Champagner im Arsch, Hoden auf dem Boden

Pyotr Pavlensky

Zwei Ereignisse haben meinen Facebook-Feed gestern dominiert. Auf krude Art und Weise haben mich beide Meldungen zum Nachdenken gebracht: Da ist zum einen die Kollaboration von Isabel Marant und H&M, die in der nuttig-aufmerksamkeitsgeilen deutschen Bloggerlandschaft auf fruchtbaren Boden fiel. Die hippen Boys (sic!) von Dandy Diary wurden ihrer Aufgabe als selbsternanntes und -zentriertes schlechtes Gewissen der deutschen Modeblogger gerecht und haben in einem schnippigen Text die Frage gestellt: “Hat sich eigentlich die gesamte deutsche Modebranche von “ISABEL MARANT pour H&M” einkaufen lassen?”
Müßige Frage, eher nein. Wie man hört musste H&M das wohl gar nicht, weil alle gerne ihr Fähnchen in den Wind der PR-Maschine halten, die Designer-Kollaborationen mit dem “schwedischen Kinderarbeitgeber” (Dandy Diary) anwirft.
Dandy Diary leben aber davon, dass sie einen auf krasse Kritiker machen und in einem (für Modeblogger, alles in Relation zu sehen) “witzigen” und “ehrlichen” Stil versuchen der Hand, die sie füttert, immer mal wieder ein bisschen ins Fleisch zu knappen.

Leider sind die Protestaktionen der Dandies so überunsubtil wie ihr Schreibstil. Vor mittlerweile drei Jahren gab es ein witzig gemeintes Advertorial von den beiden Dandies mit einer Champagnerflasche, die Jakob Haupt auf einer Mauer in den runden Arsch fickt.

Das andere Ereignis war die Protestaktion von Pyotr Pavlensky, russischer Performance-Künstler, der sich nackt auf den Roten Platz in Moskau setzte und seine Hoden mit einem Nagel auf dem Kopfsteinpflaster fixierte. Pavlensky ist bekannt für Aktionen, in denen er durch Verletzungen auf Missstände aufmerksam macht.

Wieso beides Zusammendenken? Beide Aktionen spielen den Körper als Medium des Protests aus, aber auf eine Art und Weise, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Und das macht mir ideologische Bauchschmerzen:

Scheint, als würde die Welt der Attitüde keine Gehirnkapazitäten mehr freilassen. Wer so viel über sich selbst nachdenkt, sollte doch eigentlich dazu in der Lage sein, das eigene Handeln zu reflektieren. Weit gefehlt, die Modebranche sediert scheinbar den Intellekt ganz gewaltig: In den “Arsch ficken lassen” ist eine diffarmierende, latent homophobe (egal von wem zitierte) und vor allem plakative Ausdrucksform von Protest gegen – ja was eigentlich? Die Tatsache, dass die meisten Modeblogger so dumm sind umsonst Werbung zu machen? First World Problems ahoi. Modeblogs sind letztlich nichts anderes als konsumgeilheitssteigernde PR-Maschinen, ob man da jetzt Geld abschöpft oder nicht, ist zweitrangig und eine Frage des klitzekleinen Quäntchens Stolz und Intelligenz.

Kavlenskys Protest dagegen arbeitet gegen die Ideologie der körperlichen Unversehrtheit. Der Protest ist politisch und empathisch gegen Probleme gerichtet, die größer sind, als der Frust über ein zu hohes Werbebudget von Unternehmen, die auf Wertschöpfung ausgelegt sind. Wer glaubt, dass es in den Modeblogs wirklich um Fragen von Ästhetik, Geschmack, Stil um nicht zu sagen Kunst und irgendwo auch Politik geht (wozu Mode an sich durchaus fähig ist), der geht einer Ideologie auf den Leim, die uns alle fester im Griff hat, als uns lieb sein kann. Modeblogger sind doch nichts anderes als naive Alpha-Schäfchen, die versuchen aus narzisstischen Motiven heraus, die anderen Schäfchen zum Konsum zu verführen. Sich durch die Inszenierung von dummen Wortspielen  auflehnen zu wollen ist heiße Luft im Diskurs. Wenn ihr es nicht besser auf die Reihe kriegt, gebt doch einfach zu, dass ihr kommerzielle Inhalte macht (egal ob euch jemand dafür bezahlt oder nicht, das System funktioniert auch ohne euch) und überlasst die Kritik der Kunst. Diese pseudo-politisierten Aktionen bringen vielleicht Aufmerksamkeit, aber entlarven dabei, wie selbstreferentiell der Modemedienkomplex arbeitet. Bei aller gestelzter Selbstironie, sich selbst so ernst zu nehmen, lässt an der Integrität der agitierten Schreihälse zweifeln.

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