Molly Nilsson: In der Spirale durch die Großstadt reisen

molly nilsson berghain

Man hört von Hipster-Girls, die versuchen Molly Nilsson zu kopieren. Sorry Babes, aber Authentizität kann man nicht nachbauen.

Seit Jahren (und mittlerweile fünf Alben) ist die Schwedin die Ikone des sonst eher Techno-affinen Berliner Undergrounds. Ihre Auftritte sind technisch so simpel und direkt wie ihre Attitüde. Ein kleiner CD-Player, Musik, die aus dem Background kommt und eine Performerin mit blondem Bob, unendlich stoischem Gesicht und gelegentlichen Tanzeinlangen, die so unendlich cool sind, weil sie es schaffen Steifheit in Sexappeal zu übersetzen. Die Musik selbst ist pure angstfreie Dystopie, Loops voller Melancholie und eine Stimme, die nicht jeden Ton, dafür aber emotional aber immer ins schwarze Trifft. Den CD-Player hatte sie im Berghain auch dabei, aber die Function One gab ihrer Musik eine Breite, die sie wahrscheinlich vorher selbst noch nie gehört hatte.

Mit zynischer Verve kündigt sie jeden Song vor einem Publik an, dass sich gegen Grillen und für das Berghain entschieden hat. Gute Wahl: hier war es „cool as a cucumber“, wie Molly auf Facebook ankündigte um die Fans zu locken.

Ihre Lyrics zeichnen ein Bild vom Leben in der Großstadt, in dem man sich wieder erkennt und gleichzeitig hinein wünscht. Ältere Songs wie „Won‘t somebody take me out tonight“ bringen mit Textstellen wie „the city is a cold and lonely place, I just wanna look into a non-familiar face“ mit intelligenten Finten zum Schmunzeln.
Die neuen Songs, die Molly Nilsson gestern spielte, halten mit, auch wenn, bis auf wenige Tracks, die Melancholie auf „The Traveler“ die Grundstimmung bestimmt. Zeilen wie „an open mind is always in style“ brachten das Publikum zurecht zum mitgröhlen. Zu einer Zugabe fühlte sie sich verpflichtet, das Publikum hätte wahrscheinlich noch die ganze Nacht weiter zu ihrer Musik getanzt. Als sie erzählt, dass sie früher selbst im Berghain gearbeitet hat, wird das technoide in ihrer Musik plötzlich stärker bewusst.
Es muss ziemlich cool sein, wenn man in deinem Club auftritt, in dem man mal gearbeitet hat. Molly Nilsson hat den Weg vom Publikum hoch auf die Bühne geschafft.

Es wäre ziemlich schade, Wörter wie „Zeitgeist“ oder „Stimme einer Generation“ und „Berlin“ in einen Satz zu packen. Die Schwedin mit dem seit Jahren platinblonden Bob ist mehr als das: eine Künstlerin, die es schafft, ihre Erlebnisse in selbstproduzierte Musik und Texte umzusetzen, die abstrakt und konkret zugleich, ästhetisch befriedigen (ohne dabei glatt klingen zu müssen). Sie lebt im hier und jetzt, ist umgeben von Menschen und seit Jahren Berlinerin. Würde das nicht abfärben, wäre sie nicht die perfekte Nominierung für die schwule Underground-Ikone einer Stadt, die immer mehr zum Gütesiegel für Ästhetik fernab des Mainstreams wird, aber hin und wieder (immer öfter) Gefahr läuft, langweilig zu sein.

Vielleicht gelingt Molly Nilsson es jetzt vom Geheimtipp zum Tipp zu avancieren. Die Ästhetik ihrer Videos bleibt allerdings weiter trashy, wie Homevideos einer Bohéme, zu der sich viele zählen, aber nur wenige wirklich gehören.

The Traveler erscheint am 21.06. auf Dark Skies Association.

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