Lieben nach Zahlen

Kennt jemand noch diese Zahlenbilder aus den Malbüchern? Man fängt bei #1 an, ganz konform, und verbindet die nummerierten Punkte bis am Ende eine Lokomotive, ein Flugzeug oder ein Hase entsteht. Zeichnen für Kinder ohne Skills. Aber das Erfolgserlebnis am Ende durch die selbstgezogenen Linien ein Bild vor sich zu haben, rechtfertigt zu sagen, es sei ein kreativer Prozess.
Wenn Kreativität bedeutet einfach verschiedene Dinge miteinander zu verbinden, ganz abstrakt gesprochen, dann ist Liebe vielleicht der kreativste aller Prozesse.
Die romantische und sexuelle Liebe, die Liebe zu einem (oder mehreren) Partner(n) kommt mit wenigen Punkten aus, aber ist doch eines der großen Narrative denen wir unsere Lebensplanung anvertrauen (wenn auch nur heimlich).

Überall sieht man wieder Artikel über die große Liebe. Die GROSSE Liebe, wohlgemerkt. Die einzig, wahre, gute, schöne, große Liebe. Da kann man noch so sehr mit irgendwelchen Generationsdiskursen jonglieren und nonchalant attestieren, dass niemand einsam sein will – einen Gegenentwurf zu den Beziehungskorsetts, die wir einander so feste schnüren, dass wir kaum noch atmen können, bildet das nicht. Die singuläre, once-a-lifetime, esoterisch verbrähmte Liebe: glauben wir wirklich noch daran? Und glauben ist hier bewusst gesetzt, mit dem ganzen ranzigen Religionsbeigeschmack.

Zurück zur Liebe als kreativer Prozess. Warum finden wir Dating-Portale oft so cheesy? Warum glauben wir, dass es romantischer ist, wenn man sich im Supermarkt, statt im Club kennenlernt? Warum schreiben Leute einen Guide, der dazu anleitet jemanden in einer Galerie aufzureißen?
In einer Welt, in der wir ständig kontrollieren wer wir sind, wie wir uns repräsentieren, alles getaktet ist, keine Minute verschwendet werden soll, kommt einem die Idee, jemanden zu treffen, der einfach alles auf den Kopf stellt, vor wie das ultimative Ereignis. Gleichzeitig provozieren wir mit unserem Lifestyle diesen chaotischen Moment. Wir bauen den Wahnsinn in unseren Alltag ein, sobald das Wochenende läutet. Wir tigern durch Clubs und Bars, durch Milleus und Halbwelten, werden vorgestellt und stellen vor. Wir werden zu kleinen verrückten Cupid-Professoren, die so lange drauflos mischen bis ihnen etwas in einer rosa Wolke um die Ohren fliegt. Anderen zu ihrem „Glück“ zu verhelfen macht uns selbst glücklich.

Und was meine ich, wenn ich das Glück in Anführungszeichen setze? Bin ich vom Glauben abgefallen, ein Liebesatheist, der sagt, es gibt sie nicht, die Liebe, komm mir erst gar nicht so. Ist alles Biologie, alles wissenschaftlich erklärbar, alles Quatsch. Alles nur Prozesse, die der Fortpflanzung dienen.
Bestimmt nicht, denn meine Sprecherposition ist nicht auf reproduktiven Sex reduziert. Wenn ich mich in einen Mann verliebe, einen Boy gut finde, ein Kerl mein Herz höher Schlagen lässt, dann nicht, weil ich seine Gene mit meinen kombinieren will, um ein Kind zu zeugen. Und selbst wenn ich jetzt einen Artikel aus dem Wissenschaftsressort einer Tageszeitung oder eines große Online-Magazins recherchieren könnte, der halb boulevardesk die chemischen Abläufe zu beschreiben versucht, die im Körper vorgehen, wenn man sich verliebt, um eine wissenschaftliche Erklärung abzuliefern, die das Verliebtsein auf eine „rationale“ Ebene runterbricht – was hätten wir davon?

Da sind sie wieder, die Anführungszeichen: „rational“, „Glück“.
Beide Widersprechen eigentlich der Liebe. Beide machen der Liebe etwas streitig, dass ich ihr so gerne zuschreiben möchte. Ich muss die beiden Begriffe mit den Anführungszeichen in Quarantäne setzen, damit sie meinen Text nicht infizieren; so infizieren, wie sie es mit dem Sprechen über die Liebe um uns herum die ganze Zeit tun.

Liebe ist weder ein rationalisierbares Unterfangen, dass man auf biochemische Prozesse im Körper, Fortpflanzungstrieb oder Evolution herunter brechen kann. Dafür ist sie kulturell zu überformt, dafür sind wir zu sehr Kulturwesen, als dass wir ihr damit beikommen könnten. Liebe ist aber auch kein Heilsversprechen, keine Garantie für ein glückliches Leben. Sie ist ein irrationaler Zufall, der nicht nur mit unserem Hormon- sondern auch unserem emotionalen Haushalt korrespondiert. Wenn wir nach ihr Suchen, bewusst suchen, rational suchen, das Glück erzwingen wollen, dann werden wir sie wohl nicht finden. Erwarten wir sie nicht, sind nicht auf sie vorbereitet, gerade dann wird uns jemand in die Quere kommen, den wir nicht mehr weglaufen lassen wollen – dann haut‘s uns weg.
Ich glaube, dass alle Singles, die sich für dieses Blog portraitieren lassen, kreative Menschen sind. Sie nutzen diese Seite als Katalysator für den Zufall. Juli und Anna sind die verrückten Cupid-Professoren, ihr die Chemikalien.

Was wir daraus machen, wenn wir uns verliebt haben, welche Art von Beziehung wir leben wollen, ist eine durch wichtige Frage. Es gibt sie, die Menschen, die sich verlieben und für immer mit ihrem Partner zusammenbleiben. Sie haben ihre „große“ Liebe gefunden. Aber viele von uns zerbrechen an den Anforderungen, die wir an uns stellen. Der Liebeskummer gibt uns das Gefühl ein Versager zu sein, in einem Unterfangen, dass doch so harmlos begann. Ohne Erwartungen, ohne Druck, ohne rationales Versprechen – es war die irrationale Kraft der Kreativität, der unerwartete Zufall, der uns mit jemandem Zusammenbrachte, den wir nicht mehr weglassen wollten und es ist unser Versuch zu bändigen und in Form zu bringen, was der Liebe mitunter das Rückgrat bricht. Wir müssen weg von der Idee, dass es immer die große Liebe sein muss. Liebe ist größer als das, warum müssen wir sie messen? Sie ist kein verdammter Dildo, den es in verschiedenen Ausführungen gibt. Wenn es passt, dann passt‘s – die Dauer sagt nichts über die Größe aus.

Zuerst veröffentlicht auf im gegenteil.

Bild: Rita Lino

Leave a Reply