Vom Mäandern durch den Untergrund: „Bonjour Berlin“

Einer der Vorzüge von Literatur ist, dass man sich an Orte entführen lassen kann, die man nicht kennt. Der Text als Flugticket in andere Zeiten, Welten und Lebensrealitäten. Einchecken kann man aber nur, wenn man sich identifizieren kann.
Oscar Coop-Phanes Roman „Bonjour Berlin“ wird als „Techno- und Drogenroman“, „Paris- und Berlinroman“ angekündigt. Und ja, der Roman spielt in Paris und Berlin, spielt in der Techno- und Drogenszene.
Er erzählt die Geschichte dreier junger Männer, die die Adoleszenz auf Dauer gestellt haben. Da ist Franz, der von einer betuchten Familie adoptiert wird und sein Glück als Angestellter in einem Berlin versucht, das klingt, als spiele seine Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da ist Tobias, der in Deutschland aufwächst und nach Zwischenstation in New York, einige Zeit in Paris mit seinem Partner lebt und schließlich für einen Job in Berlin landet. Und da ist Armand, der junge Franzose, der nach Berlin geht, um das Leben herauszufordern. Sie alle versuchen sich an Beziehungen, doch scheitern mehr am Zwischenmenschlichen, als dass sie es auf Dauer aufrechterhalten wollen (oder können).
Ihre Wege kreuzen sich in Berlin und ihre Freundschaften wirken so oberflächlich und pragmatisch, wie ihr Lebensrhythmus. Es geht um exzessiven Drogenkonsum, der sie irgendwann zum Dealen bringt, um die Suche nach dem Rausch und der Flucht vor Lebensentwürfen, die auf ein Morgen ausgelegt sind.
Coop-Phanes Figuren wirken zunächst so eindimensional und skizzenhaft, dass man sie für nicht mehr als Karikaturen halten kann. Sie sind klischierte Literatur-Entitäten mit Mut zur psychologischen Lücke. Das Leben zieht an ihnen vorbei und reicht ihnen hier und da die Hand, die sie unbeholfen zu packen versuchen. Wirklich aufblühen können sie aber erst, wenn sie sich in Drogen und Sex flüchten.
Coop-Phanes Stil changiert zwischen schnell erzählten, bissig montierten Erzählhäppchen, bei denen ein Kapitel manchmal nicht länger als ein paar Seiten ist und so schönen weil ironischen Sätzen, die bedeutungsschwangeres Pathos atmen: „Das Rauchen bringt uns dem Himmel näher und dem Tod. Ein unvergleichliches Geschmackserlebnis.“
Die Lücken in den Figuren und der Handlung sind es, die die Aussagekraft des Romans durchscheinen lassen; wenn der gleiche Tonfall, dessen Eindringlichkeit nicht mehr als Attitüde ist, von HIV, von Sucht und Kriminalität spricht.
Zurück zur Fähigkeit der Literatur uns zu entführen: Wer die Orte kennt, an die Coop-Phanes Figuren uns mitnehmen, will kurz widersprechen: Nein, so ist das doch gar nicht. Der innere Literaturwissenschaftler regt sich und sagt: Finger weg vom Biographismus. Aber man kommt nicht umhin, dem Roman anzumerken, dass der Autor nicht mehr als ein Jahr in Berlin verbracht hat. Dass er gekonnt an der Oberfläche tänzelt und sie nur dann durchbricht, wenn er zeigen will, dass er uns doch nicht schont. Er berührt dann, wenn wir es am wenigsten erwarten.
Die Drastik seiner Beschreibungen, die Hoffnungslosigkeit seiner Figuren, sind der Bodensatz einer Party, die in Berlin nicht für alle Protagonisten zum einzigen Lebensinhalt wird. Die Kraft dieses Romans liegt darin, nicht mehr zu sein, als ein Streifzug durch Nächte, die für den jungen Armand auch mal zu einem 36 stündigen Filmriss führen. Wir werden mit einer Stadt und einer Szene konfrontiert, der man mehr als nur Weltschmerz entgegensetzen können muss, um sie zu überleben. „Bonjour Berlin“ erzählt von den kleinen Lügen, die die Sucht erträglich machen – und löst den Widerspruch nur so weit auf, dass wir den Knoten als Leser selbst öffnen müssen.
Dem clubversierten Berliner mangelt es vielleicht an Balance in den Exzessen, aber Coop-Phanes Betrachtungen sind von einer leisen Schönheit, die sich nicht darum bemüht sich aufzudrängen. Ein lesenswerter Roman, der zeigt, welche Wunden der Zeitgeist unserer Generation schlägt, auch wenn man nur kurz mit ihm auf dem Vulkan tanzt.

Oscar Coop-Phane: Bonjour Berlin. Roman. Aus dem Französischen von Christian Kolb. Metrolit Verlag Berlin 2013.

Kommentar verfassen