütlich. Wir sind zwar die einzigen jungen Leute im Haus, aber da sind so viele Kinder um die Ecke und ach eigentlich ist es total idyllisch und mit der M10 ist man schnell im Berghain.“
Es war heilsam in einem anderen Bezirk von Berlin zu leben, einer Gegend, die schon lange keine Clubs mehr kennt, dafür aber eine kinderfreundliche Infrastruktur ausgebildet hat. Nördlich der Spree, wo man angeblich nur Latte trinkt und Babys füttert. Eine Gegend, die man verlassen muss, will man seine Freunde treffen.

Jetzt fängt wohl eine Zeit an, in der man sich an den Kopf fasst, weil man Neukölln schon wieder eine ganze Woche lang nicht verlassen hat – und das mit einem halb entschuldigenden, halb stolzen Seufzen in den Raum stellt. Endlich Freunde spontan beim Späti treffen und nicht eine Woche vorher einen Termin ausmachen, der möglichst in der Mitte (d.h. immer noch näher am Kaffee-Partner als am Prenzlauer Berg) liegt.
Ich freue mich darauf hier zu versacken, nicht mehr nur weiße bürgerliche Gesichter zu sehen. Endlich wieder in einem Kiez leben, wo ein Junge dich fast mit dem Fahrrad überfährt und beide darüber lachen anstatt sich gegenseitig zu verfluchen.

Als ich 2009 hier ankam, meinte mein damaliger Freund: „Neukölln, das ist irgendwie… real.“ Nach zwei Jahren mit der Tram zum Alex und dann runter, kann ich sagen: er hatte recht. Berlin ist nicht Deutschland und der Prenzlauer Berg ist zu nah am spießbürgerlichen Einheitsbrei dran. Geheucheltes Schuldbewusstsein über meinen Beitrag zur Gentrifizierung plagt mich auch nicht mehr, denn die hat auch in meiner Abwesenheit stattgefunden. Veränderungen sind teil der großstädtischen Dynamik und ab jetzt wird gewohnt kritisch aus der Hood gebloggt – mit dem Sozialkaufhaus, dem Bio-Café, dem Schwuz und dem Rathaus Neukölln um die Ecke.

Bild via flickr

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