Aktivismus statt Eskapismus: Passt auf mit dem Keta!

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Ketamin als populäre Partydroge hatin Berlin noch keine lange Karriere und damit eine vergleichsweise begrenzte Nutzererfahrung. MDMA und Pillen, der Treibstoff der frühen Raves, machten sich nach dem Höhenflug schnell durch einen Comedown bemerkbar. Man war gewarnt.
Ketamin ist subtiler.
„Ich komm davon Montags so easy wieder runter“, sagt man sich vielleicht. „Naja, ein bisschen dumm bin ich danach schon“, gibt man lakonisch zu. Die Rechnung, die man sich selbst durch Ketamin stellt, ist aber schwerer abzuzahlen.
Eine fette Line führt ins K-Hole, das kennt man. (Obwohl kaum jemand weiß, dass die Metapher von Alice in Wonderland stammt… Folg dem Hasen ins Loch). Apathisch rumsitzen, Nahtoderfahrung mitten im Berghain, schnell ein bisschen Speed oder Club Mate um das High zu brechen. Schon ist man wieder fluffig und tanzb(e)reit. Nicht saufen, besser keine anderen Downer, vor allem kein GHB. Die Armee der 16-jährigen Gothic Girls, die seit neuestem das Berghain bevölkern, interessiert das, wie man munkelt, eher nicht. „MDMA ist eine Pussydroge!“ krakelen sie und befeuchten ihren Keta-Trip mit bitter-orangeatigen G-Tropfen.

Man muss kein Psychonaut sein um die Vorzüge von Ketamin zu schätzen. Es verändert die Verbindungen im Hirn, Synapsen tanzen in andere Richtungen, Gedanken nehmen ungekannte Abzweigungen. Das Ich löst sich auf, wird zum Wir, wird zum Universum. Es fühlt sich an, als würde man Teile seines Hirns nutzen, die davor ungenutzt brach lagen. Als wäre die Seele befreit und würde sich hinaus bewegen in die Welt der Energie. Musik wird zur synästhetischen, außerkörperlichen Soundscape der puren Emotionen. Kitschige Worte für kitschige Keta-Trips.

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Es scheint der Grundstimmung in manchen Millieus der Stadt zu entsprechen. K-onnaisseure schnupfen Zeitgeist in kristalliner Form. Das atomisierte Individuum, das sich befreit und ins Wir wegsegelt. Hedonistische Selbstermächtigung durch Narkose in homöopathischen Dosen. Zerpuzzelte Identitäten, die sich abschießen, weil die Identität nur ein Gebilde ist, dass durch Ketamin von außen betrachtet werden kann und in seiner Konstruiertheit erkennbar wird. Die ganze Lächerlichkeit von Diskursen, Normen und Setzungen: durch Ketamin glauben wir sie durchschauen zu können. Wir flüchten aus der Realität, finden Trost, auch nach dem Rausch, denn als Antidepressivum wirkt es länger. Melancholie und Entschleunigung.

Dabei geht aber der Antrieb verloren. Jede Line Keta ist eine Line Selbstmitleid. Eskapismus statt Aktivismus.

Das Problem bei Ketamin liegt im Dauerkonsum, auch wenn es nur ein paar Lines am Wochenende sind. Steigt die Toleranz, steigt der Konsum automatisch. Auch wenn man nie überdosiert, oder selten, man führt dem Körper ständig mehr und mehr Ketamin zu.
Kein Come Down, dafür dann so ein gutes Gefühl unter der Woche.

Aber: Schon länger keinen Sex gehabt, aber zwischendurch immer mal wieder Keta? In letzter Zeit immer mal wieder gedankenverloren in der Bahn gesessen ohne aber eigentlich nachzudenken, aber letztens wieder so lustig mit dem guten Keta verkleistert gewesen? Wenig Kontakt zu Freunden, die man länger nicht gesehen hat? Kein Bock auf soziale Aktivitäten, aber mit den Keta-Buddies beim Dealer ein paar Lines getestet, bevor man zuschlägt?

Ketamin im Dauerkonsum macht dumpf, dumm, taub. Ketamin im Dauerkonsum verkleistert die Gefühle und schickt Dich ganz tief in ein Loch, das von oben immer weiter zugeschüttet wird. Dir geht‘s bestimmt gut mit dem Keta, aber wie lange war die letzte Pause zwischen der letzten Line und der nächsten?
Du kannst auch ohne Keta? Versuch es mal für einen Monat. Und plötzlich ist die Welt wieder bunt, Du fickst wieder und hast Gefühle.

Du musst mir nicht glauben, aber versuchen solltest Du es.

Aktivismus statt Eskapismus!

(Zeichnung: Apostol Kardamov)

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