Rezension: Art & Queer Culture

„The first book to focus on criticism and theory regarding queer visual art“ verheißt der Sticker auf dem Einband von „Art & Queer Culture“ von Catherine Lord und Richard Meyer. Ein Versprechen, das man in kaum einem anderen Gebiet so ernst nehmen kann wie der queeren Kultur. Die Annahme, dass Queerness so etwas wie eine kulturelle Praxis und nicht nur eine sexuelle oder identitäre ist, setzt sich im wissenschaftlichen Diskurs mehr und mehr durch.  Einen großen Wurf auf pinkem Papier (die Ähnlichkeit mit dem bekannten schwulen Pin-Up-Zine „BUTT“ kann kein Zufall sein) verspricht man sich, wenn man das Buch in Händen hält. Mehr als 400 Seiten, aufgeteilt in drei Sektionen, gefüllt mit dem Versuch die letzten 125 Jahre queerer Kunst zu kartographieren.

Die erste Sektion besteht aus zwei Essays aus den Federn der Herausgeber. Richard Meyer nimmt uns mit auf den (mittlerweile ausgetretenen) Pfad der Entstehung der Homosexualität als Identitätskategorie, statt als Vergehen oder Sünde, über Pioniere der Sexualitätsforschung wie Hirschfeld bis hin zu der Zeit nach den Stonewall-Aufständen 1969 und die Jahre der sexuellen Freizügigkeit danach. Catherine Lord beschäftigt sich mit der Zeit ab 1980. Eine interessante Unterteilung, denn ab den 1980er Jahren wird AIDS ein Thema und eine neue (Selbst-)Definition queerer Identitäten tritt mit den 1990er Jahren ein, bis hin zu radikaleren Ansätzen gegenüber Geschlecht im 21. Jahrhundert.

In der zweiten Sektion findet sich der Bild- und Werkteil des Bandes. Ungefähr 250 Werke von verschiedenen Künstlern werden vorgestellt, dabei aber nie mehr als ein repräsentatives Werk pro Künstler. Eine der großen systematischen Leistungen des Bandes wirkt zunächst banal, ist aber beachtenswert: Es geht weniger um die Frage wie queer ein Künstler ist, sondern sein Werk. So schafft es beispielsweise die Fotografin Nan Goldin, die mit ihren Arbeiten zweifelsohne in den Kanon queerer Kunst gehört, in den Band, ohne selbst „queer“ zu sein.

Eine Grenzziehung zwischen Hoch- und Popkultur gibt es hier nicht, ungeachtet der historischen Existenz dieser Grenzen für bestimmte Zeiträume. Querverbindungen werden so möglich und ein breites Spektrum dessen, was queere Kunst sein kann, abgedeckt.

Im dritten Teil des Bandes (hier kommt endlich das pinke BUTT-Papier) findet man unter „Documents“ die verschiedensten Texte versammelt. Beginnend mit dem Protokoll einer  Verhörung von Oscar Wilde aus dem Jahr 1885 über Pressetexte, Manifestos und Rezensionen aus 125 Jahren Schreiben über queere Kunst, findet sich vor jedem Abschnitt, der eine Dekade umfasst, eine umreissende Einleitung.

Ist „Art and Queer Culture“ ein Standardwerk? Bis wir nichts Besseres in Händen und schwereres halten, wohl ja. Systematisch und analytisch setzt es Maßstäbe und versammelt queere Kunst und Künstler nebeneinander, die mit enzyklopädischer Einsicht kommentiert werden. Gleichzeitig sind die Essays und Kommentare, sowie der Materialteil, eine Fundgrube für Wissen und Quellen. Ein Band, der in die Haus-Bibliothek von allen gehört, die sich mit queerer Kunst beschäftigen.

Doch der Band ist mehr als das, nicht nur weil die Verpackung stimmt. Die verschiedenen Papiersorten, die kecke Referenz in Richtung Zine-Kultur durch das pinke Papier und das große Format machen den Band zu einem Buch, das man gerne vom Kaffeetisch herunter nimmt, um darin zu schmökern.

Catherine Lord and Richard Meyer: Art and Queer Culture, €69.95, ISBN: 9780714849355 | 0714849359, Phaidon Verlag London 2013

Das Original wurde am 02.09.2013 auf FIXPOETRY veröffentlicht.

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