The Hidden Cameras: Vorschau auf eine düstere Zukunft

hidden cameras joel gibb

Ich könnte jetzt einen ganzen Post über Joel Gibbs Oberarme texten oder die Orgasmusfratzen beschreiben, die er mit seinem Gesicht macht, wenn er des Klangs wegen die Gesichtsmuskeln spielen lässt. Visuell hatte die Bühnenshow der Band, die eigentlich für krasse Auftritte bekannt ist, nicht viel mehr zu bieten. Es war gemütlich und familiär beim Sneak-Preview-Konzert von The Hidden Cameras in der Kantine am Berghain letzten Samstag.

Musikalisch hatte ich das Orchester mit den (manchmal) obszönen Texten schon länger nicht mehr auf dem Radar. Queere Inhalte hin oder her, der Folk-Pop taugte höchstens noch für nostalgische Sessions auf Youtube. Einen Mann über die Liebe und Sex zwischen Männern singen zu hören, kickt nicht mehr, wenn die Post-Pubertät überwunden ist und Identität sich gefestigt hat.

Das Konzert am Samstag war eine Lektion in Nostalgie, aber auch ein bisschen Prognose. Die Hidden Cameras (in schwarzen Röcken mit weißen Hemden, nur Joel Gibb durfte ein Tanktop tragen), spielten viel Bekanntes aus ihrem Repertoire. Doch der eigentliche Anlass für das Konzert, zumindest in der Ankündigung, war eine kleine Vorschau des im Herbst erscheinenden Albums „Age“.

Viel neues Material gab es nicht zu hören, aber es klang neu. Die Orchestralität, die bereits auf “Origin:Orphan” (2009) amplifiziert und verdüstert durchbrach, scheint auf dem neuen Album als aktualisierter 80er-Wave-Synthie-Pop durch. Kurz gesagt: es wird ernster. Das Verspielte in der Musik, dass die Live-Auftritte der immer wieder wechselnden Besetzung um Joel Gibb, weicht einer maskulineren Tiefe, getragen von Synthesizern und dem jetzt feierlicheren Bariton des Sängers. Auch wenn Joel Gibb schon lange in Berlin lebt, musikalisch zollt er der Stadt erst jetzt Tribut.

Das Schelmische in Musik und Performance weicht einem feierlichen Ernst, der statt Höhensprünge zu machen zu tiefer Inbrunst greift. Ganz neu ist dieser Ansatz für die Hidden Cameras nicht. Der Song „Gay Goth Scene“, der nie aufgenommen, aber seit zehn Jahren live gespielt wird, hat es jetzt endlich auf Vinyl geschafft. Er scheint gibt die alte und gleichzeitig neue Ästhetik der Band vor. Das Video dazu hat der Berliner Regisseur Kai Stänicke gedreht. Die Mischung aus Musikvideo und Kurzfilm war bereits auf queeren Filmfestivals zu sehen.

War’s das also mit dem Indie-Geträller? Updatet die Band ihren Sound? Ein gewagter Sprung, wenn man an die lustig tanzenden Indie-Mädchen aus dem Publikum von Samstag denkt. Solange die Musik sich selbst nicht zu ernst nimmt, kann er aber funktionieren. Es wäre Schade, wenn die Verve, die die Musik der Band ausmacht, verloren ginge.

Ob die Hidden Cameras nicht nur Folk, sondern auch elektronische Beats können, werden wir im Herbst hören. Dass das epische in der Popmusik auf dem Vormarsch ist, kann man jetzt endgültig nicht mehr verneinen.

The Hidden Cameras: “Age” (Arts & Crafts) erscheint im Herbst.

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