SHIFT: Dorothée Recker, Gib mir deine Wand

Wenn man auf eine Veranstaltung, Ausstellung, Party, … bei SHIFT besucht, weiss man selten, was einen erwartet. Der Raum hat sich in der kurzen Zeit, in der er bisher von verschiedenen Künstlern, Medien und Statisten bespielt wurde, als sehr wandlungsfähig gezeigt. Dorothée Reckers Arbeiten reizen, in der kurzen Zeit in der sie gezeigt werden, das ganze räumliche Potenzial von SHIFT aus.

Die in Norwegen geborene deutsch-französische Künstlerin beschäftigt sich vor allem mit Video und Malerei, beide Medien kollabieren in einer ganz eigenen Ästhetik bei ihr ineinander. Farbverläufe und Tranzsparenzen gegen Klarheit und Abgeschlossenheit gegen Naivität und Selbstvergessenheit.

Filmstill: Tide, 2013

Filmstill: Tide, 2013

Sie sagt, sie sei fasziniert von sozialen Medien wie Facebook oder tumblr. Die schnelle Art in der wir heute Bilder auf die Netzhaut projiziert bekommen, das öffentliche Konstruieren und Zurschaustellen unserer Egos, findet sich hier und da in ihrer Arbeit wieder. Man könnte der Künstlerin vorwerfen, steril zu sein. Das poppige seiner Naivität zu berauben und es durch Malerei zu kastrieren. Doch gerade die Straffheit ihrer Bilder, das zuweilen Glatte konterkariert durch den dauerpräsenten Übergang in den Farbverläufen ist das subversive an Reckers Blick auf Popkultur. Der Verführungskraft beraubt, bleibt nur noch das Klischee – das Zeichen ist frei, aber nicht offensichtlich radikal. Impotente Piktogramme, die bei genauerem hinsehen so impotent nicht sind. Auch sie flirten mit dem Betrachter, wobei Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein die Popkultur gemeinsam in die Kunst hiefen.

Ich frage sie in einem Vorgespräch inwieweit ihre Kunst eine Gegenwelt zur Medienwelt bietet. Diese Brechungen sei ihr wichtig, doch sie instrumentalisiert sie um ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Viel ihrer Arbeit sei autobiografisch inspiriert, doch auf die Abstraktion komme esan um die Geschichten für sie selbst und damit auch für andere interessant zu machen. Der Dialog mit anderen Menschen, vor allem denen unserer Generation. Einer Generation, der Produkt sie sei, wie sagt sagt, und die sie als immer wieder sehr zerbrechlich erlebt. Wie sie mit dieser Zebrechlichkeit umgeht, zeigt ihre Videoarbeit „Catching you“ (zu sehen bei SHIFT).

Manche der Titel von Reckers Arbeiten kokettieren mit einem Hang zum platten Wortspiel (“Plattengrau” oder “Camouplage”, das Titelbild des Posts). Diese Plattheit und die Geradlinigkeit ihrer Arbeit, mögen uns als Betrachter vielleicht stören. Doch sie werfen Fragen auf, gerade dann, wenn sie uns ästhetisch vielleicht nicht befriedigen. Sie schaffen eine neue Ebene und hinterlassen gleichzeitig eine Lücke in uns. Sie zeigen uns: nur weil wir etwas auf tumblr in einer Sekunde konsumieren, es in einem Ausstellungskontext aber länger betrachten, ist es dennoch das gleiche Bild. Reckers Kompositionen entlarven unsere Sehgewohnheiten.

Vive la mariée, 2013

Vive la mariée, 2013

Ihr stärkste Arbeit ist vielleicht „Prinzessin auf der Erbse“, ein Video, dass sie zum ersten Mal im Weserland in Neukölln im letzten Jahr zeigte. Ein rhythmisiertes Musikvideo, dessen Soundtrack die Wehmut über das Schwinden der Adoleszenz atmet.

Vielleicht liegt darin ein guter Zugang zu Reckers Arbeiten: die Wehmut über das eigene Wissen, die die Naivität nur noch als einen von vielen anderen Zugängen zur Realität zulässt. Eine verlorene Unschuld, die sich dagegen sträubt, zynisch zu werden.

Mit größeren und kleineren Formaten in Malerei und drei Videoinstallationen ist der Querschnitt durch Reckers Arbeit bei SHIFT ein interessanter Ritt durch die Ästhetik einer Künstlerin, die sowohl von Berlin als auch Paris, Popkultur und Autobiographie geprägt ist und eine Bildsprache gefunden hat, die zunächst verschlossen, aber letztlich so offen ist, wie wir es sein müssen, um uns auf den Dialog mit ihr einzulassen. Ein Dialog, der sich lohnt.

Dorothée Recker: Gib mir deine Wand @SHIFT
Finissage ab 20.00 Uhr heute Abend.

Links:
vimeo
Website

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