Wer Männer liebt muss Frauen hassen

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Mary Theresa Forde via weheartit

Für unsere popkulturell geprägten Gemüter ein kontra-intuitiver Vorwurf: Homosexualität und Misogynie? Passt das zusammen? Was ist mit Will & Grace? Was mit den schwulen Sidekicks, die die taffen Frauen der späten 90er und frühen 00er in ihren Beziehungsdramen unterstützt haben? Bridget Jones und Carry Bradshaw würden das so nicht unterschreiben.
Kulturgeschichtlich ist die Ablehnung von Frauen unter den Machos, die gerne mit Machos kuscheln, aber ein trauriger Fakt. Lange bevor „Homosexualität“ eine Kategorie war, gab es keinen Shopping-Allianz zwischen Männern und Frauen. Tatsächlich ist Misogynie, der Hass auf Frauen, ein Nebenprodukt hypermaskuliner Diskurse. Unter Samurai war es  bis ins 19. Jahrhundert beispielsweise höher angesehen Sex mit einem Mann zu haben, als mit einer Frau. Es galt als männlich mit einem Mann ins Bett zu gehen, währen der Sex mit einer Frau die Grenze zwischen den Geschlechtern einriss und damit – je nach Betrachtungsweise – unter der Würde eines Mannes war.
Auch die aufkommende Emanzipationsbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von Stellungskriegen zwischen schwulen und lesbischen Freheitskämpfer_innen, die sich gegenseitig das Leben schwer machten.
Gleichzeitig gibt es ein großes Missverständnis im politischen Design von schwuler Kultur und Feminismus. Während schwule Kultur sich oft subversiven Strategien der Ironisierung und des camp bedient und damit feminisierte Positionen einnimmt, warf der Feminismus der schwulen politisch-kulturellen Praxis diese Taktik vor.
Dabei wird im binären System, in dem wir noch immer leben, das Subjekt, das einen Mann begehrt, automatisch ein Set von Verhaltensweisen zugewiesen, das wir als feminin wahrnehmen. Die ironische, campisierte Einnahme dieser Positionen war und ist eine der Taktiken des Widerstands gegen das heteronormative Diktum.

Heterosexuelle Hobby-Feministen, die sich männlich identifizieren, verkennen die Feinheiten dieses Diskussionen. Sie sind damit großgeworden, tolerant zu sein und haben klischierte, post-90er Vorstellungen genauso aufgesogen, wie alle anderen Vertreter_innen unserer Generation. Gleichzeitig sind sie sensibilisiert für politische Korrektheit, die sie selbst und andere davor bewahren soll, Diskriminierung auszusprechen. Sie fühlen sich in ihren intellektuellen Positionen emanzipiert und feiern sich selbst als tolerante und feministisch denkende Individuen, vergessen dabei aber ihr Begehren. Das Begehren, das die Gräben aufwirft, an denen es zu Stellungskriegen kommt, wenn es um Geschlecht und Sexualität, Diskriminierung und Minorisierung geht.
Sie eignen sich den alten Misogynie-Vorwurf an und Münzen ihn auf homosexuelle Männer um, damit sie die Frauen, die sie so gerne feministisch ficken wollen, beschützen dürfen. Sie wissen, dass sie im 21. Jahrhundert nur ein Weibchen (sic) bekommen, wenn sie sich konform verhalten. Ihr Feminismus kommt aus der gefühlten Schuld ein Mann zu sein und gleichzeitig die gesellschaftlich zugewiesene Machtposition zu öffnen. Sie wollen niemanden ausschreiben, doch sobald jemand – ironisch, camp, sarkastisch – die Objekte ihres Begehrens angreift, schwingen sie die gute alte Frauenhasserkeule.
Sie reproduzieren eine Diskussion, die schon lange beigelegt sein könnte und nehmen eine Stellung ein, die der queer-feministische Diskurs schon lange hinter sich gelassen hat.

Die unschudige Frage: „Was hälst du von Fotzen?“ oder die Aussage „X ist so schwul, wenn er eine Fotze sieht, rennt er weg“ sind der Keim dieser Misogynie-Debatte. Die pure Annahme, ein schwuler Mann müsse Probleme mit einem Frauenkörper haben, fußt auf der hart erkämpften „Toleranz“, die uns „erlaubt“ den Sex zu haben, den wir haben wollen, uns aber diffarmiert, weil wir Probleme mit heterosexuellem Sex hätten.

Der Misogynie-Vorwurf – auch wenn es strukturelles Potential für seine Berechtigung gibt – ist letztlich nichts anderes als neue, alte Homophobie verpackt in bevormundenden Hetero-Machismo.

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