Die Pitty-Party ist zu Ende!

Als Teenager wurde ich mit Steinen, Schneebällen, Schimpfwörtern und Müll beschmissen. Meine Eltern wollten mich in eine Therapie stecken und brachen den emotionalen Kontakt zu mir ab, obwohl wir viele weitere Jahre zusammen unter einem Dach lebten. Auf der Straße wurde ich angespuckt oder ausgelacht. Auf meiner Abi-Feier sollte ich zusammengeschlagen werden.
Das alles nur, weil mir mit meiner aufkeimenden Sexualität klar wurde, dass ich nicht, wie von Medien, Eltern und Bildungssystem propagiert, mit Mädchen schlafen will, sondern mit Jungs. Naiv und unbescholten mutete ich meinem Umfeld mit 12 Jahren zu, damit klar zu kommen, dass ich Jungs mag. Die Gesellschaft erwartet noch immer, dass wir uns in einer Kamikaze-Aktion „Outen“ und damit mit Pomp und Prunk alle Türen für Anfeindungen öffnen. Die Homophobie, die subtil und brachial über mich hereinbrach, konnte ich nicht verstehen. Das Unverständnis auf das Reaktion meines Umfelds kanalisierte sich in einer Mischung aus internalisiertem Selbsthass und Wut – und ich bin nicht der einzige.
Wir glauben, an uns selbst zu leiden, wollen anders als anders sein, aber schaffen es nicht, den Selbsthass zu überwinden. Es steckt noch immer zu viel anbiedernde Rechtfertigung in unserer Politik, unsere kulturelle Praxis ist noch immer zu sehr auf Anerkennung ausgelegt. Wir fordern Toleranz und Akzeptanz und begeben uns in ein Abhängigkeitsverhältnis zu denen, die uns knechten.
Wir schimpfen uns emanzipiert, aber eigentlich sind wir nichts anderes als schwuchtelige Weicheier, die sich im bourgeoisen Idyll einrichten.

Die schwule Kultur verliert immer mehr an ästhetischer Sprengkraft. Man reicht uns noch nicht einmal den kleinen Finger, doch wir Verhalten uns, als reichte man uns die ganze Hand. Wir sind impotente kleine Tunten, die sich in kreativ-urbane Ghettos verkriecht und vor einer Gesellschaft prostituiert, die uns nicht viel zu bieten hat. Die langsame Öffnung der bürgerlichen Institution für unsere Lebensentwürfe feiern wir, verzichten dabei aber aus politischen Gründen auf russischen Wodka und denken damit sei unser Soll erfüllt.

Wir können gar nicht genug in Rage sein, über den Zustand der Gesellschaften, in denen wir Leben. Doch stattdessen sind wir noch immer in Selbstmitleid verstrickt. Ihr habt doch alle den Arsch auf (und nicht im angenehmen Sinne) euch so unter Wert zu verkaufen. Ihr wollt den Tropfen vom heißen Stein lecken und merkt nicht, wie ihr euch die Zunge versengt. Die neoliberalen Versprechungen von Selbstverwirklichung und Erfolg gegen Anstrengung werden zur Waffe, die wir uns genüsslich in den Mund stecken, um sie auszulutschen, als kosteten wir Ambrosia, den Finger am Abzug, weil der Flirt mit dem Suizid in unsere morbide Sozialisierung eingeschrieben ist. Doch statt Unsterblichkeit zu erlangen, werfen wir unsere gestählten Körper auf den Altar des Kapitalismus, einer Maschinerie, die sich zwar nicht um Ideologien schert, aber trotzdem unbefangen entlang von Geschlechternormen und Sexualität diskriminiert.

Wir sollten Thomas Mann, Klaus Mann, Jean Genet, Andre Gide, Marcel Proust und Yukio Mishima aus öffentlichen Bibliotheken klauen, unsere (kreativen) Berufe niederlegen – kurzum unser ganzes kulturelles Kapital samt unserer Arbeitskraft der Gesellschaft entziehen, die uns noch immer ächtet. Ihr predigt Stolz, doch habt nichts als ein gebrochenes Rückgrat.

Radikalisiert euch wieder, denn solange wir uns selbst bemitleiden und reuig die Wunden lecken, die anderen uns schlagen, wird sich nichts bewegen. Die Pitty-Party ist zu Ende!

Kommentar (1)

  1. Leopold Stotch

    Genau! Als erstes legen wir die schäbigen Jobs nieder, für die wir ihnen gut genug sind (Verfassungsrichterin, Bundesaußenminister, Oberbürgermeister von Berlin, Oberbürgermeister von Hamburg). Dann gemeinden wir Mann, Proust und Gide in unseren Streik ein, die können sich ja nicht mehr dagegen wehren. Als nächstes verlassen wir das Großstadtghetto und ziehen nach Rotenburg an der Wümme, dann haben wir’s ihnen aber richtig gegeben.

    Oder wir kommen wieder runter und vergegenwärtigen uns, dass die mehreren hundert vernünftigen Leute, denen wir im Leben begegnet sind, ebenso die Gesellschaft repräsentieren wie die zehn Idioten, die uns Steine in den Weg gelegt haben; dass es nicht ‚die Gesellschaft‘ ist, die von uns verlangt, uns vor aller Welt zu outen und uns ins Ghetto zu verkrümeln, sondern ein paar professional victims aus der Schwulenbewegung und sonst niemand; und dass die Gesellschaft uns so ziemlich das gleiche bietet wie allen anderen auch, die gleichen Möglichkeiten zur Berufswahl, Wohnortwahl und Sozialisierung zum Beispiel.

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