Immunschwäche im kreativen Organismus

Irgendwie schwer einen Text zu Kreativen in Berlin zu eröffnen, ohne immer wieder eine dumme Phrase zu tippen und zu löschen. Das Klischee hat sich schon so festgesetzt, dass man es sich wie eingetrocknetes Wachs von der Tastatur kratzen muss.
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Jetzt kann‘s losgehen.
Berlin leidet an einer akuten Immunschwäche im kreativen Organismus. Es fehlt eindeutig an Bescheidenheit in dieser Stadt. Scheinbar muss vom Designer über die ganzen Fotografen bis zum Performance-Konzept-Künstler (mit Ausflügen in die Videokunst und einem Hang zur Malerei) jeder einzelne seine Unsicherheit mit einer dicken Schicht Arroganz überziehen. Auch wer geteert und gefedert gehört, ist mit einer Teflonschicht Selbstüberschätzung überzogen, die jede gesunde Kritik absuppen lässt.
Es gibt scheinbar zu viel Platz, zu viel kreativen Freiraum, der willig von allen genutzt und ausgenutzt wird, die denken, sie müssten ihren Output der Welt präsentieren.
Es findet sich immer jemand, der offen für eine Kollaboration ist oder sonst wie gewillt die Synergien verpuffen zu lassen. Man bestärkt einander im Irrglauben, etwas auf die Beine stellen zu können.
Das Problem dabei ist nicht der Mut, etwas zu tun, sondern der Unmut, einen Fehler anzuerkennen. Es ist quasi unmöglich in Berlin zu scheitern – weder im normativen noch im kreativen Sinne. Projekte und Stile werden einfach stur durchgezogen, weil sie zu funktionieren scheinen. Die Selbstbeweihräucherung stinkt zum Himmel, aber niemand riecht sie, weil das Geld, das man mit Nebenjobs verdient, dazu reicht sich die Nase so sehr mit Drogen zu verstopfen, dass man nichts mehr riechen muss.
Kreativität ist nicht mehr als Attitüde, befeuert von einem Umfeld, das alles beiläufig wertschätzt. Die Arroganz, gespeist aus der Angst es nicht zu schaffen, die man wegfeiern kann (immerhin so gibt es ein bisschen soziale Anerkennung), bewahrt davor einen Fehler anzuerkennen. Projekte glücken quasi immer. Ausstellungen bekommen immer Besucher. Während der Nabelschau süffelt man einander den billigen Sekt aus dem Bauch und bepinselt sich den gleichen mit dümmlichen Komplimenten.
So viel Kreativität auf so wenig Raum? Leider nein.
Das kreative Potential des Scheiterns wird verkannt. Uneingeschränkte Anerkennung ist der modus vivendi. Kritik oder Ablehnung ist nicht erwünscht.
„Kuck mal, was die auf die Beine gestellt haben!“ sagt man laut und meint doch „So ein Scheiß schon wieder.“ Berlin als gigantische Fettecke.

Was wie anarchische Freiheit aussieht, ist eigentlich ein neoliberales Korsett, das zur Selbstausbeutung ermutigt. Der Imperativ der Selbstverwirklichung gerät zur auf Dauer gestellten adoleszenten Suche nach der eigenen kreativen Identität. Der Kreativität fehlt die Kunst des Scheiterns, an der sie reifen könnte. Leider nehmen sich zu viele schon so ernst, dass man ihnen diesen Gefallen nicht mehr tun will. Etwas Bescheidenheit würde dem kreativen Miteinander gut tun, aber dazu gehört Mut, den nicht viele aufbringen wollen.

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