Liebe Berghain-Boys…

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
NIEMAND!
Und wenn er kommt?

Jetzt ist es schon zwei Wochen her, dass die Polemik gegen die Berghain-Girls rundgereicht wurde und die Berghain-Boys haben ihnen bestimmt das Patschehändchen gehalten, während sie sich heimlich ins Fäustchen lachen. Puh, nochmal gut bei weggekommen.

Mein Frauenbild wurde öffentlich in Frage gestellt, was mich dazu gebracht hat über Misogynie und Homophobie nachzudenken. Und um das nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ging mir nicht um genderspezifische Diskriminierung, sondern darum, dass eine bestimmte Art von Mädchen mit einem bestimmten Kleidungsstil und einer bestimmten Attitüde leider das exemplarische Exekutions- kommando für eine Kultur ist, die sie zwar bewohnen wollen, aber leider wie die Heuschrecken auffressen. Die Mädchen als solche, erst recht nicht jede (junge) Frau im Berghain ist explizit “schuldig”, wie niemand schuldig am Niedergang eines sozio-kulturellen Phänomens sein kann und das Berghain ist auch weiterhin aus vielen Gründen ein hervorragender Club. Diskursive Praktiken kann man nunmal nicht in einer neoliberalen Logik immer auf das Individuum abwälzen.

Wer mir aber so richtig krass auf den Sack geht sind die ganzen Walla-Walla-Fashion-Berghain-Boys. Was jetzt kommt klingt vielleicht wie oberflächliche Stilkritik, aber ihr zerstört sogar in unbedarften Touristen den Glauben, dass Berlin eine Modestadt sein könnte. Eure pseudo-avantgardistischen Millitärkostümchen wirken als kleidet ihr euch aus dem Fundus eines RTL2-Films über Clubkultur. Dabei ist euer Look noch nichtmal neu, sondern ihr seid lediglich die schlechten Kopien von Leuten, die ihr nicht mehr zu Gesicht bekommt, weil sie nicht mehr ins Berghain gehen (oder stiltechnisch andere Wege eingeschlagen haben). Es ist auch weniger, was ihr tragt (GLITZER GEHÖRT IN DEN KATER, verdammt nochmal) sondern wie: Ihr wirkt wie ausgemergelte Kleiderständer, denen ihre Kleidung zu groß ist. Hölzern bewegt ihr euch, ohne Grazie, ohne Größe, taktlos in Verhalten und Gebärde. Es ist im Berghain, überhaupt in Berlin, dankenswerterweise eigentlich scheißegal was man trägt, solange man es mit Selbstbewusstsein tut. Und, ich weiß, ihr versucht euch so wegzukoksen, dass ihr wirkt als hättet ihr Arsch in der Hose, aber gebt euer Taschengeld doch lieber für etwas Anderes aus. Stiltechnisch könnte man euch als epic fail verbuchen und ignoriren, aber ihr macht trotzdem einen auf Spitze des Eisbergs, weil ihr paradierend und echauffiert um Aufmerksamkeit haschen müsst. Die Panoramabar war schon immer ein oberflächlicher Ort mit Menschen, die das Gefühl teilen, dass die Welt so kacke gar nicht sein kann, wenn man hier zusammen kommt, aber ihr habt noch nicht einmal die Welt gesehen, macht aber einen auf Mitverschwörer und plötzlich ist die Panne kacke, ich meine: WTF?!

Ihr wärt so gern wie die Großen, wollt mitspielen, wollt mitmachen, wollt auch tanzitanzen und Drugsies nehmen, aber es hätte euch besser getan, ein bisschen weniger Arroganz und mehr Demut mitzubringen. Ein Teil der Mikrogeneration junger schwuler Männer, die meiner Generation nachgefolgt ist, denkt es wäre politisch ein Statement sich keinen Bart wachsen zu lassen, dabei hatten wir den Twink gerade erst aus guten Gründen verloren geglaubt. Natürlich wohnt in jeder Bewegung eine Gegenbewegung inne, aber die unbedarfte Arroganz der neuen Twink-Klone ist gefährlich, weil sie auf Schwäche fußt. Großgeworden in einer Welt in der beinahe alle Rechte erkämpft wirken, Homophobie vielleicht nur noch ein persönliches Problem, aber kein gesellschaftliches mehr scheint, sind sie zahnlose Welpen, die noch nichtmal einen Bart haben.

Es ist mir egal, dass ihr euch mit Methoxetamin abschießt, weil das Keta nicht mehr wirkt und es ist eure Sache, wenn ihr Pillen schmeißt, aber noch nie MDMA genommen habt, weil das einfach nicht mehr Pillen verpanscht wird. Es macht mich aber betroffen zu sehen, dass ein Ort, der für mich immer als Stimmungsbarometer funktioniert hat, latenten politischen Druckabfall anzeigt. Also Boys, ihr seid nicht besser als die Girls, eher noch schlimmer: ihr tretet das Erbe eurer schwulen Ahnen mit Kunstleder bestiefelten Füßen und merkt dabei nicht, dass ihr die Hand beißt, die euch füttert. Wenn das alles ist, was die schwule Subkultur ästhetisch auf die Beine stellen wird, dann ist “Hipster” noch ein Kompliment, das ihr nicht verdient habt. Weder hip noch cool noch spannend noch innovativ sehe ich für die Zukunft der schwulen Subkultur leider schwarz, und das nicht als Pantone-Farbe des Jahres, sondern metaphorisch und todernst.

Das nächste große Ding wird ein genderqueer-lesbischer Post-Techno-Club, in dem Männer nur beschränkt Zugang haben. Ich sag’s euch.

Comments (5)

  1. In manchen Punkten stimm ich dir zu, aber leider hab ich jetzt trotzdem kein klares (Feind)bild vor Augen..

  2. tänzer

    Liegt es daran, dass ich Hetrosexuell bin? Oder liegt es daran, dass ich selber jung und männlich bin? Ich weiß es nicht, aber genau wie “cotm” habe ich bei diesem Text absolut kein Bild vor Augen.
    Während ich bei Berghain Girls wenigstens noch wusste wen du meinst, tappe ich hier vollkommen im Dunklen.
    Weder Glitzer noch Militäroutifts sehe ich überdurchschnittlich oft. In “meiner” Ecke finden ich meist nur oberkörperfrei und Sportswear.
    Dass die große Mehrzahl der Berghaingänger kein Problem mit Fettleibigkeit hat ist genau so bekannt wie der Fakt, dass es Leute gibt die ihren Drogenkonsum nicht unter Kontrolle haben. Das kann man kritisieren! Aber das Drogenproblem beschränkt sich meiner Meinung nach nicht auf eine bestimmten “Typ” von Berghaingänger.
    Da ich die Bedeutung von “Twink” erst dank google herausgefunden habe kann ich dazu nicht sehr viel sagen genauso wenig wie zur schwulen Subkultur, die ich zwar sehr schätze, zu der ich aber wie eingangs erwähnt selber nicht gehöre.

    Vielleicht kannst du mir cotm ja noch mal auf die Sprünge helfen und uns verrate wer sich hier angesprochen fühlen darf.

  3. das ist doch sowas von lächerlich…immerhin bestimmt noch die tür, wer in den club gelassen wird.!!
    und seid dem die türsteher gewechelst haben hat sich so extrem das publikum geändert…das es mittlerweile schon die leute die das berghain so populär gemacht hat, gar nich mehr anzieht und teilweise schon fast nur noch italiener, “berghain-girls”, berghain-boys und touristen in dem club sind.!!
    das feeling was es mal hatte, ist schon länger verflogen.!!
    schade drum…

    • sopahn

      Leute, die so so etwas schreiben, verstehen den natürlichen Verlauf einer Szenekultur nicht. Ein Untergrund wird erschaffen, und schlussendlich wird er irgendwann überrollt. Aus dem Grund hat auch der Kater und die Bar geschlossen.
      Also heul dich nicht mit “früher war alles besser”- Gedanken aus, sondern schaue nach vorn und sei Teil neuer Bewegungen. Dieses Phänomen gabs schon immer!
      Und die Leute von damals, von denen du redest, die den Club “WIRKLCH” geprägt haben, möglicherweise haben die heutzutage einen Job und ne Perspektive im Leben, anstatt sich jedes Wochenende aufs Neue Mio von Gehirnzellen zu verbraten (wie eine Fliege die immer wieder gegen die Scheibe fliegt und stirbt, bevor sie merkt, dass es dort nicht weitergeht). Fand die Metapher ganz passend.

  4. blablabla

    geht halt in ne andere disco und hört auf so unendlich unsinnige blogposts und status nachrichten zu machen. das ist ultra nervig und ultra arrogant. kriegt euch mal alle wieder in den griff.

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