Das Herz ist kein Wanderpokal

Das Ende einer Beziehung ist der karmische Zahltag des Verliebtseins. So wie man aufeinander knallt und beschließt daran zu glauben, dass Platons Lehre von den Kugelmenschen (die wir alle doch eigentlich nur aus Hedwig and the Angry Inch kennen) vielleicht doch eine menschliche Konstante sein könnte, so sehr tut es weh, wenn die Götter des Alltags ihren Blitz durch uns säbeln und man, anstatt Kugel doch wieder Mensch ist.
Jetzt ist Götter des Alltags eine ziemlich kitschige Formulierung, geb‘ ich gerne zu. Aber kritisierenswert daran ist doch die latente Ausrede, die im Verweis auf den inhaltsleeren Alltag mitschwingt. Es sind nicht die trägen Abende auf der Couch, der verzweifelte Versuch einen Stream für einen Film zu finden, anstatt einfach mal wieder ins Kino und damit zusammen unter Menschen zu gehen. Der Geburtshelfer für ein Leben nach dem Leben zu zweit ist meistens der „Ausrutscher“ – der wohlplatzierte Fehler, gerade eben nicht der Alltag. Der kalkulierte Vertrauensbruch säbelt wie  ein Blitzschlag alle Bindungen einmal richtig schön durch. Man lutscht sich den Finger spuckig-feucht, um ihn dann mit zusammengekniffenen Augen in die Steckdose zu stecken.
Oder man knutscht konkret mit jemand anderem herum, wenn man‘s richtig wissen will, legt man noch mit Sex nach.
Viele Beziehungen werden auf diese Weise beendet. Die Dunkelziffer ist unbekannt und ich zitiere hier mein Bauchgefühl. Nehme ich als empirische Grundlage meine eigene Biographie und das, was ich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis weiß, ergibt sich folgender Befund: dann, wenn es nicht mehr gut lief, wurde das Treueversprechen mürbe. Auch in Beziehungen, die zwischendurch offen waren, war es am Ende immer der Quasi-Ehebruch, der die Stärke gab, zu sagen: Du sorry, ich glaub das wird nix mehr mit uns. Die Luft ist raus. Blabla, lass mal schnell Schluss machen. Ok? Cool. Freunde bleiben, ja klar, natürlich, oh doch nicht, scheiß drauf.
Egal was das Problem ist, eine Runde emotional Fremdgehen ist immer das perfekte Zielwasser. Warum sich eine vermeintliche Niederlage eingestehen, wenn man einen neuen Triumph dazu nutzen kann, die alte Beziehung in die Ex-Chroniken einzutragen? Dahinter steckt eine ziemlich miese Logik, die so bourgeois und heteronormativ ist, dass mir selbst fast peinlich ist, mir einzugestehen, dass ich darauf reingefallen bin. Eine Beziehung ist eine Mission, die nur glückt, wenn man sich nicht trennt. Jede Trennung ist eine Niederlage.
Hinterlistig sucht man sich Schlupflöcher, um vor sich und dem Partner ein Fleckchen unbespitzeltes Terrain zu finden. Natürlich bestellt man sich nicht absichtlich ein Sexdate auf einer einschlägigen Website oder stolziert unter der Woche munter ins Ficken3000. Um den Teil von sich, der noch an die Beziehung glaubt, der unbeschadet von der Realität weiterhin ein bisschen naives Bauchkribbeln empfindet, zu sedieren, braucht es meistens ein bisschen Alkohol (und/oder mehr) und eine verfängliche Umgebung. Gab es nicht diese Person, die einen Crush auf mich hatte aber in Moskau lebt? Schon ist ein Ticket gebucht. Ist es nicht mal wieder an der Zeit alleine ins Berghain zu gehen, wegen der Musik und so? Und schon verheddert man sich im Darkroom. Geschickt legt man Filetstücke des narzisstischen Verlangens nach Liebe, Zuneigung und Anerkennung als Köder für potentielle Interimsaffären aus. Anstatt sich der Angst davor, alleine zu sein, zu stellen und einfach das Gespräch mit dem Partner zu suchen, bastelt man sich eine virtuelle Realität, ein neues Schicksal, um aus dem alten Narrativ auszubrechen. Was diese Art von Betrug von einem kleinen Seitensprung unterscheidet, ist, dass man bewusst Gefühle für jemanden erzwingt (oder auf dessen Zuneigung reagiert), um aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit auszubrechen. Die gebrochene sexuelle und emotionale Treue emanzipiert uns von einem Beziehungstypus, den wir so niemals leben wollten. Spießig schimpfen wir andere, und sind selbst gefangen in Beziehungsnormen, die, so eng sie sind, uns als Gehhilfe durchs Leben dienen.
Der Befreiungsschlag war damit eigentlich nur ein dummer Kuhhandel. Anstatt Freiheit zu erheischen, begibt man sich dadurch in eine neue Abhängigkeit. Keine eingespielten Codes mehr, sondern raues Aushandeln – ohne Garantie für dauerhafte Sympathie. Plötzlich muss man wieder überlegen, wann man eine SMS schreibt, muss sich neue Kosenamen ausdenken und kommt gar nicht dazu, sich von alten Mustern zu befreien. Munter projiziert man die enttäuschten Erwartungen aus der alten Beziehungen auf eine neue. Auch wenn man das ganze Ding Affäre nennt oder andere Unverbindlichkeiten einzubauen versucht: wie ein Raucher, der sich das Rauchen abgewöhnen will und eine ganze Packung Nikotin-Kaugummis auf einmal kaut, ist die Sucht nach Bindung dadurch nicht besiegt. Der Übergangsmann, das Trostpflaster, kann nur ein Arsch sein, weil man jetzt die Loop aus hohen Erwartungen und bitterer Enttäuschung – gut trainiert – innerhalb weniger Wochen durchziehen kann.
Meistens „verliebt“ man sich Hals über Kopf in diese „ex negativo“-Personen. Jemand, der all das, was man an der alten Beziehung vermisst hat, in vermeintlicher Reinform verkörpert. Nach dem BWLer kommt der Pseudo-Literat, Hipster werden durch jemanden mit inneren Werten ersetzt, etc. Der Karren muss gegen die Wand fahren, weil man weder in sich selbst gefestigt noch halbwegs stabil der neuen Traumperson auf Zeit auf Augenhöhe begegnet, sondern geduckt rumkuscht, bis man aufspringt und schnell noch ein Herz bricht, bevor es zu spät ist.
Das eigene Herz gerät zum Wanderpokal. Siegerehrung um Siegerehrung fickt man sich durch, dabei ist es nicht die eigene Wertschätzung, sondern die des Siegers, die man erheischen möchte. Man wird sich selbst Spinnefeind und sucht Anerkennung in fremden Augen. Die Wunde nässt noch und man kann nur hoffen, dass der Tetanusschutz noch frisch ist. Aber weil man sich das Ding heftig mit Salz auspeelt, kann sich ohnehin nichts festsetzen.
Lieber ein bisschen Luft an die Wunde lassen, hoffen, dass sich keine Narbe bildet und schonen. Der Pokal kommt in die eigene Vitrine, wo er hingehört. Auf die Art muss niemand mit haushohen Erwartungen kämpfen, die nur enttäuscht werden können. Hand aufs vernarbte Herz: what‘s love got to do with it?

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