Generation Club: Interview #6

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Erzähl von Deiner ersten Cluberfahrung.

Zu meinem 18. Geburtstag bin ich ganz artig zum ersten Mal in einem schrecklichen Dorfclub gewesen. Danach habe ich fast drei Jahre gebraucht, um Clubs zu mögen. Berlin hat die Gewöhnung erleichtert.

Warum gehst du Feiern?

Fürs Hochgefühl. Ich gehe nur weg, wenn ich weiß, dass es ein perfekter Abend wird. An diesen Abenden kann ich meine Grenzen überschreiten, ich traue mich alles, ich kann sein, was auch immer ich mir vorstelle. Es setzt unglaubliche Kräfte in mir frei, wenn ich sehen kann, dass die Freunde, die mit mir unterwegs sind, genau dasselbe empfinden.

Welchen Club besuchst Du regelmäßig? Fühlst Du dich als Stammgast dort?

Ich war oft im Schwuz und im Berghain, aber auch im Multilayerladen am Kottbusser Tor, den ich wie einen Club benutzt habe – um neue Musik kennenzulernen, zu tanzen, Menschen anzuschauen, mit nach Hause zu nehmen. Ich wurde aber wohl nur in letzterem als Stammgast gesehen. Das Stammgast-Sein widerspricht meinen Vorstellungen des Weggehens. Ich will nur kurz aufleuchten. Das Gefühl, andere könnten Erwartungen von Kontinuität an meine Club-Persönlichkeit stellen, zieht mich richtig runter. Ich bin dann erstmal mehr in andere Clubs gegangen.

Ist Ausgehen für Dich eine Parallelwelt? Wie Unterscheidet sie sich von Deinen anderen Lebensrealitäten?

Meine grandiosesten Erinnerungen stammen vom Feiern. Deshalb war es früher so wichtig für mich. Seit zwei Jahren konnte ich nach einem schweren Überfall allerdings nicht mehr ausgehen. Mir fehlt das Feiern sehr, das totale Aufgehen in Zeit, Licht, Musik und anderen Menschen. Feiern war die flexibelste meiner Lebensrealitäten. Ein kurzes Schlaglicht, während ich sonst im Alltag recht festen Pfaden folge. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ob ich wieder unbeschwert weggehen kann. Ich will diese Erweiterung meiner Welt auf keinen Fall aufgeben, obwohl alleine diese schlimme Erfahrung das Feiern auf brutale Art von meinem Alltag abgetrennt hat. Da ist mein Körper allerdings schon weiter als mein Verstand: In mir knurrt ein physisches Überhungergefühl nach einem dunklen Club mit harter, dreckiger Musik.

Stört es Dich, dass Drogen illegal sind?

Staatliche Gesundheitsregulation stört mich immer. Es betrifft mich nicht persönlich, aber mit Blick auf meine Freunde, die verantwortungsvoll konsumieren, fände ich eine Legalisierung gut.

Ist Feiern für Dich purer Hedonismus?

Manchmal denke ich, ich würde Hedonismus mit der Befriedigung meines Narzissmus und Perfektionismus verwechseln und es müsste da noch eine unegozentrische Form des reinen Lustgewinns geben. Es ist für mich durchaus eine Herausforderung anzuerkennen, dass es mal nur um mich, mich, mich gehen darf. Ich will das aber gerne lernen, nicht immer so pathologisch zu denken. Denn das Konzept des Hedonismus sagt mir sehr zu und Feiern gehört für mich eindeutig dazu.

Hast Du das Gefühl, etwas vom Feiern in Deinen Alltag mitzunehmen?

Das angenehme Gefühl des totalen Ausgepowert-Seins, ein erweitertes Wissen darüber, was ich alles kann & mehrere Sätze Augenringe. Außerdem die Verbindung zu den Freunden, die mit mir feiern waren, wenn ich sie im Alltag wiedersehe: Das ist ein bisschen so, als wären wir nachts von zu Hause abgehauen und hätten ein Abenteuer erlebt, das wir nun als Geheimnis hüten. Wir können später vielleicht davon erzählen, aber die ganze Wahrheit befindet sich nur zwischen uns.

Haben Feiern (und die Drogen) Dich verändert?

Indirekt. Dem Morgen, an dem ich überfallen wurde, ging eine der allerbesten Nächte voraus. Der hellste Stern: Ich trug ein riesiges kupferfarbenes Pony auf dem Kopf, habe mich heiser getanzt, Deutsch, Englisch, Spanisch, Japanisch gesprochen, bin auf einen 100 Meter hohen Turm geklettert. Ich wurde geliebt. Auf dem Nachhauseweg traf mich dann ein winziger Stich: Diesmal habe ich es übertrieben. Weil ich diesen Gedanken nur wenige Sekunden vor der Tat hatte, habe ich eine Weile gedacht, er wäre schicksalhaft und darum wahr. Dass ich bestraft worden sei für meine Hybris. Dass es falsch war, einen Vollbart aus Goldglitter zu tragen oder lange Listen mit One Night Stands anzulegen. Diesen Bruch mit meinem Weltbild musste ich lange kitten. Es war mühevoll, hat mich aber lebensfroher gemacht. Ich habe immer noch große Angst, für ein Wochenende nach Berlin zurückzufahren und feiern zu gehen, aber ich glaube fest, dass mir niemand mehr die Stärke des Überlebens wegnehmen kann. Außerdem finde ich den Gedanken eines therapeutischen Weggehens irgendwie amüsant.

Wie wichtig ist das Tanzen für Dich?  Warum tanzt Du?

Ich versuche, dem Nicht-Denken näherzukommen. Ich brauche diesen kontrollierten Kontrollverlust, vor allem, um meine Muskeln ganz anders zu bewegen und zu entspannen.

Wie siehst du den Zustand unserer Generation?

Wenn ich mein Umfeld betrachte, sehe ich jede Menge engagierte Menschen. Sie haben ein ausgefeiltes Koordinatensystem für Gerechtigkeit, gehen oft zu Demos, leben vegetarisch und vegan, begleiten Überlebende von Gewalt zu ihren Prozessen, haben einen Komposthaufen oder Bienen, sprechen mindestens drei Sprachen und prügeln sich für Schwächere, wenn es sein muss. Vor allem sind sie nicht zu eitel, etwas an ihrem Leben zu ändern. Sie wissen, dass sie vor allem kleine Dinge besser machen können und nicht die große Masse umkrempeln werden. Ich finde es schön, dass es so viele interessierte, interessante, neugierige Menschen gibt. Woher die Behauptung kommt, wir wären so desinteressiert, kann ich nicht verstehen.

C, 24

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Generation Club: M, 24

Generation Club: M, 28

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Generation Club: B, 23

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Generation Club: T, 19

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