Virtuelle Realität frisst Restrealität

open air görli

Wie praktisch: Sonntags kurz auf Facebook in den Newsfeed surfen und anstatt den ganzen Tag das blaue Layout anzuschauen, entschließt man sich den blauen Himmel zu genießen. Hier ein Open Air in einem Park, da irgendwas mit verschwurbelten Zahlen (oh, das müssen die Google Maps Koordinaten sein). Alle Informationen, für alle zugänglich.

Schleppt man sich dann auf einer Welle aus Vitamin D, die die Sonne durch den Körper jagt, in den Park, sieht man sie: die Masse.

Was in Büchern über die 90er-Jahre Ravekultur immer so schön klingt, alle geeint durch die Musik, geht leider nicht mehr so richtig auf. Eklektizistische Musikeskapaden lassen sich auch nicht mit dem kompletten Arsenal an Gras, das im Görli gebunkert wird, schön rauchen. Reggae, Dub-Step, Techhouse: jeder Track in eine andere Richtung. Die vielbeschworene Berliner Open Air-Kultur, sie wird beliebiger.

Zum Auftakt der Open Air-Saison kommt ein bisschen Wehmut auf. Erinnerungen an das Party-Facebook kommen hoch: die Restrealität. Druffibiotop, das nur betreten darf, wer einen Bürgen hat. Web 1.0-Forum mit Weggehtipps, verlosten Gästelistenplätzen und sobald die ersten Sonnenstrahlen da waren: Open-Airs. Mundpropaganda und User bevölkerten die angekündigten Miniraves, die Polizei bekam kaum etwas davon mit und alle tanzten glückseelig zu, wenn schon nicht immer guten, aber immerhin stimmigen Sets in der Sonne. Jetzt ist jeder ein DJ und die Polizei weiß von allem sobald es gepostet wurde.

Warum also immer alles bei Facebook breittreten? Es tanzt sich mit wenigen Leuten zu guter Musik immer noch besser als mit vielen Leuten zu schlechter Musik.  Aber die virtuelle Realität hat die Restrealität ersetzt.

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