Eine neue schwule Ära? Das SchwuZ zieht nach Neukölln:

Nach 18 Jahren Party am Mehringdamm zog das SchwuZ nach Neukölln und quetschte 56 DJs in offiziell 25 Stunden Party. Gefeiert wurde am Ende länger, aber das kennt man ja schon aus anderen Clubs und aus einer Zeit, in der man nur darüber munkeln konnte, wann das letzte Set endete. Willkommen in der Zukunft, denkt man sich, wenn Parties im SchwuZ jetzt schon von der fehlenden Sperrstunde gebrauch machen. Die neue Location in der ehemaligen Kindl-Brauerei in der Rollbergstraße ist verkehrsgünstig, weil fußläufig, für eine Crowd gelegen, die wahrscheinlich noch nicht lange in Berlin, aber dafür schon immer in Neukölln lebt. Der Umzug vom Partykeller auf eine größere Fläche (und der dritte Umzug in über dreißig Jahren SchwuZ-Geschichte) ist ein Schritt der kulturellen Emanzipation.

Wer sich Nachts in die lange Schlange einreihte, die in der Kälte vor dem neuen SchwuZ ausharrte, musste Zeit mitbringen. Wer es bis zu den Türsteher aushielt, wurde freundlich herein gewunken und durfte nochmals an der Garderobe anstehen. So viel Disziplin kennt man in Berlin eigentlich nicht. Die Garderobenpreise waren mit genau 1€ fair für einen so großen Club, aber so kennt man das SchwuZ, das vor der Veranstaltung noch ein rührendes Statement zur Türpolitik postete:
„Beim Betreten des Clubs wirst Du begrüßt und manchmal, wenn wir uns noch nicht so gut kennen, reden wir auch noch mehr mit Dir, teils um zu flirten und teils, weil es keiner Person einfach so anzusehen ist, ob sie heute ins SchwuZ ,passt‘.“
Die zärtliche Einstellung der Betreiber setzte sich im Publikum fort. In nicht ganz so dunkeln Ecken sah man Twinks, die selig lächelnd in Action waren und auf den Toiletten wackelten schon Morgens die Wände verdächtig.

Es ist Teil der Erfahrung, wenn man in einem neuen Club ist, nicht zu wissen, wo man sich gerade befindet. Man kann sich in der warehousigen Atmosphäre gut verlaufen, gut zurückziehen und findet auf den verschiedenen Tanzflächen immer Platz. Der Sound war überraschend gut, allerdings traf die Differenz zwischen dem großen Floor mit der riesigen Discokugel und einer Crowd wie aus einer „Queer as Folk“-Szene und dem Techno-Floor einen ganz empfindlichen Nerv. Popkulturaffines Publikum gegen subkulturell erprobte Tänzer, getrennt durch einen kleinen Korridor. Zwei Gesichter einer Szene könnte man sagen, aber sind wir mal ehrlich: eigentlich sind es zwei Szenen. Es gibt ihn, den queeren Berliner Underground und der verirrte sich in den letzten Jahren immer weniger ins alte SchwuZ.

Ab Nachmittags gingen die Showcases verschiedener Labels los, darunter die Crew von MyHaus und danach eine Runde Musik von EXPATRIARCH mit einer entspannten Live-Einlage von Godmother. Jeder der Slots wartete mit einer unrealistisch großen Reihe von DJs auf, was die Kohärenz der Musikstile auf dem kleinen Floor durcheinander brachte. Wer aber Lust auf tanzen hatte, konnte in familiärer Atmosphäre eine gute Zeit haben. Durch den Break und einer kurzen Dosis Alltag, den ich nach dem Besuch in der Nacht hatte, kam mir der Übergang von Großraumdisco für alle zum familiären Stelldichein noch härter vor. Freunde und Freunde von Freunden von Freunden überall, war es nicht das gleiche SchwuZ, wie am Morgen, sondern ein offener Raum mit vielen bekannten Gesichtern, denen eine fette Portion Verwunderung eingeschrieben war.
Ungefragt bestand der Smalltalk oft aus Kommentaren über die Location. Der Architektur und Einrichtung ist ein bisschen anzusehen, dass das Undergroundige nur Haltung ist, aber das SchwuZ hat durch sich durch seine neue Lage und den Eröffnungsmarathon der Berliner Szene in Erinnerung gerufen. Es ist internationaler geworden, bunter, queerer aber auch ein wenig professioneller und clubbiger.

Was man über die neuen Party-Reihen liest, lässt Vorfreude aufkommen. Die Musik, die hier in Zukunft gespielt wird, ist näher an dem, was Clubkultur ist und lässt immer noch genug Raum für Schwuz-Klassiker. Dass mit dem SchwuZ der erste große Club in Neukölln eröffnet, wird die Gentrifizierung wohl nicht ankurbeln, aber viele kreative Energien bündeln können. Eine alte Berliner Institution hat sich gerade, wie jede gute Pop-Diva, mal wieder neu erfunden und das mit Bravour. Die 25h+-Party in der Rollbergstraße wird der Berliner Szene in Erinnerung bleiben und lässt die Frage aufkommen: wer war eigentlich Sonntag im Berghain? Wenn das mal kein Kompliment ist…

PS: Wer meine Kappe auf dem Klo-Boden gefunden hat, bitte melden…. Sie wird schmerzlich vermisst.