Räudig ist reudig

Da denkt man, man sei dem Alter für „Jugendsprache“ entwachsen und dann rutscht einem eines dieser Wörter raus, das nicht dafür spricht, dass man gerade einen gebildeten Eindruck machen wollte. In einer dieser Situation, in der Distinktionsgebaren den Sprachapparat übernimmt und man Kraft eines Kraftausdrucks mal so richtig den Standpunkt klarmachen will. Auch als Mittzwanziger überkommt einen so eine Adoleszenzwehe mal.
Reudig ist eines dieser Wörter, das in diesen halbstarken Momenten über die Lippen rutscht. Eigentlich kann alles räudig sein. Ein Döner, wenn man Nachts besoffen Hunger hat. Oder eine Party, ein Outfit, eine Person, ein Kuss – alles was den von Coolness durchsetzten urbanen Alltag so auszeichnet.
Man brabbelt so vor sich hin und macht eine bedeutungsschwangere Pause, bevor man den kleinen Kracher rauslässt:
„Und dann war ich auf dieser … reudigen Party.“
„Ich wollte nur pissen und dann macht mich dieser … reudige Typ von der Seite an.“

Was der Begriff bedeutet, ist den meisten wahrscheinlich gar nicht mehr klar. Eigentlich kommt räudig von Räude, ein Krankheitsbild bei dem kleine widerliche Milben den Körper übernehmen. Vor allem Hunde sind davon befallen. Daher der sprichwörtliche räudige Hund.

Im coolen Sprech wird räudig umgedeutet: der Döner an sich ist wahrscheinlich nicht wörtlich räudig – Milben brauchen Haare um sich festzusetzen und wohl zu fühlen. Er kann aber durchaus reudig sein. Einer dieser ekligen matschigen Döner, mit Fleisch, das nach Plastikgewürz riecht, die drei Soßen, die zur Auswahl stehen, eh alle nach Ketchup schmecken und man sich vom ungewaschenen Gemüse darin noch ein fettes High auf Pestiziden einfängt. Ihr wisst, was ich meine.

Kurze Deutschlehrer-Frage: Ist wem was aufgefallen? Ja? Hand heben, aber nicht schnipsen, ihr Scheißstreber. Sehr gut. Die Schreibweise ist in diesem Text nicht kohärent.
Wenn Räude vom Hund auf den (jungen) Menschen überspringt, dann wird aus dem Diphthong mit dem Umlaut ein Doppelvokal ohne Umlaut. Tippfehler? Dummheit? Was wahrscheinlich als orthographische Schwäche angefangen hat, macht sprachlich durchaus Sinn:
Das „eu“ in „reudig“ markiert den umgangssprachlichen Gebrauch, während das Wort in der Schreibweise mit „äu“ den medizinischen meint. Die Schreibweise „reudig“ ist also nicht zwingend ein Rechtschreibfehler, sondern eine (unbewusst) smarte semantische Markierung.

Die Logik hinter dem Begriff greift gar nicht so tief in die Trickkiste westlicher Wertenormen: Räude ist eine Krankheit, wird mit fehlender Hygiene assoziiert und ist etwas, von dem man sich fern halten muss. Alter Hut. Etwas als reudig zu bezeichnen ist ein Akt der persönlichen Reinwaschung: das da hinten ist eklig und schmutzig, aber ich bin sauber.  Jugendsprache, die sich absetzen will von den erwachsenen Normen, funktioniert bei allem Provokationsgebaren, dann doch in der gleichen Logik. Reudig distanziert den Sprecher vom Objekt. Vielleicht schiebt man sich das reudige Teil rein, aber eigentlich nur weil man gerade echt Hunger hat. Man lutscht reudige Schwänze, küsst reudige Münder, hält reudige Händchen. Auf der reudigen Party war man nur, weil man da irgendwie gelandet ist. Die lässig-ironische Haltung, alles für reudig zu erklären, ist eine Haltung ohne Reue. Die Distanz schützt vor Fehlern. Auch wenn man etwas veranstaltet, das nicht goutiert wird, es hat nichts mit der eigenen Identität zu tun. Reudig schiebt der Verurteilung einen Riegel vor, die eigene Coolness ist frei von judgy Milben. Keine Ansteckungsgefahr!

Aus irgendeinem Grund haben Hipsterlegastheniker das Wort beim Facebookpost ausdenken wahrscheinlich schlichtweg falsch runtergetippt und gar nicht gemerkt, dass sie damit sprachlich einen kleinen Geniestreich vollziehen. Deutsch ist eine pedantische Sprache? Der Untergang des reudigen Abendlandes? Bullshit.

Wenn man den Begriff kurz angoogelt findet man in diversen Jugendsprachelexika tatsächlich reudige Parties und reudige Fastfood-Gerichte. Es gibt also eine empirische Grundlage für meine Behauptung. Auf dem Umweg der gesprochenen Sprache hat sich die Schreibweise der Krankheit zugunsten einer orthographisch markierten, semantischen Abgrenzung in neue Buchstaben gegossen. Aus dem Synonym für schmutzig wird ein schwammiger Begriff, der, wie so viele hippe Wörter, mehr Haltung als Bedeutungsträger ist.

Scheiß auf den reudigen Deutschlehrer, es gibt sie noch, die kleinen magischen Momente, die zeigen, dass Sprache uns noch einiges beibringen kann, wenn es um Abgrenzung geht.

Comments (7)

  1. Vom anderem Ufer aus gesehen

    Lieber freuen als bereuen – oder wie das F-Wort alles auf den Punkt bringt.

    Und da war es gesagt. Noch bevor die letzte Silbe meinen Mund verlassen kann schnellen die Augenbrauen der Anzugträger der öffentlichen Diskussionsrunde in die Höhe. Hat der das jetzt wirklich gesagt?! Hat er eben wirklich “verfickte Hirnwichse” gesagt?!
    Ja, hab ich. Und ich bereue nix. Der Moderator schaut mich an und bedankt sich bei der Jugend für ihre Meinung. BÄM! ZACK! Innerlich will ich aufspringen, ihn an den Haaren ziehen und ihm mindestens einen Brennesselarm verpassen – aber ich bleibe sitzen. Ich bin erwachsen. Ich habe einen Hochschulabschluss, habe in meinem Leben schon an mehreren Bundestagswahlen teilgenommen, kann problemlos Wodka und Kippen kaufen ohne meinen Ausweis zeigen zu müssen und im Schwimmbad wurde ich vor 10 Jahren das letzte mal gefragt, ob ich den Jugendtarif bezahlen will – aber warum wird man sofort als unreif behandelt, wenn man Jugendsprache benutzt, die im Grunde genommen nicht mal Jugendsprache ist?!

    Ich wohne in einem sogenannten “Problemviertel” – ein Stadtteil mit einer hohen muktikulti-Arbeitslosenstatistik. Fast jede Diskussion hier wird mit einem Fick, Fuck oder Fotze untermauert – von Jugendlichen aber auch besonders von Erwachsenen und Rentnern.

    Ein ehemaliger Mitbewohner und Student der Germanistik hat mir mal erzählt, dass es strenggenommen in der deutschen Sprache kein Richtig und Falsch gibt. Es gibt lediglich einen momentanen Standart, der sich in 10 Jahren aber auch schon wieder verändert haben wird. Vielleicht auch schon in 5 Minuten. Die deutsche Sprache ist so wie sie ist und wie sie jetzt in diesem Moment gesprochen oder geschrieben wird. Jeder Rechtschreibfehler, jedes falschgesetzte Satzzeichen, gehört verfickt nochmal dazu und ist so gesehen wichtig und richtig.

    Die Sprache als Indikator der geistigen Reife. Nicht unbedingt. Sicher kann man mit der gezielten Wortwahl Menschen kontraintuitiv ausgrenzen. Aber ist dieser elitäre, imaginäre Mittelfinger nicht viel schlimmer, als ein offengesagtes “jugendlich” verfickt-verständliches Wort?! Wieso ist das so?! Wer nichts zu sagen hat, soll wenigstens verwirrung stiften?!? Warum holen sich diese Sprachnazis aus dem Land der Dichter und Denker einen darauf runter wenn sie fünfzehn Fachwörter in einen Schachtelsatz stecken können – aber schrecken hoch wenn einer mal Klartext redet?! Warum muss man sich in der Öffentlichkeit dafür schämen, wenn man ein reudiges Wort jenseits seines Bildungslevels benutzt?! Ach Deutschland, ich versteh dich nicht.
    Rede du doch wie du willst, aber steck mich nicht in eine Schublade. Ich benutze halt Wörter die irgendein Rat von Erwachsenen in ein Jugendwörterbuch verbannt hat. Na und?! Ich benutze sie um das zu sagen was ich zu sagen habe. Nicht mehr nicht weniger.
    Ich bereue nix. Yolo!

  2. Ey Mann Schmoddär… du hast den Swag vergessen!

  3. Schlicht wundervoll geschrieben! Mir geht das Herz auf!

    • wolfauftausendplateaus

      Danke! Hatte den Text schon gar nicht mehr auf dem Radar!

  4. Fickt euch

Leave a Reply