Weihnachten als queere Möglichkeit

Wer jetzt noch in Berlin ist, der wurde entweder hier geboren oder meint es ernst mit der Stadt. Niemand kann leugnen, dass gerade Weihnachten ist, man kann sich dem kuscheligen Zusammenrücken und der allgemeinen Suche nach sozialer Wärme nicht entziehen. Was passiert mit den Menschen, die ihre Familie nicht über Weihnachten besuchen, keine Lust haben, sich mit einem überteuerten Ticket aus der Stadt karren zu lassen, nur um all ihren Freunden per SMS zu schreiben und sich damit auf allen verfügbaren Kommunikationskanälen die Großstadtfamilie an die Brust zu halten?

Die Stadt bietet ihre eigenen kleinen Anlaufstellen. Bars sind geöffnet, die Olfe bietet „Betreutes Trinken“, woanders gibt es Parties für den Verdauungstanz nach dem Abendessen. Weihnachten zwingt uns dazu, uns zu fragen, wer uns nahe steht und ist vielleicht der einzige Feiertag im ganzen Jahr, der so ein starkes Regime inne hat. Weihnachten ist emotionale Inventur. In einer Gesellschaft, die kaum noch Rituale kennt, will man fast schon über Weihnachten schmunzeln. Unsere durchgetakteten Leben lassen sich sonst wenig vom Datum vorschreiben, doch für Weihnachten machen wir gerne eine Ausnahme. Kitschgetränkte, versoffene Ausnahme.

Durch Weihnachten sind wir dazu gezwungen, Familie neu zu definieren, wenn wir die Blutsverwandten nicht besuchen wollen, und darin liegt ein schöner Moment. Uns wird die Willkür bewusst, in der wir Bindungen eingehen und die Notwendigkeit, diese zu pflegen. Egal ob beim Essen mit der Familie, im Freundeskreis, beidem, allem, nichts davon: Weihnachten ist eines der letzten Regime, eines der letzten einschneidenden Daten in unserem Kalender.

Weihnachten gibt uns die Möglichkeit unsere queeren Bindungen zu zelebrieren, denn das Fest selbst ist so weit weg von seinem kirchlichen Ursprung, ist nur noch leerer Signifikant, den wir neu besetzen können. Egal ob man sich auf einer Sexparty durchnehmen lässt, in einer Bar betreut trinkt, mit Freunden eine vegane Gans backt, alleine ein Buch liest, oder klassisch mit der Familie – scheisst auf heteronormative Zuschreibungen. Weihnachten ist vielleicht nicht unsere Idee, aber wir können damit machen was wir wollen.

Egal wo und mit wem ihr seid, frohe Weihnachten <3

Bild via in-virgo-virtus

Kommentar (1)

  1. Robin M. aus S.

    Frohe Weihnachten Kevin <3

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