Taking photos not allowed: Erosion an der Legende

Als mein Newsfeed jeden Sonntag zum Einwohnermeldeamt für Berghaingänger wurde, weil sich Clique um Clique gegenseitig wie wild markierte, konnte man das noch unter enthusiastisch und technikaffin verbuchen. Aber der Ort ohne Bilder entwickelt ein lustiges Eigenleben. Kein noch so schlecht recherchierter, pseudo-investigativer Artikel in großen deutschen Medien, erodiert die Legende vom Berghainadel (Der Freitag) so sehr wie die Facebook-Seiten. Service und Unterhaltung rund um den Gottesdienst. Überblick gefällig?

Bildung 
Die Berghain Universität dagegen scheint den NC ganz abgeschafft zu haben, wenn man sich die eifrig Immatrikulierten anschaut. An Erasmus-Studenten mangelt es auch nicht. Ohne mir ein Urteil über Forschung und Lehre anmaßen zu wollen, einen Abschluss auf dem druffen Bildungsweg wünsche ich niemandem.

Musik
Die einzige wirklich nützliche Verquickung zwischen Facebook und Feierkultur scheinen mir die Musikseiten zu sein, auf denen ab Montag munter die Sets mit Namedropping nachgezeichnet werden.

Talkshow
Dann sind da noch die Berghainis… Eine erlesene Gruppe ironiefreier Intellektueller, die orthodox vom Tempel schwärmt und allen Abweichlern in undruckbarem Deutsch Hausverbot androht. Hier kann man Bilder von Keksen in der Form des Berghain-Logos posten ohne sich dafür schämen zu müssen.

Soap
Um Weihnachten hatte jemand wohl richtig derb Langeweile, denn ein Feier-Gossipgirl freundete sich in Rekordschnelle mit den Einwohnern des Hipster-Habitats an. Die wenigen Posts lasen sich orthographisch wie dadaistische Lyrik, doch die xoxo-Attacke wurde abgewehrt: die Person wurde gelöscht. Mit ihr der Versuch schlimme Outfits, Liebeleien und andere Ausrutscher festzuhalten. Danke, Facebook.

Dating
Ein schüchternes Lächeln vor dem Darkroom, ein Augenaufschlag neben der Box – oft reicht ein einziger druffer Moment um eine Bekanntschaft fürs Leben zu schließen: Spotted: Berghain/Panorama Bar bietet jetzt, in BVG-Manier, die Möglichkeit Partybekanntschaften anonym auszurufen. „♥ SHARE THE LOVE! ♥“ (sic!) Hier kann man all die süßen Jungs finden, denen man am Sonntag noch die Drogen weggenascht hat:

Ich suche einen süßen Boy, den ich Silvester kennengelernt hab. (…) wir haben uns verloren nachdem wir dein Keta auf dem Panoramabarklo weggezogen haben. Kurz vorher haben wir uns noch über den gemeinsamen Hass auf Deutsche und über Schimmelkäse unterhalten.

Es wäre so schön dich weiterzusehen.”


So viel Service, wer will da noch selbst feiern gehen?

Comment (1)

  1. großartig!

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