Wider den Eskapismus

Wenn jemand beschließt aus dem Leben zu scheiden, ist das ein trauriger Anlass. Wir sind selten mit dem Tod konfrontiert, er ist etwas, dass wir aus unserem Leben auszuschreiben versuchen.

Wenn dieser jemand ein Stammgast in einem großen Club in Berlin war, wenn dieser junge Mensch – wie so viele andere – regelmäßig Drogen nimmt, dann kommt man nicht umhin, die Frage zu stellen, welche Beziehung zwischen Konsum und Suizid, vermeintlicher Lebensfreude und Abschied aus dem Leben stehen.

Auf diesem Blog wurden oft Texte veröffentlicht, die den Versuch gewagt haben, den Eskapismus anzuprangern. Der Party-Szene den Spiegel vorzuhalten, wenn sie einen Ort besucht, der keine Spiegel hat, ist schwer. Die Texte haben versucht mit Eloquenz und Witz das Potential zu mobilisieren, das wir als Generation mit Pulver verschwenden. Eloquenz und Witz scheinen mir nicht mehr der richtige Weg. Es ist schwer, sich selbst einzugestehen, dass man in einem Kreislauf stecken könnte. Süchte mischen sich mit Gewohnheiten überlagern klare Gedanken. Das Symptom kann so leicht zur Ursache werden.

Ich bin ein Verfechter der Ästhetik von Clubs, von Techno, von House-Musik und der sie umgebenden Kultur. Sie sind ein Kulturgut, das politische und ästhetische Sprengkraft besitzt. Niemand hasst Goethe, nur weil auf die Veröffentlichung der Leiden des jungen Werther hin die Suizid-Rate stieg. Die Ästhetik des Eskapismus, der chemische Hedonismus, ist für manche vielleicht eine der wenigen Möglichkeiten sich im Kapitalismus selbst zu ermächtigen. Die auf Dauer ausgenutzte Freiheit hat ihren Preis. Die Dosis macht das Gift.

Die Effekte des Dauerkonsums auf die Stabilität unser aller Psyche sind dennoch nicht zu leugnen. Ketamin, MDMA, Speed, Kokain, Pillen, GHB: sie alle verändern uns auf Dauer, und sieben Tage zwischen den Lines sind keine Phase, die dem Körper und dem Geist erlauben sich zu erholen.
Der Mischkonsum in der Stadt auf einem Level angekommen, das einem Suizid auf Raten gleich kommt. Es liegt – ob eingestanden oder nicht – in manchen Kombinationen einfach der Reiz darin, die dünne Linie zum Tod zu sehen. Die Hemmschwellen scheinen immer mehr zu sinken.

Eine Party ist – egal wie high man ist – genauso real, wie der verkaterte Weg zur Arbeit oder zur Uni. Die morbide Ästhetik, die ein wichtiger Teil der Party-Szene ist, wird zur Politik, wenn wir die Regeln des Spiels ausreizen. Die Suche nach der Grenze muss ein Ende haben.

Jeder Todesfall ist ein Weckruf. Er ist ein Warnung, an alle, die sich nach und nach dem Verfall hingeben.

Das Spiel mit Drogen ist ein Spiel mit einem gefährlichen Welpen, der zum hungrigen Wolf wird, wenn man ihn zu sehr reizt. Wir sind alle für uns selbst verantwortlich, aber mehr noch für einander. Anstatt diejenigen anzugreifen, die den mutigen Schritt gehen, das, was sie fühlen, zu teilen, sollten wir uns alle Fragen: was geschieht mit uns und den Menschen um uns herum?

Es geht nicht um Schuld, Kausalität oder Rekonstruktion von Geschehnissen. Es geht um die Solidarität und Verantwortung, für einander und für uns selbst.

Depeche Mode – Peace (Ben Klock Remix) from 262London on Vimeo.

Bild: Susanne Fischer

(Teile des Textes wurden geändert, 04.08.2013)

Comment (1)

  1. Nicht viele wissen, dass der Werther des Goethes nicht über das Selbstmord ist, eher eine Tadel des Selbstmords

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