Poesie für die Nase: soap for dirty people

Handgemachte Seife klingt zunächst einmal nach einem Stand auf einem Wochenmarkt, klingt nach Bioladen. Für den Künstler Alexander Pohnert ist sie ein Medium.

Schon als Teenager war er fasziniert von der Verseifung und der Tatsache, dass eine aus Fett entstandene Substanz Fette löst, deren Moleküle gleichzeitig hydrophob und hydrophil sind. Schon 2800 v.C. wurde in Babylon Seife gekocht, 2200 v.C.   wurden Rezepturen für die Herstellung von Seife dort dann auch niedergeschrieben. “Das Reine und Unreine sind seit jeher Grundkategorien, die elementarer für Kultur nicht sein könnten. Als konstruierte Vorstellungen, die vor Allem durch die Kirche instrumentalisiert und mit Wertigkeit aufgeladen werden, nehmen sie absurde und gefährliche Ausmaße an. Alle Lebensbereiche sind bis heute von ihnen durchtränkt und sie sind eng an Wahrnehmung und dabei besonders den Geruch gekoppelt, jenem der fünf Sinne, der am wenigsten Beachtung erfährt,” so Alexander. Die Geruchskompositionen, die Alexander in Seife gießt, spielen in unserer Nase auf einer ganz besonders sensiblen Klaviatur. Oft sind es Gerüche, die Erinnerungen konservieren. Genau damit flirten die kleinen Tensidbrocken.

he left me flowers. blue ones

he left me flowers. blue ones.

„Manchmal merke ich: es ist Zeit für eine Seife“, sagt Alexander. Jede der Seifen ist das Produkt eines emotionalen Prozesses. So wie die Herstellung der Seife ein langer Weg ist, so sind es die Konzepte, die hinter den handgemachten Seifen stehen.  Namen wie decay is growth oder hallucinate me sind nicht nur Wasch- oder Riechanleitungen, sondern verweisen auch auf das, was die Seife hervorgebracht hat: Er abstrahiert seine eigenen Erlebnisse, übersetzt sie in Gerüche, verseift sie und stellt so ein Artefakt her, dass über sich hinaus verweist. In der von Julie Tolentino kuratierten Gruppenausstellung Feral Studios der Highway 62 Art Tours in Kalifornien zeigte er 2011 die Arbeit irrelevant things: die zwei Seifen hold me. tight. und let go samt der zu ihnen gehörenden Geschichte in Form fiktiver, papierner Überreste einer Beziehung und Fotografien in weißen Briefumschlägen. Den Betrachter auf anderen Ebenen anzusprechen, ihn zum Riechen zu bewegen, das ist tatsächlich etwas, das in der Kunst oft vernachlässigt wird.

Wer eine Seife von Alexander geschenkt bekommt, der wird ausdrücklich darauf verwiesen, sie auch zu benutzen. Es sind Gebrauchsgegenstände. Sie entfalten nicht nur ihren Geruch und ihre Waschkraft erst, wenn wir sie nass machen und uns damit waschen, sondern auch ihre Ästhetik. Sie fragen nach der Vergänglichkeit von Emotionen, und weisen uns auf das Verschwinden und die Löslichkeit unserer Identität hin. Indem wir sie benutzen, nutzen wir sie auch ab.

 

hold me. tight.

hold me. tight.

with you i disappear

with you I disappear

sparagmos :: mess with me

sparagmos :: mess with me

hallucinate me

hallucinate me

Übrigens: Auch wenn man die Seifen leider nicht kaufen kann, ist Alexander so nett eine Seife herzugeben. Wer sich also mit Kunst den Dreck von den Fingern schrubbeln will: Das Los entscheidet unter allen Kommentaren und Likes auf Facebook. Eine Hand wäscht die andere.

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