Einen neuen Körper

Eine Freundin erzählte mir, sie hätte sich gerade verletzt und als sie darüber nachdachte, ob wohl eine Narbe bliebe, merkte sie, dass sich Leute deswegen tätowieren lassen. Damit etwas bleibt. Etwas, das deinen Körper für immer verändert. Etwas, das so einschneidend ist, dass es zwar verheilt, aber die Idee des unversehrten Körpers aufbricht und stattdessen wulstiges Gewebe wuchern lässt.
Die Idee, im immer gleichen Körper zu leben, ist unerträglich. Woher soll man wissen, dass man lebt, wenn man sich keine Wunden schlägt, die uns als Narben an vergangene Schrammen erinnern?
Das Rauchen lässt die Haut altern, Schlafentzug malt dicke Ringe unter die Augen, kalter Wind lässt die Wangen rosig aufscheinen. Der Körper ist ein System, das reagiert. Wenn er nicht reagiert, ist er nicht mehr am leben.

Doch wenn etwas in mir drin passiert, nicht physisch, sondern emotional, dann soll das meinen Körper auch zeichnen.
Den Schockmoment zu verarbeiten, heißt ihn anzuerkennen. Verkraften bedeutet, hört man genau zu, etwas in Kraft umzusetzen. Der temporäre Schmerz wird erduldbar, wenn man weiß, dass eine Narbe bleibt. Er zählt nicht, weil das Leiden zu etwas führt, das man schön finden kann.

Jede Tätowierung ist der Marker eines neuen Lebensabschnitts. Meine Haut, die so fair ist, Verletzungen, die tief genug sind, in Narben zu speichern, ist ein geduldiger Reisepass, der sich über jeden neuen Stempel freut.
Wenn mir etwas passiert, dass ich nicht verstehe, das größer ist als ich, das meinem Sicherheitsbedürfnis nicht gerecht wird, dann muss ich mich dem Schmerz aussetzen, den die Nadel auslöst, wenn sie die Tinte in mich einschreibt.
Indem ich das Erscheinungsbild verändere, etwas in meine Haut lasse, das für immer bleibt, das verheilen muss, um schön zu sein, dann verändere ich meinen Körper. Ich passe ihn den Umständen an. Ich zwinge ihn mich daran zu erinnern, dass etwas passiert ist.
Die Symbole, die Zeichnungen, die Ästhetik der Motive, die ich in meinen Körper stechen lasse, sind keine vergangenheitsgeilen Momente der Erinnerung. Sie sind die Lehre aus einem Abschnitt, das Versprechen auf eine Zukunft in einem neuen Körper, der sich erinnert und trotzdem weitermacht.

Und aus diesem Grund finde ich andere Menschen mit Tätowierungen so spannend. Die Frage: „Warum hast du dir das stechen lassen?“ kam mir, hoffe ich, noch nie über die Lippen. Wer bin ich diese Frage zu stellen? Ich will sie ja selbst nicht hören. Das Geheimnis der Eingravierten Erinnerungen soll jeder dann lüften, wenn er es für angemessen hält (auch wenn das Geheimnis ist, dass es gar keines gibt).

Breche ich mir das Herz, dann muss ich meinen Körper dazu zwingen, Tinte aufzusaugen. Ich muss ihm zumuten, zu verkraften, was in mir drin an der Substanz nagt. Ich muss die Dynamik des Schocks umdeuten, die kathartische Nadel und ihren Schmerz zulassen, um jemand anderes zu werden. Eine Tätowierung ist die ultimative Veränderung.
Wenn der Körper, der den Schock erlebt, nicht mehr existiert, durch das Bild in meiner Haut ein neuer Körper wird, ein Körper mit einer neuen, einer anderen Bedeutung, dann ist auch der Schock nicht mehr ein Teil von mir.
Das Leiden ist nur Fiktion. Eine Geschichte, die man sich erzählt, auch wenn die Erinnerung schmerzt. Der Körper hat seine eigenen Mittel gegen den Schmerz. Der Rausch, den das Gehirn auslöst, um den Schmerz zu tilgen, ist der Rausch eines neuen Lebens in einem neuen Körper.

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