Gesichter zur Kunst #1

Ab jetzt jeden letzten Freitag im Monat meine neue Kolumne auf artiberlin.de:

Gesichter zur Kunst #1

Wer sind die Menschen, die die Kunst in Berlin prägen? Wer lebt, arbeitet, schafft hier? Wer stellt aus, wer kuratiert? Wer sammelt? Wer rezipiert? Wer stellt die Infrastrukturen? Um diesen Frage nachzugehen, muss man an die Menschen herantreten, die genau das tun. Sie sind die Gesichter zur Kunst. Diesen Monat: Rebecca Brodskis.


Wir treffen uns in einem immer überfüllten Café in Mitte und nehmen mit zwei Kaffee Platz an der Theke. Zwischen Lernstress und einem Galeriebesuch nimmt sich Rebecca Zeit für ein Gespräch mit mir. Wir sprechen über ihr Schaffen, ihre bisherige Lebensgeschichte und die kleinen Vorteile, die das Leben und Arbeiten in Berlin mit sich bringt.

Aufgewachsen in Paris, die Großmutter Malerin, war das Zeichnen und Malen für Rebecca immer Teil ihres Lebens. Sie studierte zunächst Malerei in Paris und wechselte dann zum St. Martin‘s College in London. Sie kam mit hohen Erwartungen, die allerdings enttäuscht wurden: anstatt Freiheit, verpasste man ihr ein einschränkendes Korsett an Unterrichtseinheiten und Vorschriften, viel Technik und wenig Theorie. Sie wechselte noch in London von der Malerei zum Video, verlässt St. Martin‘s und geht nach New York, wo Sie für den Videokünstler Lars Laumann arbeitet. Schließlich kommt sie 2010 nach Berlin und bleibt.

Rebecca ist eine umtriebige Person. Ihr Sprachduktus ist hektisch, sie fixiert ihren Zuhörer, um dann wieder abzuschweifen. Während sie von ihrer Zeit am St. Martins College erzählt, kann man spüren, wie wenig ihr die Ausbildung dort zugesagt hat. Berlin scheint ihr mehr zu liegen, denn hier findet sie, wie sie sagt, Einsamkeit, wenn sie sie braucht – und Nähe, wenn sie sie wünscht. Die Toleranz der Menschen, der Respekt ihrer Freunde, gibt ihr Raum zum Arbeiten.
„Hier geht es nicht um Geld“, sagt sie. „Du kannst einen kostenlosen Ausstellungsraum bekommen, weil jemand mag, was du machst.“ In New York dagegen, ginge es mehr um Markt und Geld – die Kunst trat für sie in den Hintergrund. Im Frühjahr organisierte sie auf 1200qm Ausstellungsfläche in Weißensee mit anderen Künstlern eine temporäre Ausstellung. Things fall apart war ein großer Erfolg, ganz ohne Werbung, ganz ohne Budget, nur Facebook und Mund-zu-Mund-Propaganda. Das soziale Netz in Berlin trägt ihr Schaffen. Die Synergien, die sich hier ergeben, ermöglichen dieses Happening mit Werken quer durch alle Medien zu Erfolg zu verhelfen.

Zuletzt stellte sie in Neukölln aus: Mother/Mutter. Gemeinsam mit befreundeten Künstlern bearbeitete sie das Thema Mutter und zeigte Bilder, inspiriert von Irina Ionescos arbeiten. Diese wurde in den 1970er Jahren durch Fotografien ihrer Tochter bekannt, die sie erotisch in Szene setzte. Das Verschwommene, Vage von Rebeccas Bildern ist wie ein Schleier den die Zeit über die Aufnahmen Ionescos gelegt hat. Ihre Bilder haben etwas von der Suche nach einer Essenz. Sie sind scharf, wollen das kindliche pietätlos erotisiert in Szene setzen, wollen einfangen, festhalten. Rebeccas Gemälde hingegen verbleiben im Unscharfen, scheinen eine Essenz zu verneinen – und gewinnen gerade dadurch an Intensität.

Den Weg zurück zur Malerei fand Rebecca durch einen (un)glücklichen Zufall: als sie sich das Bein brach, fand sie wieder den Mut zu zeichnen und merkte: nicht das digitale, sondern das analoge ist ihr Medium. Es sind die Zufälle und Hindernisse, die Rebecca in ihrem Leben umzudeuten weiß: der Austritt aus dem St. Martin‘s College, die Zwischenstation in New York dann der Umzug nach Berlin. Diese Stationen ermöglichten ihr die Freiheit sich von einer klassischen Ausbildung zu verabschieden und sich stattdessen in ein Soziologiestudium zu stürzen. Auf die Frage warum gerade Soziologie, entgegnet sie, es gäbe ihr den nötigen theoretischen Überbau für ihre Arbeit. Im Gegensatz zur eingeengten Ausbildung an den Kunsthochschulen, könne sie hier etwas über die Menschen lernen.

Wenn ihr mehr von Rebecca sehen wollt, haltet SHIFT auf dem Radar. Parties, Ausstellungen und andere Events in industriell-sakraler Atmosphäre:

Video Teaser Pre-Opening SHIFT NYE 2012/13 featuring FTOY RBOY.
Video by Rebecca Brodskis.

+++JOYEUX ANNIVERSAIRE REBECCA <3+++

Bildrechte des Porträits liegen bei Pietro Zambello. Die übrigen Bilder sind (c) Rebecca Brodskis.

Über den Autor:
Kevin lebt, arbeitet und schreibt in Berlin. In seiner Kolumne Gesichter zur Kunst widmet er sich den Kunstschaffenden Berlins. Künstler, Sammler, Kuratoren – sie kommen hier zu Wort, erzählen von sich und ihrer Arbeit. Jeden letzten Freitag im Monat: auf einen Kaffee mit der Berliner Kunstszene.

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