Triangular Stories: Pille oder Hakenkreuz

Henrike Naumann hat mit ihrer VHS-Videoinstallation Triangular Stories eine ganz eigene, doppelte Perspektive auf Adoleszenz im Jahr 1992 angesetzt. Während die einen zwischen Plattenbauten in den Rechtsextremismus rutschen, schlucken die anderen auf Ibiza ihre erste Pille. Begehbar ist Triangular Stories ab Mittwoch (27.03.) nach Station in Dresden wieder im SHIFT. wolf auf tausend plateaus sprach im Vorfeld mit Henrike über die NSU, Hedonismus und über die Möglichkeiten Clubbing zu politisieren.
Du bist in Zwickau geboren, deine Heimat verbindet dich mit der NSU. Wie persönlich ist dein Projekt?Die Arbeit ist äußerst persönlich. Als der NSU im November 2011 aufgeflogen ist, war ich gerade in Zwickau bei meiner Oma. Diese wohnt nur wenige hundert Meter Luftlinie von der konspirativen Wohnung in der Frühlingsstraße entfernt. Das heißt sie ist ihnen vermutlich regelmäßig begegnet. Auch ich könnte ihn während meiner Schulzeit des Öfteren begegnet sein. Die Tatsache, dass sie von meiner alten Heimatstadt aus mehrere rassistische Morde begangen haben, hat mich nicht losgelassen.

 

Was hat der NSU-Prozess mit deinem Heimatbegriff angestellt?Das Gefühl einer Art gespaltenen Beziehung zu seiner Heimat kennt bestimmt jeder, der sie mit 18 hinter sich gelassen hat. Aber seit dem Bekanntwerden des NSU bin ich über 6 Monate nicht mehr nach Zwickau hingefahren (…). Alles war plötzlich konterminiert. Und ich habe plötzlich gesehen, was ich all die Jahre verdrängt hatte: dass der Rechtsextremismus nicht über die Jahre verschwunden ist, sondern präsenter ist denn je – nur nicht mehr auf den ersten Blick. Wenn man die Zeichen deutet, die Tattoos und Heckaufkleber, dann wird eine Reise durch die sächsische Provinz mitunter sehr unangenehm.

Die Installation besteht aus zwei Teilen: Amnesia und Terror. Was ist die Schnittmenge der beiden Perspektiven? Und wo gehen sie auseinander?

In gewisser Weise sind beides Jugendkulturen, so absurd das erst mal klingt. Anfang der 90er waren die ostdeutschen Klassenzimmer vielerorts voller Bomberjacken, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Mir war es wichtig, die Reize beider Extreme zu zeigen – von Feierkultur wie auch Rechtsextremismus. Denn es hat viel damit zu tun, was für Startbedingungen man im Leben hat. Und wenn man einmal seinen Platz gefunden hat, dann erscheint das andere sehr weit weg. Doch gerade als Teenager sind so viele Faktoren entscheidend – das Elternhaus, Freunde, Musik, Drogen. Irgendwo dazwischen findet man seinen Weg. Darüber zeige ich in beiden Videos Gewalt, bei Terror gegen das Umfeld, bei Amnesia gegen die eigene Wahrnehmung. Ich finde sie mittlerweile sehr ähnlich. Wo sie auseinander gehen, muss jeder Zuschauer / jede Zuschauerin für sich selbst entscheiden, ebenso die eigene Position.

Deine Statisten hast du in der Berliner Partyszene, im Bekannten- und Freundeskreis gecastet. Ging es dir dabei um authentisches Clubpublikum?Absolut. Ich habe einfach zu viele schlecht Partyszenen in Filmen gesehen. Ich wusste, wenn das Amnesia nicht glaubhaft dargestellt wird, ist der ganze Film unglaubwürdig. Und da wir auch nicht auf Ibiza drehen konnten, sondern im RAUM in Neukölln gedreht haben, war die Transformation des Raumes so wichtig wie das glaubhaft Feiern der Gäste. Jeder der 50 Statisten hatte 2 verschiedene Kostüme, eine Anprobe vorher und der Dreh ging Freitagmorgen um 9 los. Das fordert von den Feiernden eine große Disziplin, und Begeisterung. Dass das dann tatsächlich geklappt hat, liegt an der großen Unterstützung meiner Freunde. Dass die Szenen wirklich nach Party aussehen, liegt an der Fähigkeit der Berliner, zu jeder Tageszeit zu feiern. Es wurde dann beim Dreh tatsächlich eine Party, und als wir alles im Kasten hatten kamen Beschwerden, weil die Musik ausgemacht wurde. Es war für mich der schönste Dreh ever. Daraufhin kam die Idee, 1992er-Parties zu
veranstalten. Zur Finissage im Shift am 29.03. wird es auch eine geben…

Zum einen zeigst Du Geschichte, auf der anderen Seite hat deine Arbeit auch etwas Aktuelles. Welche Rolle spielen die 90er Jahre deiner Meinung nach für uns, jetzt 2013?

In der Popkultur sind die 90er gerade sehr wichtig. Alle 20 Jahre scheinen Trends wiederzukommen, in den 80ern waren erst die 50er und dann die 60er hip, in den 90ern kamen die 70er wieder mit Plateau und Schlaghosen, in den 2000ern die 80er und jetzt die 90er. Das ist ein Thema das mich sehr interessiert, weil ich mich auch sehr mit Mode und Trends beschäftige. Es hängt bestimmt damit zusammen, dass 20 Jahre später die damaligen Kinder erwachsen sind, und sentimental zurückblicken auf die Welt, die sie als Kinder umgeben hat – modisch und musikalisch. Den sogenannten Hipstern wird vorgeworfen, dass sie zu viel zurückblicken, und nicht nach vorn blicken. Doch gerade durch den Blick zurück können wir etwas aus unserer Vergangenheit lernen. Ich habe ins Jahr 1992 geblickt, das Jahr mit den meisten rechtsextremen Übergriffen in der Bundesrepublik, um zu verstehen, woher Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kommen, und warum es heute Rechtsterrorismus in Deutschland gibt.

Das Dreieck ist seit einiger Zeit wieder ein beliebtes Symbol. Der überstrapazierte Begriff „Hipster“ wird damit gleichgesetzt. Was drückt das Dreieck für dich aus?

Das Dreieck ist eine stabile Verbindung. Wenn Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe einander nicht diesen Halt der Freundschaft gegeben hätten – wer weiß ob sie 10 Jahre im Untergrund hätten leben und morden können. Diese Freundschaft hat mich fasziniert. Dem gegenübergestellt wirkt die Verbindung der drei Feiernden auf Ibiza weniger stark, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Die Spiegelpyramide im Amnesia wird für mich zum Symbol für Hedonismus, für das Streben nach Selbstverwirklichung. Dass die Protagonistin diese am Ende zerstört, zeigt ihr Zweifeln an einem angepassten kapitalistischen Leben.

Ist Clubkultur per se unpolitisch, ist Feiern stets hedonistisch?

In gewisser Weise ist man, wie auf Ibiza, beim Feiern auf einer Art Insel, weit weg von allem anderen, nur mit sich selbst beschäftigt. So kann man sehr gut leben, ohne Anteil zu nehmen an dem was in der Welt passiert. Ich kann das sehr gut verstehen, ich sehne mich selbst oft danach, zumal wir alle so gut informiert sind über all das was schief geht in der Welt, dass es schwer ist einen Grund zu finden, selbst aktiv zu werden. Auch habe ich das Gefühl, dass Feiern für viele das ist, was früher die Zugehörigkeit zu einer politischen Bewegung war – sei es die Friedensbewegung Ende der 60er oder die Oppositionsbewegung der ehemaligen DDR. Auch dort war die Bewegung eng mit Musik verknüpft, mit Style. Auch die rechte Szene ist so gestrickt. Man könnte also sagen, dass wir uns in einer gefühlten politischen Bewegung befinden – diese sich aber aus Politikverdrussenheit sich selbst zum Inhalt gemacht hat. Für mich zweifelslos ein Resultat des Aufwachsen im Kapitalismus. Denn eine solche Jugendkultur tut keinem weh, ist in gewisser Weise harmlos. Die Konsequenzen eines solchen Lebens werden uns vermutlich ist in ein paar Jahren deutlich.

Du zeigst deine Arbeit ab dem 27. März im Aktionsforum SHIFT, das zum Tresor gehört. War es dir wichtig, die Diskussion auch in den clubnahen Bereich zu tragen?

Ich habe die Arbeit nun schon auf mehreren Festivals und im Ausstellungskontext gezeigt. Die Arbeit im Shift zu zeigen macht mich sehr glücklich, und ist mir sehr wichtig. Denn die Feierszene Berlins liegt mir sehr am Herzen, und gleichzeitig möchte ich besonders die Clubleute ansprechen. Um es mit Snap! zu sagen “I’ve got the power” – wir haben die Power, wir haben die Möglichkeit, nicht nur uns selbst sondern auch die Gesellschaft zu verändern. Amen.

Triangular Stories ist vom 27.03. bis zum 29.03. bei SHIFT zu sehen. Die Finissage wird eine 90er-Warehouseparty!

27. März 2013, Vernissage, geöffnet 19 Uhr bis open end
28. März 2013, geöffnet von 13 Uhr bis 24 Uhr
29. März 2013, geöffnet von 13 Uhr bis 20 Uhr
Links:
Ausstellung
Afterparty: THE EFFECTS CAN LAST FOREVER
Triangular Stories

Bio: Henrike Naumann, geboren 1984 in Zwickau in der damaligen DDR, studierte zunächst Bühnenbild und Dresden und später Film in Berlin. Ihre Arbeit ist geprägt von der konzeptionellen und ästhetischen Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen. Ihr experimentelles Medienverständnis kommt in ihrer Diplomarbeit Triangular Stories stark zum Ausdruck.
Bilder: Filmstills aus Amnesia/Terror.
Vielen Dank für das Interview Heque!

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